29.06.2026 11:21
epd Ob er seiner sterbenden Frau die Hand gehalten habe, will die erwachsene Tochter vom Vater wissen, als sie erfährt, dass die Mutter tot ist. Nein, sagt er. Er habe ihr einen Witz erzählt. Dass Tochter Judith, das alter ego der Schriftstellerin und Tänzerin Judith Kuckart, daraufhin weder schimpft noch lacht, sondern nur fragt: "welchen?", steht exemplarisch für den Ton dieses Hörspiels: in kühler Vertrautheit mit dem Prekär-Familiären, neugierig aufs Katastrophische wie aufs Trivialste, und bei aller Melancholie nie ganz ohne die Zuversicht, dass in alledem ein tieferer Sinn schlummert.
Wie der Witz mit der Schnecke geht? Dafür muss man sich in dem rund 95 Minuten langen Hörspiel "Die Welt zwischen den Nachrichten" etwas gedulden. Dass sich Erinnerungen gerne Zeit lassen und sich dann einfach irgendwo niederlassen, ist das Bauprinzip von Kuckarts autofiktionalem gleichnamigen Roman von 2024, der ihrem Hörspiel zugrunde liegt. Das Buch handelt vom Aufwachsen in einfachen Verhältnissen am Rande des Ruhrgebiets in den 1960er Jahren und spannt sich bis in die Gegenwart, wo die einstigen Mitglieder ihres alten Tanzensembles noch einmal zusammenkommen, um kollektiv ihre Lebenszeiten in einen gemeinsamen Bewegungs-Text ineinander wachsen zu lassen.
Das Erzählerinnen-Ich wächst in den 60ern und 70ern auf, mit allgegenwärtigen Fernseh- und Fahndungsbildern von Terrorismus, Mondlandung, Kniefall in Warschau. Dazwischen, "zwischen den Nachrichten", spielt sich das sonstige Leben ab, mit seinen Ortswechseln zwischen Rom und Berlin, ambivalenten Freundschaften und Gewalt, die erfahren und anderen angetan wird. Es geht um die Fließbandarbeit der Oma und ums Ballett in Wuppertal, wo die Minderjährige unter Vorgaukelung eines falschen Alters bei der rauchenden Pina Bausch vorstellig wird (die das Mädchen natürlich durchschaut).
Irrlichternde Lieben und sachliche Romanzen drängen sich in die Zeitläufte, und es geht um die Zeit selbst: wie sie langsam kriecht und manchmal längst Vergessenes auftauchen lässt, wie eine nachtragende Schnecke, mit der keiner rechnet.
Während sich Kuckarts elfter Roman - sie hat auch Theaterstücke, Novellen und Erzählungen veröffentlicht - beim Driften durch die Jahre manchmal im autobiografischen Plauderton ausbreitet, ist die Hörspielfassung zu bemerkenswerter Schärfe verdichtet. Kuckart gelingt dieses spannungssteigernde Abstrahieren mit genau jener nüchternen Zuwendung und Zugriffsfreude, die sie auch im Beobachten ihrer Herkunftsfamilie, ihrer Freunde und nicht zuletzt ihrer eigenen Zeitgenossenschaft an den Tag legt. Sie streicht eine ganze Reihe an Erlebnissen, geht beim Kürzen aber auch in den Mikrobereich der Dialoge und sogar einzelner Sätze, pointiert sie noch etwas gnadenloser und schlägt daraus ein paar noch schönere Funken.
Andere, die schönsten, lässt sie gelten, etwa wenn sie die Ähnlichkeit der Augen ihrer Mutter "mit grünen Glasscherben auf einer Mauer" feststellt.
Noch deutlicher als in der Romanvorlage tritt so auch der Aspekt eines resümierenden Rundgangs durch das eigene Werk in Erscheinung. Wo der Roman Vielstimmigkeit zwar anstrebt, aber letztlich doch nah am "Ich" bleibt, sorgen noch mehr Wechsel in die Dritte Person und die Montage verschiedener Erzähl-Instanzen und wohltuend unterschiedliche Sprecherinnen (wie Juliane Köhler und Katja Bürkle) für lakonische Distanz, für eine Coolness, die weiß, dass sie sich nicht mehr zu erklären braucht, aber dennoch mit Lust den Dingen weiter auf den Grund geht.
Denn es macht ja weiter, das Leben, und damit bleibt auch die Suche nach einer Antwort auf die Frage, "wie man es schaffen kann, dass man gern lebt, bis zum Schluss". Kuckart zeigt, wie diese Frage mit unser aller Geschichte verwoben ist und all den Leichen im Keller, die nicht weniger werden.
infobox: "Die Welt zwischen den Nachrichten", Regie: Ulrich Lampen, Buch und Bearbeitung: Judith Kuckart nach ihrem gleichnamigen Roman (SWR, 28.6.26, 18.20-19.37 Uhr und in ARD Sounds)
Zuerst veröffentlicht 29.06.2026 13:21
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik Kritik.(Radio), KSWR, Hörspiel, Kuckart, Lampen, Lutz
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