14.07.2026 07:09
Skurrile ZDF-Serie "Sheep"
epd Schafe als handelnde Protagonisten sind seit den Glenkill-Schafskrimis von Leonie Swann und der Erfolgsserie um Shaun, das Schaf ein vertrauter Topos in Film und Literatur. Allerdings besteht das Shaun-Universum aus modellierten Figuren, die mittels Stop-Motion agieren, die Glenkill-Welt entsteht - abgesehen von der späteren Verfilmung - lediglich aus Lettern, einigen Zeichnungen und Fantasie.
Oliver, Lara, Manfred, Joleen oder Luftpumpen-Hans sind dagegen echte Schafe. Sie sind die Protagonisten in der deutsch-österreichischen Miniserie "Sheep", die etwas völlig Neues wagt. Schauspielerinnen und Schauspieler wie Birgit Minichmayr, Verena Altenberger, Jella Haase, Merlin Sandmeyer, Roland Düringer und Michael Ostrowski leihen ihnen ihre Stimmen, die Schafe sprechen überwiegend österreichisch. In gerade mal fünf Folgen á 20 Minuten wird die Geschichte der Selbstermächtigung einer Schafherde erzählt.
Dabei scheint die Welt aus Schafsicht anfangs durchaus perfekt. "Am Anfang war nix. Und dann auf einmal wir. Aus der Wiege der Schafheit haben wir einen ganzen Planeten bevölkert. (...) Wir haben den Menschen domestiziert und nach unseren Vorstellungen geformt. Jetzt bleibt nur eines: die Suche nach dem Sinn." Auf der Fahrt zum Hof eines neuen Bauern träumen die Schafe davon, sich "beim Obermoser" nun endlich selbst zu entfalten und "zu verwirklichen" - die Obermoser-Großmetzgerei erscheint ihnen als Pforte zum Paradies. Selbst Oliver (Merlin Sandmeyer), ein junger, rebellischer Schafbock mit drei widerspenstigen Wollzwirbeln auf der Stirn, wird angesichts der allgemeinen Schafeuphorie schwankend.
Allerdings entdeckt er bei einem nächtlichen Einbruch in den Schuppen des Bauern eine zum Trocknen aufgehängte Schafkeule, später beobachtet er den Bauern (Markus Schramm), als der zusammen mit Metzger Obermoser von der Schafshaxe probiert. Dahin ist die Illusion vom Schafparadies. "Die bringen uns um und legen uns aufs Brot", berichtet er seinen Mitschafen aufgeregt, doch niemand will ihm glauben. Erst als der alte Manfred, ein Schafbock, der sich nach seinen wilden Jahren dem Zen-Buddhismus verschrieben hat, vom Bauern vor aller Schafsaugen mit einem Bolzenschussgerät hingerichtet wird, macht sich Verzweiflung breit. Doch ein unter Führung der wissenschaftlich hochbegabten Lara (Birgit Minichmayr) ausgeklügelter Fluchtplan scheitert vorerst am Elektrozaun.
Die dank der exzellenten Sprecherinnen und Sprecher aufs Schönste geprägten Charaktere und die Interaktion der Schaf-Gemeinschaft stehen zwar im Fokus, doch daneben wird auch das Umfeld des Bauern beleuchtet, und das nahezu wortlos. Der ist frustriert, sein Alltag trist und monoton - bis hin zur immergleichen Fleischmahlzeit der Familie am Abend. Seine Frau hängt mit Handtuchturban ständig vor Talkshows mit Markus Lanz ab, der Sohn zockt am Computer. Nichts, was dem Schafmord irgendeinen Sinn geben würde.
Umso mehr fühlt man mit den Schafen mit, die man unweigerlich ins Herz schließen muss, allen voran Oliver, der sich, nach einer etwas irritierenden Folge vier, in der das etwas verpeilte, berlinernde Schafmädchen Joleen (Jella Haase) und zu viele halluzinogene Pilze eine Rolle spielen, schließlich zur Rettung seiner Schaf-Community entschließt. Seine Vision: freiheitliche Autonomie auf Sardinien, wie die dortigen Mufflons. Dafür riskiert er sogar das eigene Leben: Irgendwer muss letztlich die von den Schafen selbst gebaute, befreiende Sprengstoffladung auslösen.
Wer es über der Spannung bis zum Happy End versäumt, auf die vielen liebevollen Details zu achten, dem entgeht vieles: etwa der verräterisch plärrende Partyfisch ("Hier fliegen gleich die Löcher aus'm Käse"), Manfreds buntes Häkelmützchen, das vom Bauern als Bieruntersetzer missbraucht wird, Bärchenwurst, die über die Fleischtheke gereicht und von Kindermündern verschlungen wird.
"Sheep" ist mit so viel Liebe, Skurrilität, Witz und Detailfreude inszeniert, dass der Erfolg auf Festivals nicht wundert: Bei Canneseries gewann "Sheep" im April den Student Award "Short Form Competition", beim Seriencamp 2026 den Preis für die beste Short Form Serie. Und wer nach dem Ansehen von "Sheep" beim Einkauf an der Fleischtheke nicht ins Grübeln kommt, hat kein Herz. Es könnte immerhin Oliver sein, oder Lara. Nicht nur den Hauptdarstellern sei ein sehr langes Leben bis zu einem natürlichen Tod vergönnt.
infobox: "Sheep", fünfteilige Miniserie, Regie: Leni Gruber, Alex Reinberg, Buch: Leni Gruber, Alex Reinberg, Sebastian Huber, Kamera: Patrick Wally, Produktion: Horse&Fruits Filmherstellung (ZDF-Mediathek, seit 13.7.26, ZDF, 24.8.26, 0.00-1.40 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 14.07.2026 09:09
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF
zur Startseite von epd medien