Ein Chamäleon - epd medien

08.07.2026 08:10

Recep Tayyip Erdoğan ist seit 2014 Präsident der Türkei, davor war er elf Jahre lang Ministerpräsident des Landes. Die Dokumentation "Erdoğan" zeichnet nach, wie er zu einem der mächtigsten und populärsten Politiker der Türkei wurde.

Vierteilige Dokumentation "Erdoğan"

Die vierteilige Serie "Erdoğan" steht in der ARD-Mediathek

epd Wie die Karriere des türkischen Politiker Recep Tayyip Erdoğan 1994 begann, erläutert in der WDR-Dokumentation "Erdoğan" ein Mann, der 20 Jahre später zu einem Opfer des Protagonisten werden sollte. Der heutige Alleinherrscher der Türkei sei in jenem Jahr zum Bürgermeister Istanbuls gewählt worden, weil Bewohner der Stadt hofften, dass der neue Mann auf der politischen Bühne die Strom-, Wasser- und Müllprobleme der Stadt in den Griff bekommen werde, sagt der Journalist Deniz Yücel. Istanbul sei zu dem Zeitpunkt "komplett dysfunktional" gewesen, ergänzt der ehemalige Türkei-Korrespondent der Zeitung "Die Welt", der auf Betreiben Erdoğans zwischen 2016 und 2017 ein Jahr lang in Haft saß.

Die Autoren Kristina Karasu und Michael Wech zeichnen Erdoğans Weg weitgehend chronologisch nach: Aus dem "Bürgermeister zum Anfassen", wie sie ihn nennen, wird ein weltpolitischer Hoffnungsträger - jedenfalls aus Sicht von Barack Obama, der 2009, in seinem ersten Amtsjahr als US-Präsident, zu einem Staatsbesuch in die Türkei reist - und schließlich ein Diktator, den die Politikwissenschaftlerin Gönül Tol als "Chamäleon" beschreibt: Eine politische Überzeugung habe Erdoğan nicht, ihm gehe es einzig darum, seine Macht immer weiter auszubauen, meint Tol.

Wir alle wurden damals zu einem einzigen Körper.

Die Macher haben viele interessante Gesprächspartner gefunden: Zu den Interviewten zählen Fatma Bostan Ünsal, Mitgründerin der seit mehr als 20 Jahren regierenden AKP, Ertuğrul Günay, ehemaliger Kulturminister in Erdoğans Kabinett, Leon Panetta, der zwei Jahre lang US-Verteidigungsminister unter Obama war, sowie James Jeffrey, Ex-Botschafter der USA in der Türkei. Das spricht für ein starkes Netzwerk der Autoren und Produzenten.

Eine Qualität des Vierteilers, von dem in der ARD-Mediathek auch eine türkische Sprachversion abrufbar ist, besteht darin, dass er es möglich macht, die Wandlung von Personen nachzuverfolgen, die Erdoğan einst begeistert folgten, heute aber erbitterte Gegner sind. Ein Beispiel dafür ist Nihal Olçok, die Witwe von Erdoğans langjährigem Wahlkampfstrategen Erol Olçok. Über die Zeit Ende der 1990er Jahre sagt sie: "Wir alle wurden damals zu einem einzigen Körper. Jeder war Erdoğan." Damit beschreibt sie die Reaktion auf dessen Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe, deren Grund das Vortragen eines vermeintlich staatsfeindlichen Gedichts war.

Geplant wirkende Säuberungsaktionen

Heute kämpft Nihal Olçok dafür, dass die politischen Hintergründe des Putschversuchs von 2016 aufgeklärt werden. Ihr Mann und ihr Sohn Abdullah starben damals während der Unruhen. Weil Erdoğan von dem Putschversuch stark profitierte - er ermöglichte es ihm, den Ausnahmezustand auszurufen und gut geplant wirkende Säuberungsaktionen durchzuführen -, fällt es Olçok schwer zu glauben, dass der Machthaber an den Ereignissen nicht beteiligt war.

Trotz des beeindruckenden Aufwands, zum Beispiel auch bei der Archivrecherche, weist "Erdoğan" inhaltliche und formale Schwächen auf. Eine Formulierung wie "An der Spitze kann es einsam werden" mag in anderen biografischen Dokumentationen ihre Berechtigung haben, in einem Film über einen Diktator ist sie nicht angemessen. Zuweilen stimmt auch der Tonfall nicht, etwa in dem Satz: "Der Mann aus Kasımpaşa, der eigentlich Fußballspieler werden wollte - er hat jetzt so viel Macht wie niemand zuvor seit Staatsgründer Atatürk." Das klingt, als wäre der aus einem Arbeiterviertel stammende Erdoğan der Protagonist eines Märchens.

Anders als die Aggression von Erdoğans Regierung nach innen findet die Aggression nach außen keine Erwähnung. Die türkische Besetzung von Teilen Nordsyriens seit 2016 zum Beispiel - obwohl die Autoren in Gönül Tol vom Middle East Institute in Washington eine Expertin für das Thema hatten. Tol ist Autorin des 2023 erschienenen Buchs "Erdogan’s War: A Strongman's Struggle at Home and in Syria".

Keine eigene Analyse

Das Kernproblem von "Erdoğan" ist wieder einmal der zu hohe Off-Text-Anteil. Dem Mehrteiler hätte es besser getan, wenn die Macher sich für längere O-Ton-Passagen entschieden und dort mehr Informationen untergebracht hätten. Dann hätte das Bildmaterial in den Abschnitten zwischen den Interviewpassagen stärker wirken können. Stattdessen wird es in "Erdoğan" manchmal durch Worte erdrückt.

Auch fehlt eine eigene Analyse der beiden Autoren. Sie beschränken sich auf Beschreibungen, Zusammenfassungen und Überleitungen. Das ist bei einer Dokumentation mit einer Laufzeit von mehr als zwei Stunden zu wenig.

infobox: "Erdoğan", vierteilige Dokumentation, Regie und Buch: Kristina Karasu, Michael Wech, Kamera: Jörg Adams, Martin Christ, Yalcin Öztürk, Produktion: Broadview Pictures (ARD-Mediathek/WDR, seit 29.6.26, ARD, 8.7.26, 22.50-0.00 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 08.07.2026 10:10

René Martens

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, Dokumentation, Karasu, Wech, Martens

zur Startseite von epd medien