03.07.2026 08:40
Komödie "Die Tagebücher von Adam und Eva" auf Arte
epd Adam und Eva sind immer noch unter uns. Respektive: Männer und Frauen haben sich seit Adam und Eva kaum geändert. Dies ist die bottomline von Mark Twains launigen Betrachtungen über die Charaktere der beiden Geschlechter, als einfache Lebewesen gesehen in der Umgebung des Garten Edens, den Eva, die allem sofort einen Namen gibt, "Niagarafälle-Park" nennt. Die jüngst erst geschaffenen "Wesen", maskulinen oder femininen Geschlechts, laufen und springen durch einen hier als Wildnis imaginierten paradiesischen Urzustand und machen sich ihre Gedanken.
Mark Twain hat diese Gedanken Ende des 19. Jahrhunderts aufgezeichnet, Franz Müller hat einen Film daraus gemacht. Das Publikum schaut zu und darf sich wiedererkennen. Zu seiner großen Erleichterung zeigt sich früh, dass das Stück, das die Geschlechter da über ihren Urzustand aufführen, ungemein heiter und vergnüglich ist, auch wenn sie selbst das gar nicht so wahrnehmen. Denn der Humor, das legt der Film nahe, wird erst auf einer späteren Entwicklungsstufe erlernt. Etwa zur selben Zeit, in der eine weitere bedeutende Fähigkeit zur Verwirklichung drängt: die Liebe.
Um gleich von Anfang an klarzustellen, dass Mann und Weib nicht nur im Paradies wie Adam und Eva agiert haben, sondern immerzu, sehen wir auf einem anderen, wenig paradiesischen Schauplatz, nämlich der Stadt Berlin, ebenfalls menschliche Wesen herumlaufen und einander in den Weg treten, die sich als Männlein und Weiblein entpuppen und Leute von heute sind. Sie reden nicht viel, machen aber Dinge, die denen von Adam und Eva in der Wildnis verwandt sind. Also: Sie schauen einander an und reden aneinander vorbei, laufen voreinander weg und lachen einander aus.
Zuerst zum Look: Adam und Eva tragen ihre Nacktheit als Kostüm. Eva ist in einen hautfarbenen, blickdichten Body gehüllt, Adam hat eine ebensolche Badehose an, beide tragen vor dem Geschlecht größere taschenartige Hüllen, seine ist größer und etwas ausladend, versteht sich, beider Brustwarzen sind durch bunte Kügelchen betont. Auf ihren Köpfen sitzen dicke Wollperücken, Evas rötlichfarbene Pracht fällt über ihre Schultern. Bei den Szenen in Berlin sehen die Personen so aus, wie sie heute aussehen. Deshalb freut man sich immer wieder auf die Paradies-Szenen - gedreht in einem argentinischen Naturpark - in denen fantastisch kostümierte Darsteller die Tiere mimen: Saurier, Bären und schneeweiße Löwen. Die Kostümbildnerin Chiara Minchio hat verdientermaßen einen Preis für diese Arbeit erhalten.
Jetzt zur Story: Als Adam noch solo durch den Garten Eden streifte, war er, so verrät das Voiceover, zufrieden. Aber jetzt ist da noch ein "Wesen mit langen Haaren", das ihm hinterherläuft und "ganz schön lästig" ist. Eva wiederum sieht sich selbst als ein "Experiment" und nennt Adam "das andere Experiment". Über sich sagt sie im Voiceover: "Ich bin sehr interessant", eine große Zuneigung verbindet sie mit ihrem Spiegelbild.
Den maulfaulen Kerl findet sie tolpatschig, aber da er nun mal da ist, muss sie, die geborene Forscherin, ihn erkunden und ihm nahe bleiben. "Wenn er mir seinen Namen nennen würde, würde mich das interessieren." Er nimmt aber lieber Reißaus, vor allem, weil sie so viel redet. Die Texte, die von Alex Brendemühl (Adam) und Anca Androne (Eva) als Selbsterkenntnisse und Fremderfahrung vorgetragen werden, stammen von Mark Twain.
Es kommt, wie es kommen muss, die Schlange erscheint und verlockt Eva: da gebe es doch diesen Baum mit den Äpfeln ... Adam und Eva beißen in die Frucht und diskutieren lange miteinander, wer nun schuld sei, dass danach nichts mehr so ist, wie es war. Es heißt, sie müssten jetzt arbeiten, um zu leben. Das Schockierendste aber: Sie sind ja nackt! Sie klauben sich aus Büschen und Stauden allerlei abenteuerliche Bedeckungen zurecht. Und dann kommen die Kinder, Kain und Abel. Eva nimmt sie lässig in Empfang, Adam fühlt sich überrumpelt und gestört. Gern würde er Kain nach dessen Hinscheiden ausstopfen, aber Eva ist dagegen.
Dieses teils gröbliche, teils subtile Spiel mit den Geschlechtscharakteren ist ungeheuer amüsant, man könnte ewig weiterschauen. Der Reiz des Spiels, das uns Autor und Regisseur Franz Müller vorführt, liegt in seiner (und Mark Twains) Abneigung, den einen oder anderen Charakterzug, Impuls, Vorsatz, die eine oder andere Eigenart, Begabung, Selbsteinschätzung als Filmemacher zu bewerten. Er lässt die Dinge so sein, wie sie sich im Augenblick zeigen. Er lässt die Puppen tanzen. Hauptsache komisch.
"Die Tagebücher von Adam und Eva" schöpfen aus einer Quelle, die heutzutage weitgehend vertrocknet zu sein scheint, obwohl sie für die künstlerische Inspiration ganz besonders wichtig ist: die der kindlichen Erstbegegnung mit der Welt. Der Stoff legt dies nahe, aber auch Franz Müller und sein Team werden ihre besondere Freude daran gehabt haben, Situationen zu inszenieren und darzustellen, die aus dem kindlichen Staunen, dem Ursprung allen Spiels herrühren.
Dabei reden Adam und Eva als Erwachsene, die sie ja auch sind. Aber sie verhalten sich wie Kinder, die ihre bisherige Erfahrung, nämlich der Mittelpunkt der Welt zu sein, allmählich aufgeben müssen. Dafür lernen sie etwas Neues und Tröstliches: einander zu lieben. Wo sie doch einander zu Beginn bloß "lästig" waren oder höchstens "interessant". Müller ist ein kleiner Geniestreich gelungen: mit Kinderaugen (wo er die bloß her hat?) auf Erwachsene zu schauen und sie so in Kinder zurückzuverwandeln, ohne dass sie aufhören, erwachsen zu sein. Oder so ähnlich. Poetisch funktioniert die Idee zu 100 Prozent.
infobox: "Die Tagebücher von Adam und Eva", Komödie nach dem Text von Mark Twain, Regie und Buch: Franz Müller, Kamera: Agustín Mendilaharzu, Markus Koob, Produktion: Franz Müller Filmproduktion (Arte/SR, 24.6.26, 23.55-1.20 Uhr, Arte-Mediathek bis 23.7.26)
Zuerst veröffentlicht 03.07.2026 10:40
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, KSR, Komödie, Twain, Müller, Sichtermann
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