Musik als Gemeinschaftsprojekt - epd medien

01.07.2026 10:15

In der Musikdokumentation "Song Trip" reisen deutsche Musikstars rund um den Globus und tauchen ein in die musikalischen Traditionen ihrer Reiseziele. In dieser Staffel nehmen Nico Santos, Rea Garvey, Yvonne Catterfeld und Peter Maffay neue Versionen ihrer Songs auf.

Neue Staffel der Musikdokumentation "Song Trip" im ZDF

Peter Maffay, Yvonne Catterfeld, Nico Santos und Rea Garvey (von links) gehen in "Song Trip" auf musikalische Reise

epd Als Vox 2014 erstmals "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" auf Sendung schickte, war das Format eine kleine Revolution im damaligen deutschen Musikfernsehen, denn seit RTL im Herbst 2002 mit "Deutschland sucht den Superstar" war das Casting-Prinzip das Maß aller Musikshows. Jurys urteilten entweder mit kalkulierter Bosheit oder mit demonstrativer Herzlichkeit, Kandidaten mussten ihre Lebensgeschichte gleich mitliefern, und nicht selten standen die Schicksale stärker im Mittelpunkt als die Musik selbst.

Bei "Sing meinen Song" standen dagegen professionelle Musiker auf der Bühne, es gab keine Jury, keine Punktevergabe und keine Konkurrenz. Dafür entstanden völlig neue Hörerlebnisse, wenn zum Beispiel Sarah Connor aus Andreas Gabaliers "Zuckerpuppen"-Blues eine tarantinohafte Nummer auf Steirisch machte. Man lernte dabei nicht nur etwas über die Interpreten, sondern auch dies: Ein guter Song funktioniert oft auch dann noch, wenn man ihn gegen den Strich bürstet.

Wohlfühlfernsehen für Fernwehgeplagte

An diesem Punkt setzt das ZDF mit "Song Trip" an. Die Reihe ist gewissermaßen die öffentlich-rechtliche Antwort auf den Vox-Erfolg - nur mit deutlich größerem Fernweh-Faktor. "Song Trip" ist Reisedokumentation und Musikformat. Jeder Künstler reist allein an einen anderen Ort der Welt. Das Ziel bleibt, einem bereits existierenden Song eine neue musikalische Existenz zu verschaffen.

Die Reihe bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen ernst gemeintem Kulturaustausch und Wohlfühlfernsehen für Fernwehgeplagte. Es fallen Sätze wie "Musik verbindet Welten und kann alle Grenzen überwinden". Dass es trotzdem nicht ins Peinliche abrutscht, liegt am respektvollen Umgang mit den Gastgebern. Die lokalen Künstler dienen nicht bloß als exotische Kulisse für deutsche Stars, sondern prägen die musikalischen Ergebnisse sichtbar mit.

Gemeinsame "Watch Party"

In der zweiten Staffel von "Song Trip" führt die Reise Nico Santos nach Vietnam, Rea Garvey nach Sápmi im Norden Norwegens und Finnlands, Yvonne Catterfeld auf die Kapverden und Peter Maffay nach Nashville. Ergänzt werden die Reisen durch eine gemeinsame "Watch Party" in einem Fernsehstudio, bei der die Musiker ihre Abenteuer ansehen und kommentieren. Sie überhäufen sich dabei mit Nettigkeiten und Begeisterungsbekundungen. Aber geschenkt. Wir sind halt nicht bei Dieter Bohlen.

Die erste Staffel von "Song Trip" war im Sommer 2025 am späten Freitagabend im linearen Programm eher in der Quotennische verschwunden. Offenbar überzeugte das Format aber im Streaming oder zumindest die Verantwortlichen im ZDF. Die zweite Staffel fällt zwar mit vier Folgen etwas kürzer aus als die erste, die noch fünf Episoden umfasste, dafür sind die Namen der deutschen Musiker noch einmal prominenter.

Musikalische Traditionen

Jede Ausgabe folgt einem festen Muster: Einer kurzen biografischen Einführung des deutschen Musikstars folgt der touristische Teil. Ein "Local Guide", perfekt Deutsch sprechend, führt die Gäste durch Landschaften, Bräuche und musikalische Traditionen. Nico Santos wird in Vietnam zum Tai-Chi-Frühsport abgeholt, Rea Garvey bastelt in Lappland aus Rentierhufen ein Instrument (Shaker), Yvonne Catterfeld haut mit kapverdischen Frauen auf Batug-Trommeln. Erst im letzten Drittel beginnt die eigentliche Arbeit: die gemeinsame Produktion einer neuen Version des mitgebrachten Songs.

