02.08.2026 08:11
Meinungsforschung zwischen Ideal und Wirklichkeit
epd Es vergeht kein Tag ohne neue Einsichten in bis dahin unbekannte Meinungen. Kaum hat es ein Thema (vorübergehend) auf die Medienagenda geschafft, sind bereits "seismografische" Bewegungen des Dafürhaltens oder Ablehnens in der Welt, gelegentlich ergänzt durch Hinweise zur Tragweite und Repräsentativität des dazu eingesetzten Verfahrens. Die Zeit, in der die Bereitstellung solcher Befunde selbst Zeit verlangte, scheint vorbei zu sein. Die Metapher des Fließbands trifft es vielleicht nicht ganz, aber viele dafür erforderliche Prozesse sind automatisiert und synchronisiert. "Face-to-Face" bedeutet Aufwand, "computer-assisted" steht für eine methodisch veränderte Ansprache der Zielpersonen.
Es gab einmal eine Zeit, da galt das persönliche Interview als der "Königsweg der Sozialforschung". Generationen von Studentinnen und Studenten der Sozialwissenschaften erfuhren zu Beginn ihres Studiums, dass dieses mehr oder weniger standardisierte Gespräch die Atmosphäre eines Austauschs in der Sache vermitteln könne. Man solle sich offen zeigen, keinen Einfluss auf das Antwortverhalten nehmen, das Gegenüber in seinen Meinungen und Einstellungen gewähren lassen.
Um die Sache objektiv zu halten, war daher im Vorfeld ein Training in Befragungsformen und Fragetypen unerlässlich: Frage niemals suggestiv ("Sind Sie nicht auch der Meinung ..."), beginne mit einer einfachen Frage und lasse nicht das Gefühl einer Prüfungssituation aufkommen, setze Skalen nur dosiert ein, vermeide doppelte Verneinungen. Redselig sollte man bei dem Ganzen nicht werden. Wenn der/die Befragte ins Erzählen kommt, muss man auch einmal zuhören können. Mit anderen Worten: Standardisierung ist ein methodischer Idealzustand.
Der Aufwand, der in die Gestaltung des Messinstruments "Fragebogen" investiert wurde, mag heute überraschen. Aber dieser sollte den Beteiligten einen Eindruck von dem zu erwartenden Ertrag dieser Sorgfalt vermitteln. Zuweilen waren Interviewer mit so vielen Instrumentarien und unterstützenden Materialien unterwegs, dass es für einen Außenstehenden einem Vertreterbesuch glich. Listen, Kärtchen, Pfeile, Skalen - die Suche nach der Wirklichkeit ähnelte einem Brettspiel. Aber gewürfelt wurde nicht.
Sie werden schon wissen, was Sie da tun.
Stets wurde betont, dass der Zufall das jeweilige Gespräch möglich machte. Die persönliche Meinung sei wichtig und ergebe im Zusammenwirken mit vielen anderen so entstandenen (systematischen) Äußerungen ein Bild von Stand der Dinge. Es ging um Zufriedenheit mit den politischen Parteien, Vertrauen in öffentliche Institutionen, Akzeptanz von gesellschaftlich relevanten Reformen, Medienpräferenzen, Zukunftsängste und so weiter. In den Gesprächen kam auch gelegentlich methodische Neugier beim Gegenüber auf. Zumeist aber wurde den Forschenden auch ein Grundvertrauen mitgeteilt: "Sie werden schon wissen, was Sie da tun."
Das Vertrauen in die Aussagekraft einer Stichprobe musste erst einmal gewonnen werden. Ebenso musste eine allgemeine Vorstellung von der Bedeutsamkeit des Unterfangens entstehen - dass also relevant ist, was da erfragt wird und es eine Hilfestellung ist, solche Informationen zu kennen. Warum sollte so viel in die Meinung des gemeinen Volkes investiert werden, wenn doch in vielen Fällen der Sachverstand priorisiert wird?
Viele Statistik-Bücher arbeiten an dem Aufbau dieses Vertrauens. Manchmal will bereits der Titel diesen Anspruch vermitteln: "Einladung zur Statistik" wäre so ein Beispiel. Häufig haben es die Überschriften bereits in sich: "Wenn man fast recht hat", "Der Zufall ist eine feine Sache" oder "An Euren Stichproben soll man Euch erkennen".
