Ein Mann für alle Preise - epd medien

12.07.2026 09:00

Vor der Kamera wirkt er auch nach 40 Jahren Fernsehkarriere noch immer wie der sympathische Jedermann. Boulevardjournalismus, Sport, Quiz, Politiktalk, Jahresrückblicke - Günther Jauch, so scheint es, kann alles. Jetzt wird er 70.

Günther Jauch wird 70

Als Moderator von "Wer wird Millionär" ist Günther Jauch auch nach 27 Jahren noch ein Quotengarant für RTL

epd Er ist der Publikumsliebling der Deutschen. Als Journalist, Moderator und ehemaliger TV-Produzent seit mehr als 50 Jahren im Geschäft, erfolgreich, sozial engagiert, vielfach ausgezeichnet: Günther Jauch. Am 13. Juli feiert er seinen 70. Geburtstag. Und es wäre nicht verwunderlich, wenn jemand auf die Idee käme, ihn als neuen Bundespräsidenten vorzuschlagen. Gewählt wird der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier am 30. Januar 2027. Jauch for President - warum nicht? Schon vor knapp 20 Jahren wünschte sich jeder zweite Deutsche laut einer Umfrage des Emnid-Instituts Günther Jauch als Bundeskanzler.

Dagegen spricht allerdings, dass der Wahl-Potsdamer in Interviews immer mal wieder einem denkbaren Wechsel in die Politik eine Absage erteilt hat. "Wenn ich an Fraktionsdisziplin denke, an all die nötigen Absprachen et cetera et cetera, das wird mit mir schwierig. Deshalb ist der politische Alltag nichts für mich", zitierte ihn zum Beispiel Christoph Amend im August 2009 in der "Zeit".

Ehrlich wirkendes Interesse

Jauch mag vor der Kamera der Typ sympathischer Jedermann sein. Seine Fähigkeit, allen Kandidatinnen und Kandidaten mit ehrlich wirkendem Interesse zu begegnen, schnell eine Gesprächsebene auf Augenhöhe zu finden und mit eingestreuten persönlichen Anekdoten Nähe herzustellen, hebt "Wer wird Millionär?" aus dem reichen Angebot an Quizshows heraus. Aber Jauchs Ungeduld mit den Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen ist in der RTL-Show, die er seit 1999 moderiert, bisweilen ebenfalls zu spüren.

Manchmal schreitet er wie ein Oberlehrer durch die Reihen, macht sich über die falschen Antworten der Kandidatinnen und Kandidaten lustig oder gibt mit gespielter Empörung den von der allgemeinen Ignoranz enttäuschten Besserwisser. Und wenn ihn sein Gegenüber auf dem Kandidatenstuhl langweilt, lässt sich das leicht an seinem Gesicht und einer zunehmend desinteressierten Haltung ablesen. Allerdings kann man ihm auch nach fast 30 Jahren und mehr als 1.700 Sendungen nicht vorwerfen, dass er den Quiz-Klassiker wie eine routinierte Moderationsmaschine abspulen würde.

Anfänge im Hörfunk

"Wer wird Millionär?" hat in den Anfangsjahren drei- bis viermal so hohe Einschaltquoten und Marktanteile eingefahren. Heute sind es noch, wenn es hoch kommt, drei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer. Doch mit Marktanteilen zwischen 13 und 15 Prozent - auch bei der von RTL angepeilten Zielgruppe der 19- bis 59-Jährigen - liegt Jauch zumeist immer noch über dem Senderdurchschnitt. Ein Ende ist noch nicht angekündigt. Allerdings hatte Jauch im Mai 2012 der "Süddeutschen Zeitung" gesagt: "Ich glaube ernsthaft, dass ich in 15 Jahren mit Fernsehen absolut nichts mehr zu tun haben werde." Diese Frist läuft in einem knappen Jahr ab.

Wie so viele Fernsehtalente hat der in Münster geborene und in Berlin aufgewachsene Günther Jauch im Radio angefangen, 1975 zunächst als freier Mitarbeiter des Sportfunks vom RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor). Der Sohn des Journalisten Ernst-Alfred Jauch, der das Berliner Büro der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) leitete, hatte sein Jura-Studium abgebrochen, bewarb sich schließlich bei der Deutschen Journalistenschule in München und startete Ende der 1970er Jahre als Hörfunk-Moderator beim Bayerischen Rundfunk durch.

"Live aus dem Alabama"

Dort trafen Jauch und Thomas Gottschalk erstmals aufeinander, wurden durch die Moderation der B3-"Radioshow" zu einem populären Duo. "Er gab den Witzknödel und ich den wahnsinnigen Informationsvermittler", erinnerte sich Jauch später. Eine Rollenaufteilung, die die Karriere der beiden Freunde über Jahrzehnte prägte, bis zum Ende der RTL-Show "Denn sie wissen nicht, was passiert" im Dezember 2025. Nach Gottschalks Rückzug aufgrund einer Krebserkrankung gaben auch Jauch und Barbara Schöneberger die Moderation der Show ab.

