04.07.2026 09:10
Wie autoritäre Regime kritische Medienschaffende bedrohen
epd Im Juni hat das Europäische Parlament einen Bericht zur Bekämpfung transnationaler Repression verabschiedet. Der Begriff beschreibt die grenzüberschreitende Verfolgung von Regimekritikern und Medienschaffenden durch autoritäre Staaten. Ein Problem, das sich laut dem europäischen Bericht in den vergangenen Jahren verschärft hat.
Folgen dieser wachsenden transnationalen Repression waren auch auf der vom Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart veranstalteten Branchentagung Dokville zu beobachten: Für ein Panel über den Dokumentarfilm "Russland im Krieg - ein Land zwischen Propaganda und Widerstand", den Arte am 18. August ausstrahlen wird, konnten die russische Regisseurin und ihr Editor aus Sicherheitsgründen nicht nach Stuttgart reisen. Lyobov Sinitsina und Konstantin Sinitsin - in beiden Fällen handelt es sich um Pseudonyme - waren während der Diskussion nur per Video zugeschaltet. Beide verbargen Teile ihres Gesichts hinter einer Maske.
Bei der diesjährigen Dokville, die unter dem Motto "Demokratie unter Druck - Ist unsere Zivilgesellschaft am Ende?" stand, wurden in zwei sogenannten Case Studies die Probleme und veränderten Rahmenbedingungen diskutiert, mit denen Medienschaffende konfrontiert sind, wenn sie über Kriege kritisch berichten - und eine der Kriegsparteien genau das mit allen Mitteln zu verhindern versucht.
Die zweite Diskussion in Stuttgart dazu widmete sich dem am 2. Dezember 2025 bei Arte erstausgestrahlten Dokumentarfilm "Inside Gaza", der Ende April mit dem Roman-Brodmann-Preis ausgezeichnet wurde. Die Regisseurin Hélène Lam Trong richtet ihren Blick hier auf die ersten Monate des Krieges in Gaza und auf die Arbeit und das Leben von drei Journalisten und einer Journalistin der Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP)
Die beiden bei der Dokville-Tagung behandelten Filme zum Thema Krieg haben gemeinsam, dass die jeweiligen Regisseurinnen nicht vor Ort drehen konnten. Hélène Lam Trong traf die Journalisten von AFP erst, nachdem die Nachrichtenagentur im Frühjahr 2024 ihre festangestellten Mitarbeiter in Gaza evakuiert hatte; sie selbst konnte aufgrund des Einreiseverbots für internationale Medienvertreter nicht in das Gebiet reisen.
Lyobov Sinitsina und Konstantin Sinitsin hatten ihr Land bereits vor den Dreharbeiten zu "Russland im Krieg" verlassen. "Selbst wenn wir - rein hypothetisch - in Russland geblieben wären, hätten wir den Film nicht drehen können", sagte Sinitsina in der Diskussion.
Letztendlich sind Kino und Fernsehen es nicht wert, dass jemand dafür sein Leben riskiert.
Ihre Auftraggeber bei der Firma Vincent Productions und aus der Arte-Redaktion des SWR haben die beiden bis heute nie persönlich getroffen - obwohl sie gemeinsam eineinhalb Jahre an dem Film gearbeitet haben. Auch die Kommunikation mit Unterstützern, Mitarbeitern und Protagonisten vor Ort fand ausschließlich digital statt. Sinitsina sagt dazu, sie hätten auf "frühere Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit politischen Aktivisten und Menschenrechtsaktivisten in Russland zurückgreifen" können. Zugutegekommen seien Editor Sinitsin und ihr auch, dass sie Kontakte zu Angehörigen politischer Gefangener haben, von denen sich einige im Film äußern.
Tristan Chytroschek von Vincent Productions sagte, die Sicherheit der Protagonisten zu schützen, habe seiner Firma natürlich "Kopfschmerzen" bereitet - wie auch dem Filmteam und dem Sender. Fest steht für ihn: "Letztendlich sind Fernsehen oder Kino es nicht wert, dass jemand dafür sein Leben riskiert."
"Russland im Krieg" macht auch deutlich, dass die Repressionen mit zunehmender Dauer des russischen Kriegs in der Ukraine gewachsen sind. Eine Künstlerin, die für den Film interviewt wurde, kam sechs Monate danach ins Gefängnis. Im Film ist auch zu sehen, wie Ehefrauen, Eltern und Kinder von Soldaten 2023 auf dem Roten Platz in Moskau gegen den Krieg protestieren. Zu dem Zeitpunkt seien Protestveranstaltungen zumindest unter großen Gefahren für die Teilnehmenden noch möglich gewesen, sagt Editor Sinitsin. Heute seien sie nicht mehr denkbar. Die Zivilgesellschaft in Russland hat keinen öffentlichen Raum mehr.
