Der innere Löwe - epd medien

28.07.2026 10:04

Tina Soliman porträtiert in der ZDF-Reportage "Das Gold ihres Lebens" die Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye, die bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris die Goldmedaille gewann.

ZDF-Reportage "Das Gold ihres Lebens"

Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye beim Training

epd Eine Szene der Olympischen Spiele 2024 in Paris dürften auch viele kennen, die sich sonst nicht für Leichtathletik interessieren: Da stimmte bei einer der täglichen Pressekonferenzen eine junge Frau auf dem Podium zwischen den erstaunten Bronze- und Silber-Gewinnerinnen statt eines gesprochenen Statements mit starker Stimme den Gospelsong "I Almost Let Go" an.

Die Performerin war die deutsche Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye, die gerade für ihr Land eine Goldmedaille gewonnen hatte. Doch der Auftritt war keineswegs als Showeinlage gedacht: Denn das Lied, in dem es um das spirituelle Wiederaufstehen nach einer Krise geht, spiegelte die Seelenlage der Athletin: Nicht nur, weil Ogunleyes "innerer Löwe" nach einem Sturz beim ersten Durchgang mit ganzer Kraft auf Sieg gesetzt hatte, wie sie schon früh im Film berichtet. Der Song sei für sie auch deswegen das "perfekte Bild", weil der sportliche Erfolg die endgültige Überwindung einer harten Kindheit bedeutet.

Rassistische Ausgrenzung

In dieser ZDF-Reportage, die Ogunleye nach ihrem Pariser Erfolg über die folgenden Ehrungen und Pflichten bis zur Leichtathletik-WM nach Tokio im Herbst 2025 begleitet, geht es um diesen Lebensweg vom gemobbten Kind zur selbstbewussten jungen Frau.

Die Athletin selbst, ihre Mutter und auch Trainerin Iris Manke-Reimers (alle nur mit Vornamen bedacht) sind Stichwortgeberinnen, die den durchgehenden Kommentar illustrierend ergänzen. Dazu kommt noch Freundin und Mentorin Abigail, die "Yemi" mental und praktisch auffing, als diese in einer besonders kritischen Zeit als Teenager existenziell an sich und der Welt verzweifelte. Hauptgrund war die rassistische Ausgrenzung in ihrem Heimatort in der Südpfalz, wo die Tochter eines nigerianischen Vaters wegen körperlicher Attribute wie Hautfarbe, Größe oder angeblicher Hässlichkeit beleidigt wurde. Mangels erfahrbarer Vielfalt in der eigenen Umgebung akzeptierte "Yemi" diese Abwertungen und fand einen ersten Fluchtpunkt im Sport: erst Turnen, dann Leichtathletik.

Sportliche Krise

Eine andere Stütze fand sie im Glauben und der Gemeinschaft der Christ Gospel City in Karlsruhe, die ihr Sicherheit und Anerkennung gab. Dies trug sie auch durch eine sportliche Krise, als sich die Siebenkämpferin mit einem Kreuzbandriss so schwer verletzte, dass Ärzte ihr mit nur 15 Jahren nahelegten, den Sport aufzugeben. Da trat Trainerin Manke-Reimers in ihr Leben, die ihr mit dem Kugelstoßen einen neuen Weg öffnete. Mit Empathie und Geduld nahm sich Manke-Reimers der jungen Sportlerin für die langen Jahre bis zu den ersten Erfolgen an.

Etwa nach der Hälfte schaltet der Film etwas unvermittelt um in die Zeit nach der Goldmedaille, als die Kugelstoßerin bei Medien-Empfängen und Sponsoren-Terminen auch ihre wohl im Gemeindeleben erlernte Fähigkeit zum großen Auftritt vor großem Publikum bewies. Dabei wird die erstaunliche Reife einer selbstbewussten und lebensfrohen jungen Frau sichtbar, deren Fokus - nicht nur mit einem Studium der Sonderpädagogik - weit über Medaillenruhm hinausreicht.

Mitreißende Gesangauftritte

"Das Gold ihres Lebens" erfreut mit der Umkehr der üblichen Dramaturgie: die Reportage beginnt mit der titelgebenden Höchstleistung und bewegt sich dann über Yemis Lebensweg zu den Qualitäten hinter und jenseits dieser Leistung, die auch in den klaren und lebendigen Selbsterläuterungen der Sportlerin deutlich werden. Dass die hier abgegebenen Statements ebenso wie die ihrer Trainerin nicht neu sind und zum Teil wörtlich identisch mit woanders getätigten Aussagen, ist angesichts der medial eingeforderten Wiederholungen selbstverständlich. Das lässt sich auch im Format einer 28-minütigen "37°"-Reportage nicht "knacken".

Tina Soliman und Editorin Anna Demisch reizen in der Entwicklung einer plausiblen Narration aus Kommentar und arg kurz geschnipselten Interviewfetzen die Grenzen journalistischer Montage bis zum Exzess aus.

Statt weiteren Details zum Training oder einem eingeschobenen Kurzausflug nach Nigeria wäre es inhaltlich aufschlussreicher gewesen, neben den mitreißenden Gesangsauftritten etwas mehr über Ogunleyes Karlsruher Gemeinde zu erfahren, die für ihren Glauben offensichtlich so eine tragende Rolle spielt. Auch der Heimatort ist nur einmal in einer kurzen Passage als abweisend menschenleeres Straßendorf zu sehen. Eine eingehendere Betrachtung hätte hier auch den gesellschaftlichen Hintergrund besser ausleuchten können.

infobox: "37°: Das Gold ihres Lebens", Reportage, Regie und Buch: Tina Soliman, Torsten Lapp, Kamera: Torsten Lapp, Produktion: Torsten Lapp Filmproduktion (ZDF, 28.7.26, 22.15-22.45 Uhr und in der ZDF-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 28.07.2026 12:04

Silvia Hallensleben

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Reportage, Soliman, Ogunleye, Lapp, Hallensleben

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