Der Osten wurde nicht gewollt - epd medien

27.07.2026 12:37

Warum konnten die einstigen Volksparteien CDU und SPD nach der Wiedervereinigung im Osten nicht Fuß fassen? Für die Dokumentation "Volksparteien ohne Volk - Im Osten gescheitert?" haben die Autoren Jan N. Lorenzen und Ann-Marie Amthor Volksvertreter aus dem Osten gefragt und aufschlussreiche Antworten bekommen.

ARD-Dokumentation "Volksparteien ohne Volk"

Proteste gegen die geplante rot-rot-grüne Landesregierung in Thüringen am 9. November 2014

epd In Dokumentationen, Reportagen und Nachrichtensendungen der letzten Jahre und Jahrzehnte konnte man immer wieder Ostdeutsche hören und sehen, die sich darüber beklagten, nicht gesehen und gehört zu werden. Die Wiedervereinigung schien, was die Ostdeutschen betrifft, auf ein Desaster hinauszulaufen, und Journalisten wollten herausfinden, woran das liegt, indem sie die Menschen befragten. Und die beklagten eben, dass sie nicht gehört und nicht gesehen wurden. Jetzt sind die Dokumentarfilmer Jan N. Lorenzen und Ann Marie Amthor auf die Idee gekommen, mal bei denen nachzufragen, die für das Desaster mitverantwortlich sein könnten: die Abgeordneten und Wahlkämpfer aus den Parteien CDU und SPD, die seinerzeit angetreten waren, das ostdeutsche Volk zu vertreten und ihm eine neue "freie" politische Heimat zu bieten.

CDU und SPD wurden, man höre und staune, in den ersten Jahren nach der Wende zu rund 70 Prozent von den Menschen in den "neuen Bundesländern" gewählt. Heute kommen sie dort mit Mühe und Not noch zusammen auf 30 Prozent. Der Perspektivwechsel, den Lorenzen und Amthor vornehmen, bringt ein gutes Stück näher an Antworten auf die brennenden Fragen nach dem Warum der großen Enttäuschung Ostdeutschlands in Sachen Wiedervereinigung.

Wir brauchen euch Ostler nicht.

Die Autoren haben Protagonisten gefunden, die zu Selbstkritik in der Lage sind. Das ist in der Parteiendemokratie eine Ausnahme, denn man will ja die eigene Partei prima aussehen lassen. Schuld sind immer die anderen. Aber Stephan Hilsberg, Berliner Mitgründer der SPD noch in den letzten Tagen der DDR (damals nannte sie sich noch SDP) spricht von "Fehlern". Sein Parteigenosse aus Leipzig, Gunter Weißberger, erinnert daran, dass einst der Beschluss gefasst worden sei, keine früheren SED-Mitglieder in die neue Ost-SPD aufzunehmen. Gut 20 Jahre später sei Bodo Ramelow von der Linken, Nachfolgepartei der SED, mit den Stimmen der SPD in Thüringen zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Das sei ein arger "Bruch mit der Glaubwürdigkeit" gewesen.

Hinzu kam, dass die Großkopferten aus dem Westen kurz nach der Wende ihre Arroganz offen ausstellten. Oskar Lafontaine, damals noch SPD-Politiker, reiste zu einem Arbeitstreffen sogar mit seinem Leibkoch an. Die Botschaft: "Wir brauchen euch Ostler nicht."

Kampf um das Kaliwerk

Die Gebietsreform, die Wiederherstellung der einst von der SED aufgelösten Länder, ist auch ein Punkt, an dem die Parteien aus dem Westen, diesmal vor allem die CDU, kurz nach der Wende versagten. Sie veranstalteten eine Bürgerbefragung und hielten sich dann nicht an das Ergebnis. Historiker Jonas Roch analysiert: "Früher wurde nicht gefragt und alles von oben entschieden. Jetzt fragt man, und trotzdem wird es anders gemacht." Das sei eigentlich noch schlimmer.

Ein weiteres Beispiel ist der Kampf um den Erhalt des Kaliwerks in Bischofferode in Thüringen im Jahr 1993. Die Bergleute kämpften gegen die Schließung bis zum Hungerstreik. Der damalige Landesvater Bernhard Vogel (CDU) versprach den Erhalt des Werks und musste doch passen, weil Kohl und die Treuhand es anders wollten. Hilsberg: "Es fehlte manchen an Courage." Zu "manchen" rechnet er auch sich selbst. "Ich hätte den Kopf rausstecken müssen." Der Gewinner der Krise war damals die PDS, die sich den Ruf erwarb, die "Kümmererpartei" zu sein.

Wir sind das Pack!

Erinnert sich noch jemand an Steffen Heitmann? Er war Kohls Kandidat für die Bundespräsidentschaft 1993, ein CDU-Mann aus dem Osten sollte es sein. Aber dann erschien der Theologe und Jurist aus Sachsen plötzlich auch der eigenen Partei "zu konservativ" und wurde von seinen Unterstützern aus dem Westen fallen gelassen. Parteifreund Arnold Vaatz erzählt die Geschichte unaufgeregt, aber nicht ohne Bitterkeit. Es hagelte CDU-Austritte im Osten nach diesem Ereignis.

Die Flüchtlingskrise setzte schließlich der Entfremdung zwischen Ost-Volk und den West-Volksparteien die Krone auf. Nach den Krawallen vor einer Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau im August 2015 bezeichnete der SPD-Politiker Sigmar Gabriel die Krawallmacher als "Pack". Dieses Verdikt aufnehmend, begrüßten wenig später Demonstranten in Heidenau die Kanzlerin mit den Rufen: "Wir sind das Pack!" Bald hieß es: "Merkel muss weg."

Ein Verhängnis mit Ansage

Wo die ostdeutschen Wähler, die den (einstigen) Volksparteien anfangs so hoffnungsfroh gefolgt sind, jetzt ihr Kreuz machen, erläutert die aus Leipzig stammende Journalistin und Autorin Jana Hensel: bei der AfD.

Der Film hat einen guten, ruhigen Rhythmus, er verzahnt Archiv-Videos über die Einheit, die Proteste nach der Gebietsreform, den großen Streik beim Kaliwerk und Stimmungsbilder aus den östlichen Ländern gekonnt mit den ungewohnt lebendigen und einsichtsvollen Interviews. Der Kommentar bevormundet nicht und wiederholt nicht, was man sieht, sondern formuliert Überleitungen. Er gibt zu bedenken und informiert.

Am Ende hat man den Eindruck, dass der Rechtsruck im Osten eine Art Verhängnis gewesen sei. Aber eins mit Ansage. Denn der Osten, das zeigen die Bilder und das ist auch die Quintessenz der Selbstkritik der hier auftretenden (zum Teil ehemaligen) Mitglieder und Vordenker aus den Volksparteien, wurde vom Westen, der ihn sich angliederte, gar nicht wirklich gewollt.

infobox: "Volksparteien ohne Volk - Im Osten gescheitert?", Dokumentation, Regie und Buch: Jan N. Lorenzen, Ann-Marie Amthor, Kamera: Thomas Keffel, Daniel Liepke, Michael Plundrich, Marcus Zahn Produktion: Hoferichter und Jacobs Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft m(ARD-Mediathek/RBB/MDR, seit 22.7.26, RBB, 20.15-21.15 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 27.07.2026 14:37

Barbara Sichtermann

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KRBB, KMDR, Dokumentation, Lorenzen, Amthor, Sichtermann

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