Abgründige Provinz - epd medien

29.07.2026 08:58

Die "Landkrimi"-Reihe des ORF bringt immer wieder Perlen der Kriminalerzählung im Fernsehen hervor. In "Acht" von Marie Kreutzer wird ein Radiologe in Niederösterreich vor seinem Haus erschossen. Die Ermittler blicken bei ihrer Suche nach dem Mordmotiv in Abgründe.

ORF-Landkrimi "Acht" im ZDF

Marion Geyer (Regina Fritsch, rechts) und Patrick Brandl (Thomas Prenn, links) ermitteln in Langenlois

epd Niederösterreich ist das Bundesland mit der zweithöchsten Bevölkerungszahl in Österreich, aber das heißt nicht viel. St. Pölten, die größte Stadt, die gleichzeitig die Landeshauptstadt ist, hat nicht einmal 60.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Weltstadt Wien wird zwar wie eine Insel ganz und gar von Niederösterreich umschlossen, ist aber in mancherlei Hinsicht so weit entfernt wie ein anderer Kontinent.

"Sie san net von do?", fragt Marion Geyer (Regina Fritsch) vom niederösterreichischen Landeskriminalamt im Landkrimi "Acht" den jungen, aus Wien in die Gemeinde Langenlois versetzten Polizisten Patrick Brandl (Thomas Prenn). "Nein, warum?", gibt Brandl zurück. "Zu viel Körperspannung", entgegnet Geyer trocken. Sie wird von dem notorisch korrekten Brandl permanent als "Frau Chefinspektorin" angesprochen.

Gegensätzliches Duo

Die ältere, stets zu sarkastischen Kommentaren aufgelegte Chefin und der jüngere, humorlose und schwer zu durchschauende Ex-Soldat: Mit dem gegensätzlichen Duo Geyer/Brandl, das hier erstmals aufeinandertrifft, großartig und nuancenreich gespielt von Fritsch und Prenn, hat die Autorin und Regisseurin Marie Kreutzer einen weiteren "Landkrimi"-Volltreffer gelandet. "Acht" ist der vierte Film aus der Reihe, der in Niederösterreich spielt. Vor fünf Jahren hatte Kreutzer bereits den Landkrimi "Vier" gedreht, ebenfalls mit Regina Fritsch als LKA-Ermittlerin, die zwar damals Marion Reiter hieß, aber ähnlich forsch auftrat wie nun Chefinspektorin Geyer.

Kreutzer versteht es, mit einfachen, scheinbar nebensächlichen Szenen viel über die Figuren und ihre Entwicklung zu erzählen. Während Geyer zu Beginn noch über die "Körperspannung" Brandls spottet und seiner Ermahnung zum Trotz über die nächtliche Landstraße brettert, genügt am Ende ein tadelnder Blick des jungen Kollegen und die Chefin hebt wortlos die auf den Boden geworfene Zigarettenkippe wieder auf.

Düsteres Zeitbild

Sie hat gerade ihren notorisch untreuen Mann verlassen und überspielt den Schmerz und die Demütigung mit Sarkasmus und einem demonstrativen T-Shirt, auf dem steht: "The Bitch is back". Er versteckt seine Gefühle nach einer traumatischen Gewalterfahrung hinter einer undurchdringlichen Miene. Zwei Angeschlagene, die Vertrauen zueinander finden. Das kommt nicht überraschend, aber Kreutzer steuert am Ende auf eine Wendung zu, bei der sich die Rechtschaffenheit Brandls und das eher pragmatische Berufsethos Geyers in die Quere kommen. Damit provoziert sie auch beim Publikum die Frage, welche Haltung es zu dem Fall und den Figuren einnehmen will.

In "Acht" zeichnet Marie Kreutzer ein düsteres österreichisches Zeitbild. Zu Beginn blickt die Kamera aus großer Entfernung auf ein Paar, das sich offenbar auf der Terrasse des eigenen Hauses von einer gemeinsamen Joggingrunde erholt. Dann klingelt das Telefon, die Frau geht ins Haus - und gerade als sie den Hörer in die Hand nimmt, hört man einen Schuss. Ihr Mann wird mitten ins Herz getroffen.

Das Private und das Politische

Geyer und Brandl sammeln Informationen über das Opfer Harald Wolf (Stefan Pohl) und nach und nach tut sich vor ihren Augen in der Provinz ein demokratiefeindlicher Abgrund auf. Der Radiologe Wolf erweist sich als Waffennarr und verschwörerisch raunender Influencer, der beim "Staatenbund Österreich" mitmischte. Diese rechtsextreme Verbindung ist keine Erfindung, sondern wurde 2015 von der mittlerweile inhaftierten Monika Unger gegründet. Im Film trägt die Staatenbund-Gründerin den Namen Birgit Hofer (Julia Cencig) und wird von der Chefinspektorin im Gefängnis befragt.

Autorenfilmerin Kreutzer verbindet in dem fiktiven Krimi-Plot das Private mit dem Politischen, erzählt von Gewalt, die unter der Oberfläche lauert und sich hinter verschlossenen Türen entlädt - mit Verena Altenberger in einer Schlüsselrolle: Sie spielt Wolfs Ehefrau Sandra als eine "Tradwife", wie man heute sagen würde, die einige Geheimnisse mit sich herumträgt. Auch diese Figur wird in diesem packenden Krimidrama nicht zum Klischee. So gehört "Acht" zu den besten Filmen aus der "Landkrimi"-Reihe, die der ORF seit mehr als zehn Jahren nach dem regionalen "Tatort"-Prinzip auf die Bildschirme gebracht hat.

infobox: "Acht", Landkrimi, Regie und Buch: Marie Kreutzer, Kamera: Leena Koppe, Produktion: Film AG (ZDF-Mediathek/ORF, seit 29.7.26, ZDF, 5.8.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 29.07.2026 10:58

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, KORF, Landkrimi, Kreutzer, Gehringer

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