Gegen den Optimierungswahn - epd medien

13.07.2026 10:16

"Das Manko" ist anders als alles, was es sonst im Fernsehen oder im Streaming zu sehen gibt. Die ZDF-Serie über liebenswert inkompetente Angestellte ist aus der Kreativität des Schauspiel-Ensembles entstanden.

ZDF-Comedyserie "Das Manko"

Das Kollektiv organisiert den Widerstand gegen die Lagerleitung, von links: Romantik Manko (Jan Krauter), Perplex Manko (Sebastian Grünewald), Horror Manko (Carol Schuler), Mauerblümchen Manko (Julia Schubert), Wichtig Manko (David Simon) Bienchen Manko (Annika Meier)

Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts, abgekürzt GbR, ist laut Wikipedia "die einfachste Form der Personengesellschaft in Deutschland". Ihr juristischer Witz ist, dass sie direkt entsteht, "wenn zwei oder mehr Personen gemeinsam ein Gewerbe ausüben" in dem sie "einen gemeinsamen Zweck verfolgen". Im Gegensatz etwa zur GmbH ist kein finanzieller Einsatz nötig, anders als in der Kapitalgesellschaft gibt es nicht den unbeschränkt haftenden Komplementär und die Kommanditisten als stille Kapitalgeber. Die GbR ist ein echtes Kollektiv, birgt aber auch ein Risiko: Alle haften für alle.

Im Fall der Theatergruppe Das Manko GbR ist die angegebene Vergesellschaftungsformung eine Spielerei und künstlerische Begriffsübersetzung. Das Manko-Kollektiv besteht zwar aus verschiedenen Manko-Darstellenden, so gibt es etwa Wut Manko, Wichtig Manko oder Panik Manko, alle zusammen bilden das Kollektiv. Das wird sichtbar in den choreographierten Einzelbildern des Manko-Gruppenzusammenhangs, die seelischen Komplementärzustände spiegeln sich in Mimik und Gestik im Fernseh-Vierteiler "Das Manko" wider.

Viele Aha-Effekte

"Das Manko" ist anders als ziemlich alles, was es in der Fernsehfiktion sonst zu sehen gibt, gleichzeitig ist die Serie vollkommen anschlussfähig. Man muss nur hinschauen, um lauter Aha-Effekte zu bemerken. Zu Beginn der ersten Folge mit dem Titel "Eskalation in Beige" gilt es noch, eine kleine Hürde zu nehmen: Irgendwo in einer anonymen deutschen Behörde, umgeben von brutalistischer Betonarchitektur, sitzen beigegekleidete Mitarbeiter in einem Großraumbüro vor Exceltabellen. Keiner spricht. Manche simulieren Aktivität. Als das Telefon klingelt, erschrickt das Kollektiv zu Tode. Kundschaft! Der plötzlichen Hysterie folgt das Zurücksinken in Lethargie. Gefahr gebannt.

Bis der Chef (Bjarne Mädel) über die Lautsprecheranlage die frohe Botschaft verkündet: "Schnitzeltag!" Drei graue Berater gebieten der Freude Einhalt. Nach hochnotpeinlicher Beobachtung und Befragung jeder einzelnen Person des verstörten Kollektivs präsentieren sie dem Chef zwei Listen: Die "High Potentials", die zur Weiterbildung geschickt werden sollen und die "Low Performer", die umgehend zu feuern sind. Natürlich werden beide Listen vertauscht, die Streber erhalten Zellophanbeutel mit was Süßem und ihre Entlassung, die "Minderleister" dagegen stehen bald vor dem Gebäude, um per autonom fahrendem Bus (dessen Autonomie den Freiheitsbegriff der Maschine konsequent interpretiert) als gemeinsames Manko ihre Odyssee durch verschiedene Arbeitswelten anzutreten.

Dem Tod die Schippe entreißen

Eine der Besonderheiten von "Das Manko" ist, dass Sprache und Gesang nur sehr sparsam, dafür umso effektvoller eingesetzt werden. Das meiste entsteht durch "Physical Comedy" (für die Älteren unter uns: Pantomime). Die Personen des "Manko" spielen messerscharf, einerseits tanztheaterhaft, andererseits erinnert ihre Performance in den eskalierenden Situationen an die Präzisionskomik von Jerry Lewis. Gelegentlich benutzen die Spielenden, so als Gast Andreas Döhler als befehlsgewohnter Vorarbeiter in einem Logistikzentrum mit riesigem Hochregallagersystem, auch eine brabbelnde Suada, aus der Wortbruchteile herausragen wie Audiopfeiler oder wie Erinnerungen an Louis de Funès.

Zunächst wird das kollektive Manko nach dem Ausbruch aus der Behörde in einem Klinikum für ein Team finnischer Ärztespezialisten gehalten, zum Operieren geführt oder zur Diagnostik Moribunder. Schließlich endet diese Folge in einem Hase-und-Igel-Rennen mit dem Sensenmann persönlich über den Krankenhausflur, bei der das Manko Slapstick einsetzt, um dem Tod die Schippe zu entreißen. In der letzten Folge landet die Gruppe bei der Schutzengelausbildung und unter der Knute einer dauerschreienden Engeltrainerin, die an faschistische Turnlehrerinnen á la Bund Deutscher Mädel erinnert.

Feier der Inkompetenz

"Das Manko" ist von absurder Komik, konkret und zielführend. Geradezu genial in der Abstimmung von Musik (Carsten Meyer) beziehungsweise Sounddesign (Philipp Feit) und Darstellung, von Montage (Benjamin Ikes) und Regie (Arne Feldhusen). Die vier Folgen fügen sich nicht zuletzt durch den von Sophie Rois naturlexikalisch trocken gesprochenen Off-Kommentar über das Verhalten von Herden zu einer Feier der Inkompetenz.

Die Manko-Truppe, bestehend aus Annika Meier, Sarah Bauerett, Julia Schubert, Florian Anderer, Sebastian Grünewald, Jonas Hien, David Simon, Bastian Reiber, Jan Krauter, Carol Schuler und Christoph Jöde wirkt als Clown-Kollektiv 2.0 wie eine Impfung gegen den herrschenden Optimierungswahn. Allen Perfektionsgetriebenen ist "Das Manko" dringend auf Rezept zu verschreiben.

infobox: "Das Manko", vierteilige Comedyserie, Regie: Arne Feldhusen, Buch: Das Manko GbR, Bastian Reiber, Arne Feldhusen, Kamera: Mathias Schöningh, Produktion: Razor Film (ZDF-Mediathek, seit 13.7.26, ZDF, 17.8.26 alle vier Folgen von 0.10-1.50 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 13.07.2026 12:16

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Feldhusen, Das Manko GbR, Reiber, Hupertz

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