16.07.2026 13:14
Ein Dokumentarfilm zeigt, wie über Frauen im Fernsehen gelacht wurde
epd Kaum etwas führt den Zeitgeist vergangener Jahrzehnte deutlicher vor Augen als die zahllosen Fernsehbeiträge, die in den Senderarchiven aufbewahrt werden. Angesichts von Unterhaltungssendungen aus den 60er oder 80er Jahren wird man sich unweigerlich über damalige Moden und Frisuren amüsieren, das vergleichsweise betuliche Tempo bestaunen und daran erinnern, worüber damals gelacht wurde. Vieles davon macht heute einfach sprachlos.
Der Dokumentarfilm "Was haben wir gelacht" von Eva Müller und Isabel Schneider, der jetzt in den Kinos läuft, erzählt Geschichten aus der Geschichte des deutschen Unterhaltungsfernsehens der 1980er bis 2000er Jahre konsequent aus Frauenperspektive. Fünf Pionierinnen der Comedy und TV-Unterhaltung - Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins - blicken darin zurück auf jene Zeit, in der Männer die Branche definierten. Der Film, der vom ZDF koproduziert wurde, wird hoffentlich auch bald im ZDF zu sehen sein.
Frauen waren anfangs entweder Ansagerinnen oder Assistentinnen, die vor allem "gut aussehen und durchlächeln" mussten, sagt Böttinger. Später kamen dann die "Co-Moderatorinnen" in Shows oder Galas - ganz so, als dürfe man Frauen nicht allein auf eine Bühne lassen. Kroymann zitiert das damals in der Branche verbreitete Mantra, dass Frauen nun mal nicht witzig sein könnten. Das bedeutete in der Comedy wie in der Gesellschaft auch eine klare Machtverteilung und Deutungshoheit: "Wer bestimmt, worüber gelacht wird, hat Macht", sagt Böttinger. Und es wurde viel gelacht, gern auf Kosten von Frauen, die meist als Objekte der Comedy angesehen wurden, nicht aber als scharfsinnige, selbstbewusste, schlagfertige und witzige Akteurinnen.
Über zwei Jahre hat das Filmteam recherchiert und unzählige Stunden TV-Aufzeichnungen in Archiven gesichtet. Das zutage geförderte Material verdeutlicht, dass viele Szenen, die uns heute fassungslos machen, noch vor 30 Jahren im Fernsehen gang und gäbe waren. Es ist alles dabei: Altherrenwitze (die sogenannten "Schenkelklopfer"), Sexismus, Zoten, Respektlosigkeit, Grenzüberschreitungen.
Sein Schlagzeug liegt ja nun im Krankenhaus.
Vieles wirkt heute geradezu unerträglich: Die gefühlte Endlosschleife der Ausschnitte aus "Wetten dass..?" mit Thomas Gottschalk, der den weiblichen Gästen die Knie und anderes tätschelte oder sie mit anzüglichen Bemerkungen in Verlegenheit brachte, die süffisanten Anspielungen eines smarten Giovanni di Lorenzo gegenüber Esther Schweins in einer Talkshow oder die üblen Witzeleien über die Meldung, dass Verona Feldbusch von Dieter Bohlen geschlagen worden war wie in Rudi Carrells Bemerkung 1996 in "7 Tage, 7 Köpfe": "Sein Schlagzeug liegt ja nun im Krankenhaus."
Auf eine jüngere Generation, die mit sehr erfolgreichen komischen Frauen wie Carolin Kebekus, Hazel Brugger, Martina Hill oder Anke Engelke in der TV-Unterhaltung sozialisiert wurde, mögen Szenen wie jene, in der Harald Schmidt Bettina Böttinger mit einer Klobrille auf eine Stufe stellte und dafür Lacher erntete, heute überaus verstörend wirken. Man muss weder Gender Studies noch feministische Literatur studiert haben, um zu begreifen, dass hier rote Linien weit überschritten werden.
Es genügt, die Situation umzukehren. Wie würden sich männliche Gäste fühlen, wenn ihnen von einer Showmasterin ständig an den Hintern gegrabscht würde? Oder, frei nach Kant, wie würden sie sich fühlen, wenn sie mit einer Klobrille verglichen würden? Kurz: Hier geht es nicht um akademisch verbrämten Männerhass, als der Feminismus oft denunziert wird: Hier geht es um menschlichen Anstand. Das verdeutlichen auch die Reaktionen des Publikums in den Archivszenen: Es fällt auf, dass bei "Frauenwitzen" vor allem die Männer lachen, während Frauen eher peinlich berührt wirken. Dass Frauen keinen Humor verstünden, kann nicht der Grund dafür sein: Denn bei den frühen Auftritten von Hella von Sinnen oder Maren Kroymann sieht man vor allem die Frauen herzhaft und sehr befreit lachen.
Dieser Film führt vor Augen, wie viel Kraft, Mut und Witz Frauen in den 1980er und 90er Jahren aufbrachten und aufbringen mussten, um der männlichen Dominanz und den Grenzüberschreitungen etwas entgegenzusetzen und dabei zugleich eigene Muster zu durchbrechen, die viele Frauen internalisiert hatten: das Mitspielen, das beherrschte Weglächeln - denn sonst galt man ja als zickige Spaßbremse. Man kann heute nur erahnen, wie sehr auch die männlich dominierten senderinternen Strukturen zu diesen Rollenzuweisungen beitrugen.
Und manche Details, von denen die Protagonistinnen hier sprechen, sind auch im Nachhinein erhellend: Hella von Sinnen weist etwa auf eine TV-Werbung für Binden hin, auf die man blaue Tinte schüttete, um die Saugfähigkeit zu demonstrieren. Bloß keine Assoziationen zu Blut, bitte! Es könnte auf männliche Zuschauer beängstigend wirken. Während sexistische Anspielungen als völlig normal galten, waren "weibliche" Themen wie Menstruation, Frauensexualität, die Wechseljahre oder gar Abtreibung tabu.
Der Film erzählt aber auch davon, dass es das eine Rezept, sich nicht mehr zum Objekt machen zu lassen, nicht gab: Die fünf Frauen, die hier zu Wort kommen, sind unterschiedliche Wege gegangen. Und wirklich berührend ist, wie diese Pionierinnen im Film Solidarität, Empathie und die gegenseitige Achtung füreinander zum Ausdruck bringen.
Dass die 80er Jahre uns heute so fern erscheinen, hat auch eine trügerische Seite. Denn dass ein Film wie dieser auch aktuelle Relevanz hat, bewies kürzlich Dieter Nuhr. Immerhin, seine Äußerungen benennen nun auch Männer öffentlich als das, was sie sind: widerlich.
infobox: "Was haben wir gelacht", Dokumentarfilm, Regie und Buch: Eva Müller, Isabel Schneider, Produktion: Basis Berlin Filmproduktion, seit dem 16. Juli im Kino.
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Ulrike Steglich ist Autorin von epd medien.
Zuerst veröffentlicht 16.07.2026 15:14
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Frauen, Dokumentarfilm, Humor, Kroymann, Böttinger, Steglich, von Sinnen, Schweins, Köster
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