Für die Geschichte der Stichproben gilt: Ihre Qualität wurde registriert, wenn es passte. Und das Zustandekommen wurde besonders dann wahrgenommen, wenn das Resultat danebenlag. Als der US-amerikanische Pionier der Markt- und Meinungsforschung George Gallup (1901-1984) im Jahr 1936 den Sieg von Franklin D. Roosevelt bei der US-Präsidentenwahl richtig vorhersagte, ebnete er damit den "political polls" den Weg. Dabei war es kein systematisches Zufallsverfahren, das ihm zum Erfolg verhalf. Er definierte Vorgaben für die Auswahl der zu befragenden Personen, gab also den Interviewern bestimmte Quoten vor, die sich meist an der Geschlechter- und Altersverteilung der Bevölkerung orientierten wie "unter 30", "männlich" und so weiter.
Die Zeit davor wurde in den USA von Befragungen bestimmt, die zumeist die Presse selbst lancierte. Die Meinung der Journalisten nahm man ohnehin für die zuverlässigste Einschätzung. Denn die Presse verstand sich ja als Sprachrohr der öffentlichen Meinung. Aber zur gängigen Praxis zählten auch Leserbefragungen. Probewahlzettel wurden in ein Magazin eingelegt, verbunden mit der Bitte um Rücksendung. Im Wahljahr 1936 hatte die Zeitschrift "The Literary Digest" in großem Maßstab die Leserschaft um die Mitteilung ihrer Wahlabsicht gebeten. 2,4 Millionen von 10 Millionen antworteten. Demoskopie-Experten ordnen dieses Vorhaben als "Mammutveranstaltung" ein.
Gallup hingegen genügte eine Stichprobe von 2.000 Personen. Er sah, darauf basierend, Franklin D. Roosevelt als Sieger, der "Literary Digest" erwartete einen Sieg des Herausforderers Landon.
Der Rücklauf kann noch so beeindruckend sein: Ein potentieller Messfehler wird dadurch nicht kleiner. Das Antwortverhalten folgte nicht einem statistisch durchdachten Zufallsprinzip, sondern einer "Selbstselektion".
Für Aufsehen sorgte auch die US-Präsidentenwahl des Jahres 1948. Das Titelseiten-Foto der "Chicago Daily Tribune" ging um die Welt: Darauf zu sehen war Harry S. Truman mit einer Ausgabe dieser Tageszeitung, die verkündete: "Dewey defeats Truman." Dabei hatte Truman die Wahl gewonnen. Truman und die Linie dieser Zeitung hatten wenig gemeinsam. Im Vorfeld der Wahl hatte eine Telefonbefragung einen "erdrutschartigen" Sieg für Dewey prognostiziert.
Im Nachgang stellte sich heraus, dass das Auswahlkriterium "Telefonanschluss" eine Verzerrung des Stichprobenergebnisses herbeiführte. Damals gehörte ein Telefonanschluss noch nicht zur Standardausstattung eines Haushalts. Bei Republikanern war das häufiger der Fall als bei Wählern der Demokratischen Partei. 1936 war es der Glaube an die Repräsentativität einer Leserschaft, zwölf Jahre später diese Fehleinschätzung. Auch Gallups Verfahren lag 1948 mit dem Ergebnis daneben.
Aber die Sensibilität für Fehler dieser Art nahm zu. Das Umfragewesen professionalisierte sich, die Ausbildung in Methoden der empirischen Sozialforschung war fester Bestandteil soziologischer oder politikwissenschaftlicher Studiengänge an den Universitäten. Auf der Suche nach Fehlerquellen wurde nichts ausgelassen: ausgiebige Fragebogenkonferenzen, die Prüfung von Reihenfolge-Effekten, Auswirkungen altershomogener oder -heterogener Interviewerstäbe, die optimale Länge, Einfachheit und Verständlichkeit von Aussagen, Eindeutigkeit von Begriffen.
In dem Buch "Einladung zur Statistik" stand ein markanter Satz, der über allem zu schweben schien: "Die Sozialwissenschaft wird durch die Verschiedenheit ihrer Datenquellen gekennzeichnet." Damit war auch gemeint, dass Menschen heute vor so vielen kleineren oder größeren Entscheidungen stehen, dass ihnen der Augenblick einer Umfrage - und das Gefühl, zu einem ausgewählten Personenkreis zu gehören - nicht allzu viel bedeuten mag.
