07.07.2026 09:11
Hörspiel "Hologrammatica" nach dem Roman von Tom Hillenbrand
epd Andreas Bicks musikalisches Hauptthema klingt wie ein gigantisches Datenpaket, das sich durch ein Kabel quetschen muss. Ein wabernder Synthesizer-Akkord, der kurz darauf ohne abzusetzen in einen tieferen hinübergleitet, dann wieder hinauf, schließlich ganz in die Tiefe. Die Musik sagt: Eine unausweichliche, dramatische Zukunft steht bevor. Zuvor hat die Stimme von Nico Holonics beschrieben, was in den letzten Jahren passiert ist. Im Jahr 2045 hat die Menschheit eine Super-KI ans Netz genommen, die den Klimawandel stoppen sollte. Doch Aether, so ihr Name, entzog sich der menschlichen Kontrolle und musste gewaltsam wieder eingehegt und zerstört werden.
Künstliche Intelligenz wurde streng reguliert. Seitdem ist die Erderwärmung vorangeschritten. Territorien wie Sibirien sind plötzlich beliebte Wohnorte. Die Erdbevölkerung ist durch eine Viruspandemie geschrumpft. Frauen, die sich mit dem neuartigen Schröder-Pizarro-Virus ansteckten, wurden unfruchtbar.
Inzwischen schreiben wir 2088 und eine weitere Technologie ist so allgegenwärtig geworden wie mobiles Internet in den 2020ern: Hologramme. Er lebe in der "Hologrammatica", erklärt Hauptfigur Galahad Singh (Holonics) den Hörenden. Einer Welt, in der kaum etwas ist, was es scheint, weil Menschen mithilfe des Holonetzes alles und jeden mit holografischen Schichten überziehen können. Sie nutzen es zur Verkleidung und Verschönerung, aber auch zum Verdecken von Verborgenem.
Singh ist, wie sich später herausstellt, der Sohn eines superreichen Unternehmers mit eigenem Hyperschall-Jet, hat sich aber von seiner Familie abgewandt, um als Quästor zu arbeiten - die Bezeichnung für einen auf vermisste Personen spezialisierten Privatdetektiv. In dieser Rolle wird er angeheuert, um eine verschwundene Programmiererin zu finden, die ebenfalls eine vertrackte Familiengeschichte und ein ungewöhnliches Hobby hat. Sie ist Spezialistin für die Technik, ihr eigenes Gehirn und Bewusstsein digitalisieren zu lassen, um es in andere Körper herunterzuladen. Diese "Gefäße" genannten Ersatzkörper lässt sie dann bewusst sterben, um so mehr über die letzten Sekunden vor dem Tod zu erfahren.
Der Roman "Hologrammatica" des einstigen "Spiegel"-Journalisten Tom Hillenbrand erschien 2018, verkaufte sich gut und zog bisher zwei Fortsetzungen nach sich. Sein größter Reiz steckt in der Verbindung von Altem und Neuem: Einerseits ist die Welt dieses Romans voll mit philosophisch aufgeladenen Technologien wie den eben beschriebenen. Andererseits ist er aber auch eine klassische Ermittlergeschichte, die sich stark auf die Muster des Hardboiled-Krimis stützt, klar inspiriert von Cyberpunk-Noirs wie Ridley Scotts Film "Blade Runner" und William Gibsons Roman "Neuromancer".
Futuristische Settings und vertraute Strukturen gelungen miteinander zu verweben, ist ein Drahtseilakt. In Janine Lüttmanns Adaption von "Hologrammatica” ist der erste Teil deutlich besser gelungen als der zweite. Immer wenn das Hörspiel seine Science-Fiction-Seite nach vorne stellt und über fantastisch anmutende Konzepte philosophiert, hört man gebannt zu und verliert sich in den Möglichkeiten der zukünftigen Welt.
