18.07.2026 09:10
Netflix-Drama "23.000 Leben"
epd Wenn alle nur reden, aber niemand handelt, dann wird sich nie etwas ändern: "23.000 Leben" handelt von einem jungen Mann, der nicht tatenlos zusehen wollte, wie Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken. Also gründete er eine Hilfsorganisation, sammelte Spenden, kaufte ein Schiff und stach in See. Am Ende war die Crew der "Iuventa" an der Rettung von über 23.000 Menschen beteiligt.
Michele Cinque hat die Geschichte von Jakob, seiner Mitstreiterin Lena und ihrem 2015 gegründeten Verein "Jugend Rettet" bereits 2018 mit seinem Dokumentarfilm "Iuventa" (2018) erzählt, er war nun auch am Drehbuch von Oliver Ziegenbalg beteiligt. Ein Spielfilm hat natürlich dank szenischer Elemente wie Bildgestaltung, Schnitt und Musik ganz andere Möglichkeiten, die Ereignisse zu schildern, und Markus Gollers Inszenierung ist sehr fesselnd.
Treiber der Handlung ist der Enthusiasmus des Initiators, der hier Lukas heißt. Louis Hofmann verkörpert ihn als alltäglichen jungen Mann, der zunächst eher ziellos durch sein Leben treibt. Zu Beginn schildert Lukas aus dem Off, wie aus einem Gedanken im Sommer 2015 ein immer stärkeres Gefühl wurde, das ihn nicht mehr losließ. Damals wurde das Land von einer Welle der Hilfsbereitschaft erfasst ("Wir schaffen das"), aber sie wogte rasch wieder ab. Die Grenzen wurden dichtgemacht; viele Menschen kamen bei der Flucht übers Mittelmeer ums Leben.
Lukas will helfen, muss jedoch erkennen, dass Hingabe allein nicht genügt. In einer filmisch clever und fast amüsant komponierten Sequenz stößt er bei seiner Suche nach Unterstützung auf taube Ohren: Die einen sind willig, haben aber kein Geld, die anderen hätten das Geld, sind aber nicht willig. Einig sind sie sich jedoch in ihrer Beurteilung des Vorhabens: naiv und unrealistisch. Schließlich findet sich glücklicherweise ein vermögendes Ehepaar (Corinna Harfouch, Ulrich Matthes), das den Kauf des Schiffs finanziert, und endlich kann es dank Spenden und Crowdfunding losgehen.
Nun beginnt der quasi-dokumentarische Teil: mit der Vorstellung der Mitstreitenden, den Trockenübungen und dem ersten Einsatz. Die Kamera (Frankie DeMarco) ist stets mittendrin und lässt das Publikum auf diese Weise unmittelbaren Anteil nehmen. Das gilt nicht nur für die packend umgesetzten Thrillerszenen, wenn die überfüllte "Iuventa" in einer sturmumtosten Nacht noch mehr Menschen an Bord nimmt oder wenn eine äußerst aggressive libysche Miliz das Schiff kapert.
Nicht weniger wirkungsvoll sind die emotionalen Momente, zumal sich das Drehbuch die Zeit nimmt, um einzelne Flüchtlinge von ihrem Schicksal berichten zu lassen. Diese Rollen wurden mit darstellerischen Laien besetzt, die eigene Fluchtgeschichten erlebt haben. Das unterstreicht den Anspruch des Films, der natürlich ein Anliegen hat. Goller, der seit seinem Regiedebüt "Friendship!" (2010) mit Ziegenbalg zusammenarbeitet, formuliert es so: "Jeder kann den Unterschied machen und etwas bewirken, allen Widerständen zum Trotz."
Aber niemand hält ein entsprechendes Plakat in die Kamera, die Botschaft stellt sich ganz von selbst ein, selbst wenn die Einführungsansprache von Lukas - "Können wir Menschen einfach so ertrinken lassen? Können wir wegsehen?" - natürlich ein unmissverständlicher Appell ist.
Andererseits verhehlt das Drama nicht, welchen Preis die jungen Leute für ihr Engagement zahlen: Was wie eine Klassenfahrt beginnt, entpuppt sich recht bald als enorme psychische Herausforderung; die Ereignisse hinterlassen ähnlich wie bei einem Posttraumatischen Belastungssyndrom tiefe Spuren in der Seele, zumal die Besatzung daheim mit Hassbotschaften konfrontiert wird. Die meisten erleben auf dem Mittelmeer ihre erste Begegnung mit dem Tod.
Auch ihr eigenes Leben ist in Gefahr: Der knapp zwei Stunden lange Film beginnt mit der vorweggenommenen spektakulären Unwetterszene, in der Jakob zu ertrinken droht. Diese Bilder sind zwar in einem schon von vielen Großproduktionen genutzten riesigen Wassertank auf Malta entstanden, aber natürlich tragen sich weite Teile der Handlung auch auf dem offenen Meer zu; das bringt in der Regel Herausforderungen mit sich, die mit den Budgets eines herkömmlichen Fernsehfilms kaum zu bewältigen sind.
Prominente Gäste wie Katja Riemann, Herbert Knaup oder Frank Plasberg (als Talkshow-Moderator) in zum Teil winzigen Szenen sind gut für die PR-Arbeit, aber ungleich entscheidender ist die Besetzung der Schlüsselrollen, zumal es im Verlauf der Ereignisse zu Spannungen kommt: Während Lukas Menschen rettet, geht Freundin Kitty (Mala Emde) weiter ihrem Jurastudium nach; prompt entwickeln sich ihre Wege in unterschiedliche Richtungen.
Sehr lebensnah sind auch die Auseinandersetzungen mit der Mutter (Franka Potente), die das Engagement ihres Sohnes mit großer Skepsis betrachtet wegen der Folgen für seinen beruflichen Werdegang. Ungleich dramatischer ist allerdings ein Zerwürfnis mit dem "Head of Mission" (Frederick Lau) und der Kapitänin (Maria Dragus): Als Eigner des Schiffes verbietet Lukas ihnen, sich über eine Order der italienischen Behörden hinwegzusetzen. Das ist der Anfang vom Ende: Die "Iuventa" wird beschlagnahmt, Lukas und die Crew werden angeklagt, es drohen bis zu 20 Jahre Haft.
infobox: "23.000 Leben", Dramafilm, Regie: Markus Goller, Buch: Oliver Ziegenbalg, Michele Cinque, Kamera: Frankie DeMarco, Produktion: Neue Flimmer GmbH, Sunnysideup Filmproduktion (Netflix, seit 17.7.26)
Zuerst veröffentlicht 18.07.2026 11:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, K.(Streaming), KNetflix, Goller, Ziegenbalg, Ganglogg
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