Zugleich belebte die Konkurrenz das Geschäft. Die "polling industry" hatte sich etabliert. Mit der Entstehung eines Marktes nahm auch der Wettstreit um die Einhaltung methodischer Standards und die Verfeinerung von Auswahl- und Hochrechnungsverfahren zu. Institute, die sich auf die Beobachtung der öffentlichen Meinung konzentrierten, wurden mehr und mehr selbst Teil dieser Beobachtung.
In Zeiten vor politischen Wahlen entfaltete sich stets eine besondere Sogwirkung. Das Publikum sah, was es selbst vielleicht vermutete. Es zweifelte an der Möglichkeit, mit vergleichsweise kleinen Stichproben zu sagen, in welche Richtung es geht. Aber das Erstaunen über die häufige Nähe der Prognose zum amtlichen Endergebnis konnte auch nicht geleugnet werden: ein Paradebeispiel für Ambivalenz.
Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010), die Direktorin des Instituts für Demoskopie Allensbach, begann ihr Buch über die öffentliche Meinung mit der Beschreibung des Wahlsonntagabends im September 1965. Das ZDF sendete an diesem Wahltag aus der Beethovenhalle in Bonn. Auf der Bühne sollte kurz nach 18 Uhr ein Notar die Umschläge der beiden Institute Allensbach und Emnid öffnen. Das Ergebnis sollten dann die jeweiligen Institutsleiter auf einer Schiefertafel in den vorbereiteten Tabellenrahmen schreiben.
Vielleicht würden sich manche dieses archaische Element zurückwünschen. Heute wird auf Bildschirmen mit grafischer Virtuosität das Resultat und das mögliche Zustandekommen präsentiert, über Wählerwanderungen informiert und der Möglichkeitssinn des Politischen ausgebreitet. Die Spannung des ersten Moments bleibt.
Im Falle dieses prominenten Beispiels wird der Kontakt zum Wahlvolk noch unmittelbar gesucht. 1965 beruhte die Schiefertafel-Prognose auf Befragungen vor dem eigentlichen Wahltag. Die heutige Prognose am Wahlabend beruht auf der Nachwahlbefragung, auch Exit Polls genannt, außerhalb der vielen Wahllokale.
Im Alltag der Umfrageforschung ist dieser direkte Weg immer seltener. Der einleitend beschriebene Königsweg kostet Zeit und viele Anläufe des Wohnorts einer ausgewählten Person. Je mehr sich die fehlende Erreichbarkeit als Herausforderung darstellte, desto mehr wurde über alternative Kontaktaufnahmen nachgedacht. Einst galt das Telefoninterview als "quick and dirty", zu unpersönlich und aufdringlich. Aber das Tempo, das diesem Verfahren innewohnte, änderte die Sichtweise auf diesen Kontaktweg. Als ein Meinungsforscher bereits am Folgetag Ergebnisse zu einer aktuellen politisch bedeutsamen Frage vorlegen konnte, kam man auf den Geschmack.
Heute ist diese Aufdringlichkeit vielleicht nicht alltäglich, aber mag einigen schon widerfahren sein. Aus der Ferne versucht ein mehr oder weniger geschulter Interviewer für wenige Minuten die Nähe zu einem Thema aufzubauen, das dem Betroffenen bis dahin nicht in den Sinn kam: "Viel mehr als früher ist uns klar, (...) wie wenig von einer Meinung aus festgelegt ist, wie der Einzelne in den jeweils auf ihn zukommenden Situationen reagieren wird." Diese Beobachtung des Soziologen Niklas Luhmann ließe sich auf diesen gerade beschriebenen Moment anwenden.
Wer sich dem Ansinnen verweigert, tut es aus grundsätzlichen Erwägungen oder weil ihm die Zeit oder das Interesse fehlt. Wer sich den Fragen stellt, mag schnell den Eindruck gewinnen, dass die Bandbreite an möglichen Einstellungen zu einer als wichtig erklärten Sache sich in der Regel nicht frei artikulieren lässt, sondern mithilfe einer Skala ausgedrückt werden soll.
