Erschreckendes Panorama - epd medien

31.07.2026 09:15

Die Dokumentation "S.O.S Mittelmeer" zeigt die dramatischen Folgen des Klimawandels im Mittelmeerraum. Viele Anrainerstaaten haben mit Hitze, Dürre, Waldbränden, aber auch mit Überschwemmungen zu kämpfen.

Dokumentation "S.O.S Mittelmeer"

Der Waldbrand auf der griechischen Insel Euböa 2021 war einer der schlimmsten, den Griechenland bis dahin erlebt hatte

epd Zum Mittelmeer haben viele Menschen in Deutschland eine enge Beziehung. Viele fliegen gerne in den sonnigen Urlaub, etwa in Spanien oder der Türkei. Dass sich allerhand Krisen am Mittelmeer manifestieren, um Flüchtlingsströme oder um Israel und Gaza, wird häufig thematisiert. Nur wenige wissen aber, dass es sich um ein Binnenmeer handelt, das die Anrainerstaaten geografisch und als Klimaregion verbindet. Da setzt der anderthalbstündige griechische Dokumentarfilm "S.O.S. Mittelmeer" an, der vom WDR koproduziert und bei Arte gezeigt wurde.

Das Mittelmeer erwärmt sich um "etwa 20 Prozent schneller als der globale Durchschnitt". Das zählt zu den alarmierenden Daten, die der Film zu Beginn aufzählt, als Textinsert oder im Off-Kommentar. Anwohner berichten von eigenen Beobachtungen: "Schnee und Regen gibt es kaum noch", sagen Nomaden aus dem marokkanischen Atlasgebirge, Bäume und Wälder gebe es auch nicht mehr. Dürrejahre habe es immer mal gegeben, doch früher folgten auf ein mageres Jahr mehrere gute Jahre. Inzwischen folgten umgekehrt auf jedes gute Jahr mehrere Jahre Dürre.

Asche und Verbranntes

Bewohner des spanischen Málaga berichten, dass Temperaturen über 40 Grad auch früher mitunter registriert wurden, doch keine tropischen Nächte mit 26 Grad: "Es wird nicht mehr besser, sondern nur noch schlimmer", sagen sie. Aus Griechenland sind Bilder einer Prozession zu sehen, die um Regen bittet, und Bilder eines Stausees, der angelegt wurde, um Athen mit Trinkwasser zu versorgen. Nun ragen daraus die einst überfluteten Häuser wieder empor.

Einige der Bilder, die meist ohne Musikuntermalung gezeigt werden, erschließen sich nicht sofort. Sie schaffen schon dadurch Aufmerksamkeit, dass man sich beim Ansehen unwillkürlich fragt, ob es sich um schöne oder zumindest interessante oder eindeutig um schlimme Bilder handelt. Selbst beim rötlichen Schein von Waldbränden mag diese Frage kurz aufscheinen. Erst hinterher, wenn Asche und Verbranntes besser zu sehen sind, stellt sie sich nicht mehr.

Dürre und Überschwemmungen

Der Autor der Dokumentation, Yorgos Avgeropoulos, fächert ein detailreiches und erschreckendes Panorama auf. In sieben Ländern filmte sein Team seit 2023. Ort und Zeitpunkt sind jeweils benannt. Zu den krisenhaften Klimaphänomenen zählen außer Dürre auch Überschwemmungen. Neben superlativischen Katastrophen wie dem "größten bisher in der EU registrierten Waldbrand", der während 2023 im Norden Griechenlands 19 Menschen das Leben kostete, gibt es Kuriosa zu sehen, die ebenfalls eher erschüttern. So fangen Fischer mit Schweinefleisch Hasenkopf-Kugelfische - nicht, weil sie sich zum Verzehr eignen, sondern weil die Regierung Zyperns auf die giftige, aus dem Indopazifik und dem Roten Meer gekommene Spezies ein lukratives Kopfgeld ausgesetzt hat.

Nach gut einer Stunde zieht der Dokumentarfilm den Blick auf. Er präsentiert zwar Lösungsideen, zeigt aber auf, dass einige von denen wenig helfen. Trinkwasserentsalzung, wie sie etwa in Spanien betrieben wird, trage zur Verschärfung der Probleme bei, weil umso salzigeres Wasser ins Meer zurückgeleitet wird. Der Film formuliert deutlich, worin seiner Ansicht nach das eigentliche Problem besteht: im als unendlich vorausgesetzten Wirtschaftswachstum.

Konflikte um Wasser

Dazu bietet "S.O.S. Mittelmeer" eindrucksvolles Zahlenmaterial. In der nicht mal zwei Millionen Einwohner zählenden Provinz Málaga, die pro Jahr rund 15 Millionen Touristen besuchen, sei die höchste europäische Dichten von Tourismusunterkünften wie von Golfplätzen zu verzeichnen. Dabei ist Málaga von jeher von Trockenheit geprägt. Und die wird noch gesteigert durch den Anbau eigentlich subtropischer Früchte wie Avocados und Mangos. Weitere Beispiele für Konflikte um Wasser zeigt der Film dann auch aus Frankreich.

Kurz: "S.O.S. Mittelmeer" ist ein ökologisch und politisch scharf argumentierender Dokumentarfilm, der seine Aussage weder lautstark in alarmistischem Tonfall noch polemisch setzt. Vielmehr entwickelt er sie aus einer Fülle von im Mittelmeerraum entdeckten, überzeugend dokumentierten Detailaspekten.

Der in den deutschen Hauptprogrammen bei Dokumentationen inzwischen gepflegte "konstruktive" Ansatz, immer auch überzeugende Lösungsideen zu präsentieren, fehlt hier. Das erhöht die Wirkung des Films, der gegen Ende auch beklagt, dass klimapolitische Ziele zurückgeschraubt würden. Alle, die sich für das Mittelmeer interessieren oder in diesem Sommer dorthin reisen, sollten ihn sich ansehen.

infobox: "S.O.S. Mittelmeer", Dokumentation, Regie und Buch: Yorgos Avgeropoulos, Kamera: Yannis Avgeropoulos u.a., Produktion: Smallplanet-Productions (Arte-Mediathek/WDR/ERT/Al Jazeera, seit 27.7.26, Arte, 28.7.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 31.07.2026 11:15

Christian Bartels

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte

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