Im Fernsehen war Jauch in mehr als 40 Jahren auf nahezu allen Kanälen präsent. Er moderierte die Jugendsendung "Live aus dem Alabama" im Bayerischen Fernsehen, wurde als Jungspund im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF bundesweit bekannt und ab den 1990er Jahren zur Allzweckwaffe bei RTL. Er begründete 1990 mit dem wöchentlichen Magazin "Stern TV" den Versuch, die strikte Trennung von Information und Unterhaltung aufzuheben - eine Boulevard-Grenzgängerei, die nicht immer gut ging: Mit dem viel beschäftigten Jauch als Chefredakteur fiel "Stern TV" auf gefälschte Filme des freien Autors Michael Born herein.

Populärer Preisträger

Seiner Karriere konnte das wenig anhaben. 2000 gründete Jauch die Kölner Produktionsgesellschaft i&u TV - und verkaufte seine Anteile 2019 an die US-Finanzinvestoren von KKR. 2011 wurde er doch noch Gastgeber der Talkshow am Sonntagabend in der ARD, obwohl er sich Jahre zuvor über die öffentlich-rechtlichen Strukturen und deren "Gremien-Gremlins" derart geärgert hatte, dass eine Einigung über die Nachfolge von Sabine Christiansen nicht zustande gekommen war. Seine Zeit als Gastgeber der am meisten beachteten Fernseh-Talkshow endete im Jahr der Flüchtlingskrise 2015, in der auch AfD-Rechtsaußen Björn Höcke bei "Günther Jauch" zu Gast war und seine Deutschland-Flagge über der Sessellehne ausbreitete. 2025 moderierten Jauch und Pinar Atalay bei RTL das "Quadrell" vor der Bundestagswahl mit den vier Kanzlerkandidaten.

Ob Polittalk, Boulevardjournalismus, Sport, Quiz, Jahresrückblicke - Günther Jauch war und ist auf vielen Feldern zu Hause. Nebenbei betätigt er sich als Winzer auf einem Weingut in Rheinland-Pfalz. Kaum zu überblicken sind seine zahlreichen Auszeichnungen, vom "Krawatten-Mann des Jahres" (1991) bis zum "Karl-Valentin-Orden" (2025), denn vom Glanz eines populären Preisträgers fällt natürlich immer auch etwas auf die Stifter.

Ein Tor würde dem Spiel guttun.

Jauch erhielt nahezu alle bedeutenden Medienpreise des Landes, von der "Goldenen Kamera" bis zur Besonderen Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbands bei der Grimme-Preisverleihung 2001. Der Journalist hat zweifellos Fernsehgeschichte geschrieben: Unvergessen bleibt etwa die Kommentierung des Champions-League-Halbfinals von 1998 in Madrid an der Seite von Marcel Reif. Weil ein Tor umgefallen war, mussten beide bei RTL 76 Minuten Leerlauf bis zum Spielbeginn überbrücken, was ihnen derart unterhaltsam gelang, dass Fußball-Floskeln wie "Ein Tor würde dem Spiel guttun" bis heute einen besonderen Beiklang haben.

In seiner Wahlheimat Potsdam engagiert er sich als spendabler Mäzen, steuerte etwa eine Million Euro zur Sanierung der Friedenskirche bei, in der er und seine Frau Thea 2006 heirateten. Das Paar hat zwei leibliche und zwei adoptierte Töchter. Beim Schutz seines Privatlebens versteht Jauch allerdings keinen Spaß. Gegen die Zeitschrift "Bunte" zog er wegen der Berichterstattung über seine Hochzeit bis vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof - und verlor.

Hasspost wegen Impfkampagne

In Werbespots für Einwegflaschen, Versandapotheken oder Versicherungen offenbart Jauch zwar miserable schauspielerische Fähigkeiten, aber aus finanziellen Gründen dürfte er diese Rollen kaum übernommen haben. Also muss er wohl Überzeugungstäter sein, was ihm als Gesicht der Impfkampagne der Bundesregierung während der Corona-Pandemie ausnahmsweise viel Hasspost einbrachte. Jauch las Auszüge daraus bei "Stern TV" vor.

In Offenen Briefen, die er unterzeichnet hat, befürwortete er zum Beispiel die Aufnahme von Afghanen, denen dies von der Bundesregierung zuvor zugesichert worden war, den Erhalt der Hörfunksendung "Zeitzeichen" oder die Weiterführung des Pflichtfachs Religion an Berliner Schulen. Zwar lässt er bei seinen öffentlichen Auftritten keine Präferenz für eine politische Partei erkennen, aber "everybody’s darling", der es sich mit niemandem verscherzen möchte, ist Jauch keineswegs. Man muss ja auch nicht Bundespräsident werden, um sich gesellschaftspolitisch einzubringen.

Thomas Gehringer Copyright: Foto: privat Darstellung: Autorenbox Text: Thomas Gehringer ist freier Journalist und Autor von epd medien.



Zuerst veröffentlicht 12.07.2026 11:00

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Personalien, Jauch, Gehringer

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