Für die mobile Tempo-Gesellschaft kommt es heute häufig auf das schnelle Ergebnis zu einem vergänglichen Thema an. Online-Befragungen dominieren. Als ein Methoden-Experte die Frage stellte: "Wer ist das Volk?", wollte er damit die Unterschiede in der Erreichbarkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen hervorheben. Heute gelten Ausschöpfungsquoten (also Beteiligungsraten) von 30 Prozent bereits als Erfolg.
Wenn die Ausschöpfung niedrig bleibt, versucht man es mit einem Mix (Mixed Mode = verschiedene Erhebungstechniken, Mixed Sample = verschiedene Formen der Stichprobenziehung): Telefonisch meint dabei nur noch selten Festnetz, das Telefonbuch hat mehr und mehr ausgedient, man arbeitet mit Zufallsgeneratoren für Handynummern. Solange dabei die Nichtbeteiligung ebenfalls einem Zufallsprinzip folgt, mag den Ergebnissen noch vertraut werden. Solange Gewichtungsverfahren für eine unter dem Mindestumfang liegende Stichprobe nicht zu einer Verstärkung von Verzerrungen führen, wird man das gemessene Spektrum den Gesetzen einer Normalverteilung vielleicht anpassen können.
In der Praxis ist das Kombinieren von Ergebnissen unterschiedlicher Güte Teil der methodischen Verfeinerung geworden. Die Intensität, mit der stets aktuelle Umfragen den neuesten Stand der Dinge vermitteln wollen, verstärkt den Eindruck, dass die schiere Menge an die Stelle von "König Zufall" getreten ist - so lautete der Titel eines Features des Deutschlandfunks aus dem Jahr 2025 über die Methoden der Meinungsforschung.
Aber auch hier ist Zurückhaltung geboten. Der Markt ist umkämpft. Und umkämpft sind vor allem die Träger der Informationen, also Menschen, die sich befragen lassen. Wer an diesem Spiel nicht teilnehmen möchte, den kümmert der Zufall wenig. Für die Reputation der Umfrageforschung ist wichtig, dass Geduld im Spiel ist: bei der Entwicklung des Messinstruments, bei der Durchführung der Datenerhebung, bei der Wahrnehmung und Einordnung der Ergebnisse.
Zu den neuen "Marktbedingungen" gehört, dass alternativ zu einer systematischen Stichprobenziehung zunächst auf Teilnahmebereitschaft gesetzt wird. Interessenten sollen über die "Bewerbung" einer Umfrage an verschiedenen Stellen der mobilen Online-Welt erreicht werden. Damit verabschiedet man sich gleichsam von der Vorstellung, durch ein methodisch durchdachtes Sampling dem Zufallsprinzip gerecht zu werden.
Das hat eine Vielzahl von Kontroversen ausgelöst, weil der Weg zu dem jeweiligen Ergebnis für den Beobachter dieses Methodenpluralismus intransparent wirkt. Zuweilen liegen die Befunde zu sensiblen gesellschaftlichen Themen deutlich, das heißt im zweistelligen Bereich auseinander. Der Vorwurf der Stimmungsmache steht im Raum.
Auch bei Blitz-Umfragen kann das Ergebnis der Realität nahekommen, aber das ist dann nicht methodisch begründet, sondern Glück. Aber auf dieses "Glück gehabt" kann eine wissenschaftlich fundierte Umfrageforschung nicht bauen. Ein Standardwerk der Demoskopie beginnt mit der Feststellung: "Allein mit der Beobachtungsgabe können wir die soziale Wirklichkeit nicht wahrnehmen. Wir müssen uns mit Geräten ausrüsten, die unsere natürlichen Fähigkeiten verstärken, so wie es für die Beobachtung der Natur längst geschehen ist." Das sollte, von Elisabeth Noelle-Neumann im Jahr 1953 erstmals formuliert, als Kompass für die Suche nach verlässlichen Hinweisen weiterhin gelten.
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Text: Michael Jäckel ist Soziologe. Von 2011 bis 2023 war er Präsident der Universität Trier.
Zuerst veröffentlicht 02.08.2026 10:11
Schlagworte: Medien, Wissenschaft, Journalismus, Medienforschung, Meinungsforschung, Umfragen, Jäckel
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