Plädoyer für mehr Miteinander - epd medien

04.08.2026 08:10

In "Nix ist fix" will eine Gruppe von sieben Freunden ein paar Tage in den Bergen verbringen. Doch als sie in der Hütte, die Juliane gehört, eintreffen, ist die besetzt von drei jungen Menschen, die ihnen erklären, Besitz sei unmoralisch.

ZDF-Tragikomödie "Nix ist fix"

Vince (Slavko Popadić, links) diskutiert mit Juliane (Julia Koschitz) über Eigentum und Freiheit

epd Im Autoradio läuft Howard Carpendales "Fremde oder Freunde", und die Männer auf den Vordersitzen singen inbrünstig mit, stilecht mit englisch ausgesprochenem "r". "Ich kotz gleich", schallt dagegen die Beschwerde der Frauen aus dem Fond, was sich aber eher auf die ruppige Fahrweise als auf die Musik bezieht. Immerhin kommen die beiden Paare, Harry (Marcel Mohab) und Sanne (Katrin Wichmann) sowie Pascal (Maximilian Brückner) und Paula (Friederike Kempter), mit ihrem SUV wie angestrebt am Parkplatz in den Tiroler Bergen an. Im Chalet von Juliane (Julia Koschitz), die als Nächste eintrifft, wollen die langjährigen Weggefährten, alle schon ein bisschen angeditscht vom Leben, ein paar Tage Urlaub machen. Komplettiert wird die Endvierziger-Gruppe von Edwin (Felix Hellmann) und Ines (Brigitte Hobmeier).

Die letzte Reise-Etappe ist schwierig, weil der Sessellift nicht in Betrieb ist und die sieben Ausflügler drei Stunden Aufstieg mitsamt Gepäck zu Fuß bewältigen müssen. Doch bei der Ankunft erwartet sie eine handfeste Überraschung: Vor der Hütte hängt ein Reh zum Ausbluten, am Türrahmen lehnt ein Gewehr. Da Juliane sicher ist, keine weiteren Freunde eingeladen zu haben, ist die Frage von Howard Carpendale klar zu beantworten: Fremde haben sich in dem Haus eingenistet. Wie soll man damit umgehen?

Wir wohnen hier schon seit ein paar Monaten.

Aus diesem Dilemma schöpft Drehbuchautorin Dominique Lorenz allerhand Tragikomik, indem sie das Verhalten ihrer Protagonisten zwischen Hilflosigkeit und Aggression, zwischen Schusswaffengefuchtel und doch lieber zusammen Chablis trinken changieren lässt. Nachdem Pascal sich von Paula hat überreden lassen, das Gewehr an sich zu nehmen, stoßen sie drinnen auf die Hausbesetzer: ein junges Freie-Liebe-Trio, bestehend aus der schwangeren Alma (Camille Dombrowsky) und den Männern Tomek (Simon Morzé) und Vince (Slavko Popadić). Ihre Nonchalance macht die Neuankömmlinge baff.

"Wir wohnen hier schon seit ein paar Monaten", erklärt Alma beiläufig. "Wollt ihr mitessen?", fragt Tomek, "es gibt Reh". Vertreiben lassen sich die Drei jedenfalls nicht. Als es nach kontroversen Beratungen tatsächlich zur gemeinsamen Mahlzeit kommt, wird der Diskurs grundsätzlicher: "Was ihr Staat nennt, lehnen wir ab", erklären die Eindringlinge, Besitz sei unmoralisch, Umdenken nötig.

Die Paare sind sich fremd geworden

Mehr noch als diese Chuzpe machen der Gruppe um Juliane aber Uneinigkeit und interner Zwist zu schaffen. Ex-Journalist Edwin bekundet Verständnis für die Revoluzzer und erleidet aus Schmerz über die globale Ungerechtigkeit fast einen Nervenzusammenbruch. Küchenbauer Harry gesteht seine Insolvenz. Edwin und Ines, eine ausgemusterte TV-Moderatorin, geben ihre Trennung bekannt. Paula beichtet Juliane einen Seitensprung mit deren Ex-Mann, selbstverständlich aus der Zeit, als die beiden noch zusammen waren. Die Ehe von Paula und Pascal wiederum ist so zerrüttet, dass Diskussionen nur noch mit technischen Hilfsmitteln möglich sind, aber auch das eingeschränkt: "Das ist meine Sanduhr-Zeit", herrscht sie ihren Gatten an. Die Paare sind sich fremd geworden.

In dieser komplexen Gemengelage zwischen Hütten-Thriller und Beziehungsdrama findet Regisseurin Natalie Spinell einen eleganten Ausweg: Etwa zur Halbzeit lässt sie, im Lichte eines gütigen Vollmonds, die Libido ins Geschehen eingreifen. Zwischen Juliane, die am Kühlschrank noch einen Schluck Wein aus der Flasche nimmt, und Vince fallen die Klassenschranken. Und auch wenn die anderen ihr daraufhin das Stockholm-Syndrom unterstellen, bewirkt der Sex doch allseits eine spürbare Entspannung der Lage.

Das Private ist politisch

Die Jungen erklären sich bereit, in eine höher gelegene Hütte umzuziehen, wenn auch nicht aus Nachgiebigkeit, wie sie betonen, sondern weil ihnen die Alten schlicht zu anstrengend sind. Diese trinken erst mal einen Schnaps auf den Schock - bevor ein ungewöhnlicher September-Schneeregen weitere Wendungen einleitet.

Das Private ist politisch, und das Politische ist privat, besagt eine alte Sponti-Weisheit. Dieser Devise folgt auch der ZDF-Film "Nix ist fix". Die Kapitalismus-Kritik bleibt thesenhaft und schürft nicht besonders tief, dafür entschädigen ein paar hübsche Beobachtungen menschlicher Eigenarten. Im Ton nicht maximal böse, eher sanft-ironisch, geben Autorin Lorenz und Regisseurin Spinell ihren Figuren Gelegenheit zu Läuterung und Empathie. Am Ende mündet ihr Kammerspiel vor Bergkulisse in ein beherztes Plädoyer fürs Miteinander - der politischen Lager wie der Generationen.

infobox: "Nix ist fix", Tragikomödie, Regie: Natalie Spinell, Buch: Dominique Lorenz, Kamera: Ahmed El Nagar, Produktion: Roxy Film, Whee Film (ZDF-Mediathek, seit 1.8.26, ZDF, 10.8.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 04.08.2026 10:10 Letzte Änderung: 05.08.2026 12:31

Peter Luley

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Lorenz, Spinell, Komödie, Luley, NEU

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