09.07.2026 07:56
Hörspiel "P R I N C E - FunkyPurpleAssoziationen"
epd Das Gefühl für das eigene Leben, das wissen Pubertierende ebenso wie Ältere, kann einem manchmal zwischen all den Ablenkungen und Anstrengungen des Alltags verloren gehen. Dann taucht plötzlich die Frage auf: Wie bin ich eigentlich geworden, wer ich bin? Es sind lange nicht gehörte Popsongs, die dann Erinnerungen wachrufen an Zeiten und Gefühle, für die es keine Worte gibt, nur Lyrics, Beats und Sounds.
Die österreichische Hörspielautorin und -regisseurin Elisabeth Weilenmann nahm den zehnten Todestag des amerikanischen Sängers, Komponisten, Songwriters und Multiinstrumentalisten Prince zum Anlass, ihre eigene Biografie mit dem Leben des Stars assoziativ zu verweben. Das Ergebnis ist eine tänzerische, doppelte Revision, ohne dass der eine Teil über den anderen dominiert.
Seit es Popstars gibt, dienen sowohl ihre Musik als auch ihre Biografien als Erzählhilfe fürs eigene Leben. Dabei geht es meist um einen Mann, der seine Identität über seine Plattensammlung, seine Mixtapes, seine Listen oder sein Musikwissen konstruiert, mit Nick Hornbys "High Fidelity" als wohl bekanntestem Beispiel. Popmusik wird zum Medium der Selbstverortung, das Auskennertum zum Distinktionsmittel, zum Wissen der wahrhaft Eingeweihten. Dass sich auch Frauen auskennen und dabei ihre Identität keineswegs bloß aus vermeintlichen Spiegelbildern wie Taylor Swift generieren, die nicht müde werden ihren Fans gegenüber zu beteuern, genau wie sie zu sein, zeigt "P R I N C E - FunkyPurpleAssoziationen".
Mit großer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit erzählt Weilenmann von einem kleinen Bauernmädchen, dem in den 90er Jahren zwischen dem Muhen der Kühe die reizvolle Exaltiertheit eines Mannes nicht entgeht, der im ekstatisch entrückten Falsett "Kiss" singt, aber auch seinen Bariton nicht verheimlicht. Der auf High Heels seine Hüftgelenke ruiniert - gleiches Recht für alle - und zugleich vom cis-männlichen heterosexuellen Begehren mit einer Frechheit und Unbedingtheit singt, dass es auch einem Landei zwischen Heuschober und Misthaufen ganz anders zumute werden kann.
Was Popmusik in uns auslösen kann.
Nicht chronologisch habe sie sein Werk kennengelernt, sagt Weilenmann und springt lässig ungeordnet zwischen den Songs, Princes Biografie und ihren eigenen Lebensphasen hin und her. Die Durchnummerierung der Kapitel entlang der zehn Lieblingssongs der Autorin geben dramaturgische Struktur, etablieren aber keine Hierarchie.
Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste wählte "P R I N C E" zum Hörspiel des Monats Juni mit der Begründung, es erzähle "auf sehr berührende Weise, was Popmusik in uns auslösen kann, was wir mit ihr verbinden und warum sie einige von uns ein Leben lang begleitet". Dieses Phänomen, das immer ein bisschen unerklärbar bleibt, hat bei Prince und seiner ihn bewundernden Autorin recht unverblümt mit Lebenshunger, also einem umfassend erotischen Weltverhältnis zu tun: mit der Lust zu lieben, was man tut, der Lust, etwas zu erschaffen und wachsen zu sehen. Auch wenn man es irgendwann loslassen muss.
Alina Fritschs Sprechweise bringt Tempo und Sexiness in das Hörspiel, womit die exaltierte Innerlichkeit und bejahende Oberflächlichkeit mancher Songtexte liebevoll herausgefordert werden. Das tut dem zwischen Melancholie und schamloser Selbstermächtigung changierenden Thema gut, gibt es doch nichts Langweiligeres als ausschließlich anbetenden Fan-Kult ohne Ironie und Reibung. In den besten Momenten spricht Fritsch die Texte auf Deutsch einfach mit, während "Forever In My Life" oder "Little Red Corvette" läuft. Das Darübersprechen präpariert eine unmittelbare Frische aus diesen Texten heraus, als fielen der Sprecherin die Lyrics in diesem Moment ein. Oder als wären es gar keine Lyrics, sondern etwas, das im Moment gilt.
Mit dem Hörspiel hat Weilenmann nicht nur ein zärtliches Denkmal für Prince geschaffen, sondern auch für das Einverständnis damit, dass Musik dieser Aneinanderreihung flüchtiger Momente, die man Leben nennt, Dauer verleiht. Sogar über Generationen hinweg, solange man selbst nicht aufhört, vom Schönsten und Bewundernswertesten zu singen und zu erzählen.
infobox: "P R I N C E - FunkyPurpleAssoziationen, Hörspiel, Regie und Buch: Elisabeth Weilenmann (Deutschlandfunk Kultur/ORF/HR 5.7.26, 18.30-19.30 Uhr und bei orf.at)
Zuerst veröffentlicht 09.07.2026 09:56
Schlagworte: Medien, Kritik, Radio, Kritik.(Radio), KORF, KHR, Prince, Hörspiel, Weilenmann, Lutz
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