Die Idee für "Inside Gaza" entstand, als die israelische Armee Anfang November 2023 das Büro von AFP in Gaza zerstörte. Produzent Yann Ollivier von der AFP-Tochter Factstory sagte in Stuttgart, als Israel eine internationale Nachrichtenagentur ins Visier genommen habe, sei ihm bewusst geworden, dass in Gaza etwas passiere, was über den Krieg gegen die Hamas hinausgehe. Die Gewinnung von Partnern auf Senderseite habe sich dann jedoch als "sehr, sehr kompliziert" erwiesen. Arte France und der belgische Sender RTBF seien die einzigen öffentlich-rechtlichen Häuser gewesen, die bereit waren, die Geschichte des Krieges "aus der Perspektive in Gaza arbeitender Journalisten zu erzählen". Mehrere deutsche Sender hätten abgewinkt.
Zur medialen Rezeption des Films sagt Ollivier, in Frankreich habe das Team nach der Ausstrahlung Einladungen von allen großen Fernseh- und Radiosendern bekommen, in Deutschland sei dagegen nur eine Rezension erschienen, in der "Süddeutschen Zeitung". Diese Diskrepanz habe er als "schockierend" empfunden. Umso mehr hätten sich die Macher durch die Auszeichnung mit dem Roman-Brodmann-Preis "geehrt" gefühlt.
Zu den Arbeitsbedingungen in Gaza äußerte sich auf dem Panel der AFP-Fotograf und Videojournalist Belal Al-Sabbagh, der 2024 mit dem prestigereichen Rory Beck Award ausgezeichnet wurde. Er gehört zwar nicht zu den Protagonisten von "Inside Gaza", Regisseurin Trong verwendete aber zahlreiche Fotos und Filmaufnahmen von ihm. Al-Sabbagh sagte, er überlasse es jedem anwesenden Journalisten, sich vorzustellen, was es bedeutet, "wenn man nicht mehr die gewohnte Büro-Ausstattung zur Verfügung hat" und an ständig neuen Orten immer wieder neue Logistik aufbauen müsse.
Die Dokville-Organisatoren zeigten Szenen aus "Inside Gaza", die im regenreichen Winter 2023/2024 in der Stadt Chan Yunis entstanden. In einer Szene ist zu sehen, wie Wasser in das dortige provisorische AFP-Büro eindringt und die Journalisten hektisch versuchen, ihr Equipment vor Schaden zu bewahren.
Um besser zu verstehen, wie die AFP-Journalisten in Gaza bis zum Frühjahr 2024 die Kraft aufbringen konnten, trotz Internet- und Stromausfälllen, Hunger und anderer Widrigkeiten ihre Arbeit zu verrichten, ist ein weiterer von den Dokville-Machern ausgewählter Ausschnitt hilfreich: Zu Beginn von "Inside Gaza" sagt die Redakteurin Mai Yaghi, sie habe vor dem gegenwärtigen Krieg auch bereits die Kriege 2008, 2012, 2014 und 2021 als Journalistin miterlebt und in der Zeit sei das AFP-Büro in Gaza für sie zu einer "Familie" geworden. Daran knüpfte auf dem Panel Al-Sabbagh an, als er den Begriff der journalistischen Teamarbeit ausweitete. Für seine Mitstreiter und ihn habe Teamarbeit manchmal geheißen, "dass meine Kollegen für meine Familie Essen besorgen - oder ich für ihre".
Tristan Chytroschek machte am Ende der Diskussion auf ein generelles Problem aufmerksam, mit dem Regisseurinnen und Produzenten bei Filmen aus Kriegsregionen konfrontiert sind. Er selbst hat im Zusammenhang mit einer Produktion über den Bürgerkrieg in Myanmar erfahren, dass es schwieriger wird, Protagonisten, die sich mit regierungskritischen Äußerungen in Gefahr bringen könnten, zu schützen. Es reiche nicht, ihre Stimme zu verfremden und ihr Gesicht unkenntlich zu machen. Autoritäre Regime hätten immer bessere Software zur Verfügung, um solche Sicherheitsvorkehrungen auszuhebeln.
Auch solche Maßnahmen der Verfolgung bedachten die Dokville-Organisatoren bei der Planung: Die Case Study zu "Russland im Krieg" war der einzige Teil der Tagung, der nicht aufgezeichnet wurde: Die Veranstalter wollten verhindern, dass das russische Regime mithilfe einer digitalen Analyse eines Mitschnitts Rückschlüsse auf die Identität der Filmemacher oder ihren Aufenthaltsort ziehen kann.
infobox: Thema der Dokville, die am 18. und 19. Juni in Stuttgart stattfand, war: "Demokratie unter Druck - Ist unsere Zivilgesellschaft am Ende?" Die Dokville ist ein Branchentreffen, das jedes Jahr vom Haus des Dokumentarfilms ausgerichtet wird. Bei der Tagung wurde am 18. Juni die Österreicherin Ruth Beckermann mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet, der in diesem Jahr erstmals vergeben wurde.
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: René Martens ist freier Journalist und Autor von epd medien.
Zuerst veröffentlicht 04.07.2026 11:10 Letzte Änderung: 06.07.2026 09:13
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Dokumentarfilm, Tagungen, Martens, NEU
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