03.08.2026 08:10
Dokumentation "Love is Stronger"
epd Die Geschichte der Loveparade ähnelt einem klassischen Drama, das von sagenhaftem Aufstieg, tiefem Fall und hoffnungsvollem Neuanfang handelt. Es wird gerade fortgeschrieben, auch wenn die alte Idee nun den Markennamen "Rave the Planet Parade" trägt. Am 15. August wird die Berliner Straßen-Techno-Party bereits zum fünften Mal im neuen Format gefeiert. In den ersten Jahren kamen keine 1,5 Millionen wie 1999 bei der Loveparade, aber doch immerhin zwischen 100.000 und 300.000 Menschen. Und im Jahr 2024 hat die deutsche Unesco-Kommission die Berliner Technokultur ins Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. So hat Britta Mischers Film "Love is Stronger" sogar ein richtiges Happy End.
Die Autorin erzählt das Drama vornehmlich aus der Perspektive des Loveparade-Gründers Dr. Motte (Matthias Roeingh), der sich in den 1980er Jahren als DJ einen Namen in der Berliner Clubszene gemacht hatte. Der mit Musik und Archivbildern reich bestückte Rückblick ist eingebettet in einen weiteren dokumentarischen Erzählstrang: Mischer, die bereits einen Film über den Berliner Club Bar25 gedreht hatte, beobachtete über mehrere Monate mit der Kamera die organisatorischen Vorarbeiten der ersten "Rave the Planet Parade" im Jahr 2022. Die unkommentierten Szenen erzählen von Aufbruchstimmung, Problemen und Stress bis zur letzten Sekunde.
Ich verliebe mich immer in Powerfrauen.
Nun sind Besprechungen, Telefonate und Pressekonferenzen eher mäßig spannend. Und den halb privaten, halb dienstlichen Auseinandersetzungen zwischen dem grummeligen Dr. Motte und seiner energischen Frau Ellen Dosch-Roeingh beizuwohnen, hinterlässt auch manchmal ein unbehagliches Gefühl. Aber im Wechselspiel mit dem Rückblick auf die Loveparade-Geschichte erschließt sich am Ende der Sinn, denn die Autorin würdigt in diesem Film nicht nur Dr. Motte, sondern vor allem die starken Frauen an seiner Seite, deren Leistung im Schatten des prominenten Aushängeschilds leicht übersehen werden.
Neben der außerordentlich präsenten Dosch-Roeingh und männlichen Weggefährten wie Maximilian Lenz alias Westbam und Jürgen Laarmann kommen in dem Film Loveparade-Mitgründerin Danielle de Picciotto und die zeitweise ebenfalls mit Dr. Motte liierte und bei der Loveparade engagierte Designerin Heike Mühlhaus zu Wort. "Ich verliebe mich immer in Powerfrauen", sagt Dr. Motte, dessen bewegtes Liebesleben offenbar einigen Einfluss auf die Entwicklung der Berliner Techno-Kultur hatte. So gesehen bekommt der Begriff "Loveparade" eine vollkommen neue Bedeutung.
In einen romantischen Nebel gehüllt wird die Geschichte allerdings nicht. Sieht man mal vom Thema Drogen ab, zeichnet Britta Mischer die wesentlichen Konflikte der "Loveparade"-Geschichte nach. Vor allem den Streit um die Kommerzialisierung und das eigene Selbstverständnis, wobei nicht ganz klar wird, was den größeren Anteil an der finanziellen Schieflage zu Beginn der 2000er Jahre hatte: eigene Fehler oder das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2001, das der Loveparade den Status einer grundgesetzlich geschützten Versammlung aberkannte.
Die Folge: Es wurden mehr Sponsoren gesucht und es gab mehr Werbung bei der Parade - und sinkende Besucherzahlen. 2004 und 2005 fiel die Loveparade komplett aus, "weil wir kein Geld hatten", wie Dr. Motte sagt. 2006 übernahm McFit-Eigner Rainer Schaller die Lopavent GmbH, die die Loveparade veranstaltete. Dr. Motte stieg damals aus, erklärt sich im Film aber dennoch als "teilschuldig" an der Katastrophe von Duisburg, weil er kein Veto beim Verkauf an Schaller eingelegt habe.
Nachdem im Juli 2010 bei einer Massenpanik in einem Straßentunnel in Duisburg 21 Menschen gestorben und Hunderte verletzt worden waren, verkündete der mittlerweile verstorbene Schaller das Ende der Loveparade.
Dass sich die Wiedergeburt unter dem Namen "Rave the Planet" etablieren würde, war bei der Premiere noch keineswegs ausgemacht. Zwar lagen sich die Organisatoren am 9. Juli 2022 in den Armen, weil mit 200.000 bis 300.000 Menschen in der abflauenden Corona-Pandemie viel mehr Besucher gekommen waren als erhofft. Doch zwei Tage später sitzen sie mit langen Gesichtern beisammen, weil Dr. Motte während der Parade ein Symbol der Querdenker-Bewegung präsentiert und damit negative Schlagzeilen provoziert hat. "Der ist halt so ein Fettnäpfchen-Jäger", schimpft Ellen Dosch-Roeingh in die Runde, während Dr. Motte kleinlaut daneben sitzt. Er habe das mit einem Symbol der "Freedom-Parade" von Lodz verwechselt, sagt er.
Die Autorin erinnert an weitere zweifelhafte Äußerungen von Dr. Motte: 2009 forderte er ein Ende der "schlechten, schwulen Politik" des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, der sich zu seiner Homosexualität öffentlich bekannt hatte. Und bereits 1995 rief Dr. Motte "alle Juden der Welt" dazu auf, "sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen". Für beides hat er sich längst entschuldigt, und auf seiner Webseite findet sich zu beiden Passagen auch eine längere Erklärung. Insofern handelt es sich um eine harte Entscheidung der Autorin, die alten Zitate noch einmal auszugraben.
Mischer holt immerhin noch zwei entlastende Aussagen ein: Die Ex-Geliebte Danielle de Picciotto "weiß, dass er nicht schwulenfeindlich ist", und "Rave the Planet"-Geschäftsführer Tim Zeiss "kann ausschließen, dass er in die eine oder andere Richtung zum Extrem neigt". Auch Dr. Motte selbst wiederholt seine Entschuldigung noch einmal. Es seien "schlimme Sachen" gewesen, die er "im Affekt" gesagt habe, sagt er.
Dem Publikum bleibt es überlassen zu entscheiden, ob Dr. Mottes Entschuldigung auf Einsicht schließen lässt. Oder ob sie vielleicht doch das Ergebnis des Medientrainings ist, das ihm seine Frau vor laufender Kamera empfohlen hat.
infobox: "Love is Stronger", Dokumentation, Regie und Buch: Britta Mischer, Produktion: Beetz Brothers, 25films (ARD-Mediathek/WDR/RBB/SWR/ARD Kultur, seit 31.7.26, RBB, 12.8.26, 22.15-0.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 03.08.2026 10:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, KRBB, KSWR, Dokumentation, Mischer, Gehringer
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