Staunenswerte Entdeckungen - epd medien

04.07.2026 08:15

In "Faszination Tiefsee - Expedition zum Grund der Meere" erkundet Martin Papirowski eine unbekannte Welt: Die Erde ist zu 70 Prozent von Wasser bedeckt, doch was sich auf dem Grund der Meere verbirgt, ist weitgehend unerforscht.

Dokumentation "Faszination Tiefsee"

Der Barreleye Fish ist ein Tiefsee-Lebewesen

epd Das Zeitalter der Abenteuer und Entdeckungen ist für viele längst Vergangenheit, den Globus hat die App Google Maps ersetzt, mit der sich jeder Punkt der Erde heranzoomen lässt. Doch die Polregionen oder die Tiefsee sind auf Google Maps nicht zu finden. Martin Papirowski widmet diesen lichtlosen Bereichen des Meeres eine Dokumentation, deren Titel "Faszination Tiefsee" eine klare Untertreibung ist.

Papirowski blättert fast enzyklopädisch die verschiedenen Schichten der Tiefsee auf - von der Mythologie über Technikgeschichte, Forschung, Abenteuer bis zu Klima und Ökologie. Doch darüber hinaus gelingt es ihm, diese wortwörtlich in Untiefen führende Reise auch zu einer Expedition für den Zuschauer zu machen. Unterwasseraufnahmen von phantastisch anmutenden Tiefsee-Organismen wie dem Barreleye Fish mit transparentem Kopf und grünen Augen ergänzt er mit einigen mithilfe von Künstlicher Intelligenz generierten Computeranimationen von Fabelwesen wie dem monströsen Leviathan, aber auch mit Modellszenen, die den tiefsten Tiefseepunkt, den Marianengraben, mit dem Grand Canyon vergleichen. In der Animation verschwindet das Wasser plötzlich vom 11.000 Meter tiefen Meeresboden.

Nur 27 Prozent des Meeresbodens sind vermessen

Ein starker Kontrast sind die grobkörnigen Schwarzweißszenen vom 23. Januar 1960, als Jacques Piccard und Don Walsh dort erstmals hinabtauchten. Ein umgekehrtes Himmelfahrtskommando, das die beiden in einem ungetesteten Prototyp einer Tauchkapsel mit einem kleinen Bullauge unternahmen.

Doch der Film schwelgt nicht in dem für viele Wissenschaftsdokumentationen typischen Machbarkeitsrausch. Besonders eindrucksvoll ist der direkte Vergleich, den die Doku zwischen Tiefsee- und Weltraum-Erkundungen herstellt. So sei der weit entfernte Mars dank rasend schneller Satelliten deutlich besser vermessen als die Tiefsee, erzählt Papirowski. 70 Prozent der Erde sind von Wasser bedeckt, bislang sind jedoch nur etwa 27 Prozent des Meeresbodens vermessen worden.

"Leben in Zeitlupe"

Die Tiefsee, das macht die Doku deutlich, ist ein komplett anderes Ökosystem als das an der Erdoberfläche. Ein "Leben in Zeitlupe", so beschreibt es der Meeresbiologe Rainer Froese. Eine Welt, in welcher der Grönlandhai 500 Jahre alt wird, ohne zu erkranken. Immer wieder zeigt die Dokumentation betörend schöne Unterwasserbilder von an Fabelwesen erinnernden Kreaturen und setzt nüchterne Zahlen dagegen. Um die Größe eines halben Sandkorns wächst die Kaltwasserkoralle im Jahr. Durch die Fischerei mit riesigen Grundschleppnetzen werden Jahrtausende alte Organismen "in einem Augenblick vernichtet", heißt es.

Besonders dramatisch ist die Sache mit den Manganknollen, die hochkonzentrierte Rohstoffe für die Hightech-Welt enthalten und bis zu einem Kilo schwer werden. Dabei, so die Doku, wachsen sie nur einen Millimeter in 50.000 Jahren. Zu sehen sind bereits abgefischte Meeresböden, deren Ökosystem zur toten Sandwüste mutiert. An der Wasseroberfläche machen Forscher sich das Phytoplankton zunutze, das Kohlendioxid aufnimmt und Sauerstoff abgibt. Ein Wal bindet im Lufe seines Lebens 33 Tonnen Kohlendioxid, und wenn er stirbt, haben Lebewesen am Meeresboden Nahrung für Jahrzehnte.

Ein Visionär

Scheinbar mühelos wechselt Papirowski zwischen den unterschiedlichen Narrativen der Dokumentation. Es beginnt mit einer Hommage an Jules Verne, einem computergenerierten goldenen Aufzug, der in die verschiedenen Etagen der Tiefsee führt, wechselt dann zur Bathymetrie, der Gewässervermessung, schwenkt kurz über zur Thalassophobie, der Angst vor dem tiefen Meer und den Mythen der Seeungeheuer.

Abenteuerlich sind auch die Bilder der ersten Taucher, 1844 in Sizilien. Sie wagten sich mit einem aufgesetzten Rauchschutzhelm für Feuerwehrleute und einer Luftpumpe in die Tiefe. Eindrucksvoll erscheint Jules Vernes als Museum zugängliches Anwesen in Amiens mit Bibliothek, Salon und dem maritimen Steuerrad im Turmzimmer. Auch er ein Visionär, der reale Erfindungen seiner Zeit in die Zukunft weiterdachte. Ein damals auf der Pariser Weltausstellung von 1864 vorgestelltes U-Boot-Modell, das nur zehn Meter tauchen konnte, versetzte er mit der damals noch gar nicht verfügbaren Elektrizität 20.000 Meilen unter das Meer.

Hommage an eine bedrohte Natur

Noch ist die Tiefsee eine Terra Incognita. 90 Prozent der belebten Erde, sagt die Meeresbiologin Antje Boetius, liegen in der Tiefsee, die nur zu einem Bruchteil erforscht ist. Das will Victor Vescovo ändern. Der Ex-Marinesoldat, Milliardär, Investor und Forscher hat eine Tauchkapsel entwickelt, die inzwischen als Tiefsee-Shuttle fungiert und der Forschung faszinierende Einblicke gewährt. Ein Abenteuer, das im Selbstversuch begann, in Meerestiefen, in denen das Gewicht von vier Autos als Druck auf der Fläche eines Daumens lastet.

In der Schlusssequenz schließlich zeigt der Film eine grüne Bierflasche, Zivilisationsmüll, herabgesunken in die zehn Kilometer tiefe, unberührte Tiefsee. Der Film lässt die Zuschauer selbst zu staunenden Entdeckern werden. Papirowskis Dokumentation ist eine Hommage an eine bedrohte Natur, die der menschlichen Fantasie und Technik um Ewigkeiten voraus ist.

infobox: "Faszination Tiefsee - Expedition zum Grund der Meere", Dokumentation, Regie und Buch: Martin Papirowski, Kamera: Timm Westen, Nick Verola, Nick Sneath u.a., Produktion: men@work Media Services S.R.L., Film Produktion Stein (Arte/WDR, 4.7.26, 20.15-21.40 Uhr, Arte-Mediathek bis 1.10.26)



Zuerst veröffentlicht 04.07.2026 10:15

Dieter Dehler

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, Dokumentation, Papirowski, Dehler

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