Wenn hingegen der Ermittlerplot in den Vordergrund rückt und das Gefühl entsteht, dass man sich eigentlich in einem 1940er-Krimi befindet, der nur zufällig in der Zukunft spielt, entweicht dem Hörspiel fast spürbar die Luft. Ganz abgesehen davon, dass diese Dialogszenen, in denen Galahad Singh auf einer High-Society-Party mit einer Quelle (Oscar Hoppe) schläft oder einen Klatschreporter-Freund (Daniel Zillmann) beim Karaoke trifft, damit dieser ihm Informationen besorgt, Zweifel daran aufkommen lassen, ob Singh ein guter Quästor ist oder jemals war.
Überhaupt ist Galahad Singh eine merkwürdig undefinierte Figur, die auch Nico Holonics vor Herausforderungen stellt. Dass er indisch oder indischstämmig und schwul ist, bürstet etablierte Hardboiled-Klischees erfrischend gegen den Strich, das macht aber noch keine Persönlichkeit, genauso wenig wie das immer wieder auftauchende Kindheitstrauma. Holonics spielt Singh zurückgenommen und in sich gekehrt, aber nicht übermäßig analytisch oder nachdenklich, eher ein bisschen launisch. Ein Mann, der so handelt, wie es die Geschichte verlangt. Als Singh irgendwann alle Puzzleteile des Falls für den Hörenden zusammensetzt, fragt man sich, wie er zu diesen Erkenntnissen gelangt ist.
Immer wieder erlaubt sich das rund fünfstündige Hörspiel in seinen neun Folgen merkwürdig unelegante Brüche. Zwischendurch gönnt sich Galahad Singh auf Hinweis seiner digitalen Assistentin Syd (Vanessa Loibl) den Besuch eines Quästoren-Kongresses, nur um dort ein Gespräch mit einer Kollegin zu führen und einem Redner zu lauschen, der zufällig ein weiteres plotrelevantes Konzept einführt.
Nach der Hälfte der Laufzeit wird recht unvermittelt ein zweiter Handlungsstrang mit einem anderen Erzähler eröffnet. In der letzten Stunde wird plötzlich eine Reihe neuer Personen für die Abschlussmission eingeführt, die behandelt werden, als sollten die Hörenden sie kennen und sich um sie sorgen. Das alles, meint man, wäre auch organischer möglich gewesen.
Die eigentlich interessanteste Figur hingegen ist Juliette Perotte, gespielt von Elisa Schlott. Die von Singh gesuchte Frau, die auch im Zentrum des erwähnten zweiten Handlungsstrangs steht, verkörpert die Sinnsuche der Geschichte zwischen Leben und Tod, Technik und Menschlichkeit, Aktion und Reaktion deutlich besser als ihr ermittelndes Gegenüber. Wenn Perotte auf einer mysteriösen Insel wie in einem Videospiel immer wieder in neuen Iterationen aufwacht und basierend auf dem hinterlassenen Wissen ihrer Vorgängerversionen einen Ausweg sucht, entsteht mehr Spannung als in jeder der eher statisch inszenierten Actionszenen, durch die Holonics sich immer wieder durchkeucht.
Was von "Hologrammatica” bleibt, sind weder Plot noch Inszenierung, sondern die großen Fragen, die das Hörspiel aufwirft: Wie sehr hängt Identität tatsächlich mit dem eigenen Körper zusammen? Wie würden Außenstehende auf die Menschheit blicken? Und wie würde es klingen, wenn sie versuchten, ihre Geschicke zu lenken?
infobox: "Hologrammatica", neunteilige Hörspielserie nach dem gleichnamigen Roman von Tom Hillenbrand, Regie und Bearbeitung: Janine Lüttmann, Komposition und Sounddesign: Andreas Bick (DLF App, seit 6.7.26, DLF, 11.7., 18.7. und 25.7.26, jeweils 20.05-22.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 07.07.2026 11:11
Schlagworte: Medien, Hörfunk, Kritik, Kritik.(Radio), KDeutschlandfunk, Hörspiel, Hillenbrand, Lüttmann, Matzkeit
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