Die Reihe vermittelt eine zeitgenössische Vorstellung vom Musikmachen. Zwei oder drei Laptops, vielleicht noch eine Gitarre, dazu ein improvisiertes Studio in inspirierender Landschaft - und schon entsteht Kunst. Musik als globales Gemeinschaftsprojekt ohne geografische und kulturelle Grenzen und ohne große technische Hürden. Ist das wirklich so einfach? Wie viel Vorarbeit, Abstimmung und Arrangements bereits vor den Dreharbeiten stattgefunden haben, erfährt das Publikum nicht.

Erfahrener Weltenbummler

Eine Ahnung davon bekommt man bei Rea Garveys Reise nach Sápmi, der vorgibt, mit "zero Vorbereitung, aber 150 Prozent Begeisterung" anzureisen. Die lokale Musikerin zeigt sich von den spontanen Ideen des Iren nur begrenzt begeistert. Sie habe schon eine bestimmte Vorstellung im Kopf. Da wird für einen kurzen Moment sichtbar, dass die Kreativität offenbar stärker organisiert ist, als die Sendung glauben machen möchte.

Dabei gibt sich "Song Trip" große Mühe, Überraschungen zu inszenieren. Mal taucht plötzlich ein vietnamesischer Kinderchor auf, der die Produktion bereichern soll, mal steht auf den Kapverden scheinbar unvermittelt eine Karnevalstruppe bereit. Das gehört zur Erzählung des Formats, der man trotz aller Skepsis gerne folgt. Eine Ausnahme bildet Peter Maffay. Mit seinen 76 Jahren ist er der erfahrenste Weltenbummler der Runde, er hatte bereits eine Karriere, als man noch davon sprach, eine "Scheibe" zu machen.

Einfach der Peter

Entsprechend groß ist der Respekt bei Yvonne Catterfeld, als Maffay beiläufig erwähnt, dass er bereits 2001 mit der kapverdischen Nationalheiligen Cesária Évora gearbeitet habe. Gleichzeitig fällt seine Episode etwas aus dem Rahmen. Während die anderen Musiker betonen, nahezu unvorbereitet in ihre Abenteuer zu starten, hatte Maffay sich Nashville ausdrücklich gewünscht und seinen dortigen musikalischen Partner bereits mehrfach besucht. Der Überraschungseffekt bleibt daher begrenzt.

Für die komischste Szene der Staffel sorgt trotzdem Maffay. Er freue sich darauf, in Nashville endlich einmal nicht als Peter Maffay erkannt zu werden, erklärt der Musiker zu Beginn seiner Reise. Er komme nicht als Star, sondern einfach als Peter. Wenig später wird er von seinen Gastgebern mit beinahe ehrfürchtiger Höflichkeit empfangen. Die Google-Recherche hatte ergeben, dass hier offenbar einer der größten deutschen Musikstars in der Honky-Tonk-Bar vorbeischaut.

"Song Trip" basiert auf der Idee, dass gemeinsames Musizieren Menschen egal welcher Prominenz und kultureller Verwurzelung verbindet und Verständigung dort ermöglicht, wo Sprache an ihre Grenzen stößt. Das mag gelegentlich naiv wirken, aber es ist eine sympathische Naivität, getragen von guten Musikern und schönen Bildern, die Lust auf Begegnung mit dem Fremden machen.

infobox: "Song Trip", vierteilige Musikdokumentation mit Nico Santos, Rea Garvey, Yvonne Catterfeld, Peter Maffay, Regie: Max Lanfeldt, Juliane Taudt, Buch: Trang Nguyen, Judith Holzwarth, Produktion: Content Laden (ZDF-Mediathek, seit 29.6.26, ZDF, ab 17.7.26, jeweils freitags um 23.30-0.15 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 01.07.2026 12:15

Senta Krasser

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Song Trip, Musikdokumentation, Santos, Garvey, Catterfeld, Maffay, Lanfeldt, Taudt, Nguyen, Holzwarth, Krasser

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