25.07.2026 09:30
ZDF-Komödie "Fang mich doch!"
epd "Think big, believe big, act big!" Auf dieses affirmative Motto hat Georg nicht nur sich, sondern auch seine kleine Tochter Bernadette eingeschworen. Die leidet an Epilepsie und trägt deshalb nahezu permanent einen Fahrradhelm. "Meine kleine Bruchpilotin" stellt Georg (Jan Krauter) sie beim Vorstellungsgespräch in der neuen Kita einer Elterninitiative vor, von der er sich für sein Kind bestmögliche Förderung erhofft.
Die inklusive "Regenbogen"-Kita wird allerdings von wohlhabenden und ziemlich elitären Eltern geführt, deren ökonomischer Status weit über Georgs rangiert: Der ist derzeit ohne Job und war früher mal in der Clubszene aktiv, seine Frau Mara (Pina Bergemann) hält die kleine Familie mit Putzjobs über Wasser. Auf die obligatorische Frage der anderen Eltern, was die beiden "eigentlich beruflich so machen", nimmt Georg kurzerhand ein kleines Status-Upgrade vor: Er sei im "Eventbereich" tätig, Mara "in der Dienstleistungsbranche". Mara wiederum findet Georgs Schwindel nicht lustig: "Warum muss es immer das nächste große Ding bei dir sein", hält sie Georg hinterher vor. Der hält entgegen: "Wenn du es in dieser Welt zu etwas bringen willst, musst du ganz hoch ansetzen."
Das ist erst der Auftakt zu einem waghalsigen Drahtseilakt. Denn Georg ist das, was man früher einen veritablen Hochstapler genannt hätte und heute einen Zocker - ein Spielertyp, dem das Gefühl fehlt, wann man aufhören sollte.
Zunächst geht es darum, das Vertrauen der anderen Eltern zu gewinnen: Georg engagiert sich in der Kita und wird bald zum Finanzvorstand gemacht - ein ehrenamtlicher Posten, um den sich die vielbeschäftigten Business-Eltern gern herumdrücken. Damit erhält Georg Zugriff auf das Online-Konto der Kita mit üppigem Guthaben. Und er greift zu, allerdings privat: zunächst aus Not für die dringend notwendige Reparatur von Maras klapprigem Auto, dann für eine Winterjacke und ein Eis für das Kind, bald aber auch für ein neues Cabrio und anderen Luxus.
Sein Charme, Improvisationstalent und seine schnelle Reaktionsfähigkeit machen ihm den Schwindel leicht - mehr jedoch noch die Naivität und Realitätsferne einer exklusiven, Luxus gewohnten Wohlstandsblase: Denn Georg erzählt genau das, was die anderen Eltern hören wollen. Er erfindet ein BWL-Studium, um "Augenhöhe" zu sichern, und erntet Bewunderung, weil er als einziger weiß, dass Waschmaschinen ein Flusensieb haben - ein simpler Handgriff, der eine teure Reparatur erspart.
Wo immer ihm Entdeckung droht, greift Georg zu neuen Tricks: Er lenkt geschickt ab, spielt andere gegeneinander aus, nutzt sogar eine fremde Wohnung, um der extravaganten Jule (Friederike Kempter) zu imponieren - eine Szene mit einem geradezu slapstickartigen Finale, denn nur knapp entkommt er den echten Wohnungseigentümern.
Hochstapler-Geschichten sind - auch als Verfilmungen - ein klassisches Genre: vom "Hauptmann von Köpenick" bis "Schtonk" oder "Dagobert". Insofern ist Elke Rösslers Buch nicht sonderlich originell. Aber es arbeitet minutiös den doppelbödigen Witz eines Paradoxons heraus: Mit dem Griff in die Kitakasse finanziert Georg genau jene Statussymbole, die ihm bei den Wohlstandseltern noch mehr "Standing" und damit Vertrauen verschaffen.
Diese Wohlstandsschicht ist nicht eben subtil gezeichnet: Jule etwa residiert in einem grotesk überdimensionierten, modernistischem Neubau mit Waschbetonwänden, Designermöbeln und teurer Kunst ("Das ist ein Richter. Nicht Gerhard, natürlich - Daniel.") und trägt 200-Euro-Socken. Kurze Trips nach London zum Geburtstag des Kindes oder neue Küchen werden hier ebenso selbstverständlich behandelt wie andernorts ein obligatorischer Wocheneinkauf. Man hat Jura oder BWL studiert, natürlich fehlt auch ein schwules Väterpaar nicht und die Kita-Kinder verabreden sich nicht etwa einfach zum Spielen - vielmehr organisieren die Eltern für sie "Playdates".
Die etwas klischeehafte Zuspitzung ist allerdings verzeihlich, weil in einer Komödie legitim und nicht fern von der Realität. Das tolle Ensemble (neben Jan Krauter, Pina Bergemann und Friederike Kempter auch Anna Brüggemann, Lara-Sophie Malagro, Claudia Wiedemer, Tobias Oertel, Timur Isik, Luka Dimic) meistert den Balanceakt zwischen Satire und Realität so leichtfüßig wie überzeugend.
Seine Spannung und auch eine Tragik schöpft der Film aus der Ambivalenz: Denn einerseits hegt man Sympathie für Georg, der hier eine eigenwillige Form von "Umverteilung" betreibt - zugunsten seiner kleinen Familie, aber mehr und mehr auch für das eigene Ego, zum Nachteil einer nicht eben sympathischen Blase. Andererseits weiß man um den unweigerlichen Moment des Auffliegens, weil Georg nicht wahrhaben will, wann man die Notbremse ziehen muss. Auf diese Weise verzockt er am Ende auch Ehe und Familie. Denn die ewig misstrauische Patrizia (schön verkniffen: Anna Brüggemann) und die bodenständige Mara spüren, dass hier etwas nicht stimmt. Und auch die letzten verzweifelten Versuche Georgs, das leere Kita-Konto wieder zu füllen und das Ruder noch einmal rumzureißen, scheitern.
Dass am Ende die Wohlstandseltern die Neueröffnung der Kita feiern, "dank Crowdfunding", als könnten sie das nicht mühelos selbst finanzieren, ist nur ein fein beobachtetes Detail von vielen, die den Film so sehenswert machen. Es ist eine treffende Komödie zur Zeit. Einer Zeit, in der die ökonomischen Kluften innerhalb einer Gesellschaft und damit auch die Unterschiede zwischen den Lebenswirklichkeiten immer tiefer werden, einer Zeit, in der das "Performen" zum Maßstab geworden ist.
infobox: "Fang mich doch!", Komödie, Regie: Ester Amrami, Buch: Elke Rössler, Kamera: Omri Aloni, Produktion: Studio Zentral (ZDF-Mediathek, seit 13.7.26, ZDF, 31.8.26, 20.15-21.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 25.07.2026 11:30
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Komödie, Amrami, Rössler, Steglich
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