30.06.2026 13:46
Kika-Quizshow "Die Imposter - Wer lügt?"
epd Die Idee ist interessant, aber der Titel passt nicht recht. Das sogenannte Imposter-Phänomen bezieht sich auf Menschen, die sich selbst für Hochstapler halten: weil sie das Gefühl haben, auf ihre Umgebung kompetenter zu wirken, als sie in Wirklichkeit sind. Es handelt sich also anders als bei dieser sechsteiligen Reihe keineswegs um vorsätzlichen Schwindel. Das Konzept des Bluffspiels ist schlicht: Sechs Kinder und junge Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren versichern zu Beginn, sie seien zum Beispiel begeisterte "Gamer" oder "Swifties". Doch zwei von ihnen lügen, sie haben sich das entsprechende Wissen eigens für die Sendung angeeignet.
Der Reiz des Zuschauens besteht wie bei klassischen Quiz-Shows im Mitraten; die Identität der "Imposter" bleibt auch fürs Publikum geheim. Zumindest die beiden Auftaktausgaben setzen allerdings ein gewisses Fachwissen voraus. Wer sich nicht für die Musik von Taylor Swift interessiert und schon gar nicht für ihr Privatleben, ist aufgeschmissen, zumal die Mitwirkenden, die sich schließlich gegenseitig ins Kreuzverhör nehmen, eindrucksvolle Kenntnisse offenbaren.
Droppt mal ein paar Easter Eggs.
Bei der Frage nach der besten "Bridge" werden viele bloß Bahnhof verstehen (das Kompositionselement durchbricht die Struktur von Strophe und Refrain). Und um beantworten zu können, in welchen Songs Swift über frühere Liebhaber singt, genügt es natürlich nicht, einfach nur Fan zu sein. Angesichts der profunden Fachsimpelei wird sich manch eine Lehrkraft seufzend denken: Würden die Kinder doch auch im Unterricht so viel Engagement zeigen. Teenager-Sätze wie "Was sind die underratetsten Songs?" oder die Aufforderung von Moderator Tobias Krell, "Droppt doch mal untereinander ein paar Easter Eggs" (versteckte Hinweise), stellen für sprachsensible Menschen allerdings echte Herausforderungen dar.
Wer wie Krell weder Gamer noch Swiftie ist, wird an den anderen Folgen mehr Freude haben, da geht es um einfachere Fragen: Wer spielt nicht Fußball? Wer hat keine Geschwister? Wer ist nicht in einem Dorf aufgewachsen? Wer kann nicht reiten? Zwischendurch äußern die Mitwirkenden ihren jeweiligen Verdacht in die Kamera, dreimal müssen sie auch Namen nennen. Wer bis zum Schluss unentdeckt bleibt, bekommt einen Pokal in Form zweier gekreuzter Finger - das Symbol dafür, wie man hinterrücks einen Schwur aufhebt.
Aufgelockert wird das Format durch Video-Einspielungen mit Gästen, in der Gaming-Folge ist zum Beispiel Elina Herpel da, deren Youtube-Kanal "AwesomeElina" eine Million Menschen abonniert haben. In der Fußball-Episode zeigt Jannik Freestyle einen Trick, den die Mitwirkenden nachmachen sollen. Noel Dederichs ist ebenfalls "Content Creator", er gibt unter anderem nutzlose Tipps in dem Tiktok-Format "Handy_Crush" (Kika/Funk) und wirkt in der Geschwisterfolge mit. In der abschließenden Dorfepisode tauchen unter großem Gegacker Hühner im Studio auf.
Davon abgesehen ist die Umsetzung recht sparsam: Die sechs Kinder und Jugendlichen stehen im Studio, hinter ihnen befinden sich Monitore, vor denen sie sich einfinden sollen, wenn sie sich mit einer dort gezeigten Aussage identifizieren können. Krells "Kommandozentrale" ist eine Art Regieraum. Nicht zuletzt dank der online-tauglichen Länge von knapp 20 Minuten ist "Die Imposter" zwar recht kurzweilig, aber ob das Format wirklich, wie der Kika hofft, "spielerisch und unterschwellig Vorurteile und Klischees" sichtbar machen kann, scheint fraglich. Aus Sicht der Zielgruppe dürfte der Unterhaltungsfaktor überwiegen.
Spannender als das letztlich eher schlichte Konzept ist seine Genese: Anlässlich der letzten Bundestagswahl hat Bavaria Entertainment gemeinsam mit Krell ein Sendungskonzept entwickelt, bei dem es darum ging, wie Kinder ihr politisches Umfeld wahrnehmen und wie man darüber im spielerisch ins Gespräch kommen kann. Doch dann wurde die Wahl vorgezogen. Daraufhin hat die Produktionsfirma den Fokus auf alltagsnahe Themen gelegt und den spielerischen Ansatz verstärkt. Parallel dazu arbeitete HR-Redakteurin Sarah Ben Bornia an einem digitalen Format, das das bei Kindern sehr beliebte "Imposter"-Spielprinzip aufgreift. Die kombinierten Ideen wurden laut Kika konsequent auf die digitale Verwertung ausgerichtet (daher der Gaming-Auftakt) und so "noch stärker an nonlineare Sehgewohnheiten angepasst."
Das Ergebnis würde aber auch im Fernsehen funktionieren und die Spielidee ist bereits 70 Jahre alt: In dem US-Format "To Tell the Truth" (1956), im deutschen Fernsehen unter dem Titel "Sag die Wahrheit" immer noch im SWR-Programm zu sehen, behaupten drei Menschen, eine besondere Geschichte erlebt zu haben oder einen ausgefallenen Beruf auszuüben, ein Rate-Team soll herausfinden, wer lügt. "Find the liar, Mittermeier" (BR, seit 2024) funktioniert ähnlich, bloß mit prominenten Gästen.
infobox: "Die Imposter - Wer lügt?", Quizshow mit Tobias Krell, Regie: Sebastian Limprecht, Produktion: Bavaria Entertainmant (Youtube/Kika/HR/WDR/SWR, seit 4.6.26 jeweils donnerstags neue Folgen, auch in der ARD-Mediathek und bei Kika.de)
Zuerst veröffentlicht 30.06.2026 15:46
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KKika, KHR, KSWR, KWDR, Quizshow, Krell, Gangloff
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