Kurz abgefeiert - epd medien

05.08.2026 08:10

Die HR-Sportdokumentation "Träume, Kult, Skandale: 125 Jahre Kickers Offenbach" blickt zurück auf die Geschichte des Traditionsvereins. Manfreid Riepe bedauert, dass diese Geschichte in nur 20 Minuten erzählt wird.

Dokumentation "Träume, Kult, Skandale: 125 Jahre Kickers Offenbach"

In einer 20-minütigen Doku blickt der HR auf die bewegte Geschichte von Kickers Offenbach

epd Der Bieberer Berg in Offenbach gilt als einer der höchsten in der ganzen Welt. Warum? Weil die in diesem Stadion spielenden Fußballer jeweils ein ganzes Jahr für den Aufstieg und dann ein Jahr für den Abstieg benötigen. Das ist einer von vielen hämischen Witzen über Kickers Offenbach, einen Club, der trotz allem Kultstatus genießt, unter anderem wegen der besonderen Leidensfähigkeit seiner Fans. Zum Vereinsjubiläum blickt eine HR-Dokumentation zurück auf die 125-jährige Geschichte dieses besonderen Clubs.

Zu Beginn erinnert der Film an eine zeitgeschichtliche Begebenheit, die mit Sport nur indirekt zu tun hatte. 1932 wollte die NSDAP das Stadion auf dem Bieberer Berg für eine Großkundgebung von Adolf Hitler nutzen. Manfred Weinberg, damals im Vorstand des OFC, verhinderte dies. Auf Druck der NSDAP musste Weinberg den Verein bald verlassen. Im März 1933 wurde er verhaftet und in das Konzentrationslager Osthofen gebracht. Weinberg emigrierte noch im selben Jahr. Die Dokumentation zeigt zwar den Stolperstein vor dem Stadion, nimmt sich aber nicht die Zeit, um die Zusammenhänge in wünschenswerter Deutlichkeit zu erzählen.

Ein Arbeiterverein, der kämpfen muss und nichts geschenkt bekommt.

Autor Daniel Höhr konzentriert sich in dem kurzen Film auf die sportliche Perspektive und erinnert an traumatische Ereignisse. Allen voran, die - wie der DFB später einräumte - fehlerhafte Nichtberücksichtigung der Kickers bei der Gründung der Fußball-Bundesliga im Jahr 1963. Dies führte zur erbitterten Feindschaft mit dem Lokalrivalen Eintracht Frankfurt, der in die Bundesliga aufgenommen wurde. Man sei eben "ein Arbeiterverein, der kämpfen muss und nichts geschenkt bekommt", so der frühere Kickers-Profi und Publikumsliebling Sascha Korb.

Neben Korb kommen Trainerlegende Hans-Jürgen Boysen und die Ehrenpräsidentin Barbara Klein zu Wort. Besonders die beiden leidenschaftlichen Fans Marko Stuka und Sebastian Kraus lassen den Zuschauer spüren, was es heißt, die Kickers zu lieben. Sebastian Kraus holt ein Passfoto aus der Tasche und erklärt mit leuchtenden Augen: "Das ist mein Großonkel Berti Kraus. Der hat das 1:1 geschossen gegen Eintracht Frankfurt." Gemeint ist das Endspiel um die deutsche Meisterschaft im Jahr 1959, das die Kickers 3:5 gegen Eintracht Frankfurt verloren.

Dramatisches Jahr

Wie in einem solchen Format üblich, werden Höhen und Tiefen mit kurzen Einblendungen von Spielszenen illustriert. Triumphal war der Gewinn des DFB-Pokals 1970. Kickers Offenbach war der erste Zweitligist, dem dies gelang. Zu den dramatischen Jahren der Vereinsgeschichte zählte laut Doku das Jahr 2015: Zunächst wurde das laufende Insolvenzverfahren aufgehoben, der Club war damit wirtschaftlich gerettet. Gleichzeitig erreichte der Verein sensationell das Achtelfinale im DFB-Pokal. Dann folgte ein Alles-oder-Nichts-Spiel gegen den 1. FC Magdeburg, bei dem die Kickers tragischerweise den Aufstieg in die dritte Liga verpassten. "Stundenlang könnte ich von Kickers Offenbach erzählen", sagt ein Fan, dessen Begeisterung und Leidensfähigkeit man spüren kann.

Doch leider ist Daniel Höhrs Dokumentation nur 20 Minuten lang. 125 Jahre in dieses Mikroformat zu packen, das ist ziemlich enttäuschend. Kultfiguren wie Otto Rehagel, der erste schwarze deutsche Nationalspieler Erwin Kostedde und Rudi Völler, dessen Karriere in Offenbach begann, werden ganz zum Schluss kurz eingeblendet. Und was ist mit Siggi Held?

Zu kurz gekommen

Der Skandal um Bestechung und Spielmanipulationen, der die Bundesliga zu Beginn der 1970er erschütterte, wird zwar erwähnt. Dass der ehemalige Kickers-Präsident Horst-Gregorio Canellas an der Aufdeckung dieser Betrügereien beteiligt war - aber bei den Bestechungen auch mitmischte -, diese Verwicklung lässt sich in 20 Minuten beim besten Willen nicht angemessen darstellen.

Die Kickers und ihre Fans haben einiges durchgemacht. Und jetzt sind sie auch noch zu kurz gekommen. Um die Höhe des Bieberer Berges zu würdigen: hätte man den tapferen Kickers mindestens 45 Minuten geben müssen.

infobox: "Träume, Kult, Skandale: 125 Jahre Kickers Offenbach", Dokumentation, Regie und Buch: Daniel Höhr, Kamera: Julien Wintermeier (ARD-Mediathek/HR, seit 27.7.26, HR, 29.7.26., 22.00-22.20 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 05.08.2026 10:10

Manfred Riepe

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KHR, Dokumentation, Sport, Höhr, Riepe

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