17.07.2026 07:46
Französische Serie "Surface - Das versunkene Dorf"
epd Die Einstiegswendung hat man so ähnlich schon häufiger gesehen: Eine Ermittlerin, die nach einer schrecklichen Erfahrung im Job traumatisiert ist, wird zur Erholung an einen entlegenen Ort versetzt, an dem nicht allzu viel passieren sollte. Und dann bricht genau dort die Hölle los. So gesehen beginnt die französisch-deutsche Miniserie "Surface - Das versunkene Dorf" konventionell. Die Pariser Hauptkommissarin Noémie Chastain (Laura Smet), nach einem Schrotschuss ins Gesicht auf einer Wange von Narben gezeichnet, wird ins fiktive südfranzösische Provinznest Avalone geschickt, um zu überprüfen, ob dort überhaupt noch eine eigenständige Polizeiwache vonnöten ist. Kaum angekommen, muss sie mit den örtlichen Kollegen zum nahegelegenen Stausee ausrücken, weil ein Fass mit dem Skelett einer Kinderleiche aufgetaucht ist.
Wahrscheinlich ein 23 Jahre alter Cold Case, erfahren die Zugereiste und die Zuschauer mit ihr. Kurz bevor damals der untere Teil des Dorfes umgesiedelt und für den Stausee geflutet wurde, waren dort drei Kinder verschwunden, zwei Jungen und ein Mädchen. Birgt der See also auch die Leichen der beiden anderen Vermissten? Wie und durch wen sind die Kinder mutmaßlich gewaltsam umgekommen? Und ist diese Person womöglich noch da? "Wir rollen den Fall wieder auf", verkündet Chastain, überzeugt die zuständige Staatsanwältin davon, dass sie trotz ihres Traumas genau die Richtige dafür ist, und legt los.
Es liegt an der Aura der malerischen Originalschauplätze in Okzitanien, vor allem aber an dieser Protagonistin, dass der Sechsteiler nach einem Bestseller von Olivier Norek bald nicht mehr so konventionell wirkt. Einerseits kurz angebunden und bossy, andererseits sichtbar verletzt und verletzlich, avanciert die Ermittlerin zu einer spannenden, ambivalenten Heldin. Zwar schlägt der Fremden auch Skepsis entgegen, zugleich aber spüren die Dorfbewohner, dass sie nicht unnahbar und engagiert ist - und wohl die Einzige, die genügend Abstand mitbringt, um die Verwerfungen der Vergangenheit freizulegen. Dass sie Wein zur Not aus der Flasche trinkt, nicht nur nach Feierabend kifft und gelegentlich Kopfschmerzen hat, tut dem Respekt der Kollegen keinen Abbruch. Weil die Neue "dieses alberne Sie" nicht mag, wird sie geduzt, aber zugleich mit "Chefin" angesprochen.
Wie eng verwoben die Beziehungen in der kleinen Dorfgemeinschaft sind, zeigt sich an Dienststellenleiter Romain Valant (Théo Costa-Marini). Die verschwundenen Kinder waren einst seine Freunde und Spielgefährten. Seine Mutter Catherine (Florence Muller) wiederum ist als Leiterin der Grundschule und langjährige Bürgermeisterin eine Respektsperson in der Gemeinde; in ihrem Gästehaus am See ist Chastain untergebracht. Die Vermutung, dass beide nicht alles sagen, was sie wissen, liegt frühzeitig nahe, mindert aber kaum die Spannung. Zumal mit der Ankunft der angeforderten Polizeitaucher auch noch Unterwasser-Action Einzug in das südfranzösische Sittengemälde hält.
Erst lassen die Spezialisten einen Roboter durch das (in einem belgischen Wassertank nachgebaute) versunkene Dorf gleiten, dann gehen sie selbst hinunter. Doch während sich rasch ein zweiter Kinderschädel - der des anderen Jungen - und noch weitere Fässer finden, bleiben die Überreste des vermissten Mädchens verschollen.
Ein glitzerndes Teil, das sie auf den Unterwasseraufnahmen in der Nähe der Fässer gesehen hat, lässt Chastain dennoch an den Tauchgängen festhalten. Speziell mit Hugo (Tomer Sisley), einem der Taucher, verbindet die Kommissarin sofort eine besondere Chemie - und der Draufgänger überzeugt sie, selbst einen Tauchgang zu wagen. Wie sich zuvor in mehreren Traumsequenzen angedeutet hat, trägt die Ermittlerin noch ein weiteres Trauma mit sich, das nichts mit den Gesichtsnarben zu tun hat.
Ganz ohne Comic Relief wollte der überwiegend weiblich besetzte Writers' Room die düstere Geschichte aber offenkundig auch nicht erzählen. So läuft der Kommissarin ein herzallerliebster Hund zu, und die Charakterzeichnungen der Equipe auf dem Revier bewegen sich hart an der Grenze zur Karikatur: von "Milk" (Quentin Laclotte Parmentier), dem dicklichen Youngster, der die neuesten Ermittlungsstände stets seiner jung gebliebenen Oma durchsticht, bis hin zum Fettnäpfchen-König Bousquet (Otis Ngoi), der mit ebenjener Oma ein amouröses Verhältnis unterhält.
In Frankreich war diese von Slimane-Baptiste Berhoun inszenierte Mischung im Herbst 2025 ein großer Erfolg, bescherte France Télévisions Abrufrekorde in der Mediathek. Auf Ähnliches hofft wohl nun auch die ARD - die lineare Ausstrahlung im tiefsten Sommerloch dürfte nämlich kaum besonders beeindruckende Zuschauerzahlen generieren.
infobox: "Surface - Das versunkene Dorf", sechsteilige Thrillerserie, Regie: Slimane-Baptiste Berhoun, Buch: Marie Deshaires, Catherine Touzet, Laura Piani, Gaëlle Bellan u. a., Kamera: Tristan Tortuyaux, Produktion: Quad Drama, La Compagnie Cinématographique, Panache Productions, Nadcon Film (ARD/Degeto/France TV, seit 17.7.26 in der ARD-Mediathek, ARD, 26.7., 2.8. und 9.8.26 jeweils 21.45-23.25 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 17.07.2026 09:46
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte France, Thrillerserie, Berhoun, Deshaires, Touzet, Piani, Bellan, Carrié, Morio, Luley
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