Stille Helden des Alltags - epd medien

08.08.2026 09:30

In der Reportage "Junge Roma heute - zwischen Herkunft und Zukunft" stellt Nadja Tenge junge Männer und Frauen vor, die in Berlin leben und gegen tief verwurzelte Vorurteile und Ausgrenzung angehen.

ARD-Reportage "Junge Roma heute"

Stefan, Estera und David (von links) sprechen über ihre Lebenswege in Berlin

epd Insgesamt leben elf Millionen Sinti und Roma in Europa, sie sind die größte Minderheit auf dem Kontinent, sagt Autorin Nadja Tenge zu Beginn ihrer Reportage, "doch die junge Generation hat es satt, stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden". Ihr Film wirft einen frischen, unbefangenen Blick auf ein Milieu, von dem gemeinhin wenig sichtbar wird. Sie zeichnet vier Kurz-Porträts von jungen Roma, die von ihren Aufbrüchen und Lebenswegen berichten. Es sind Begegnungen mit jungen Menschen, aber auch Fallstudien zum sogenannten Empowerment.

Estera, David, Stefan und Mersud, die alle recht gelassen erscheinen, leben in einem urbanen Safe Space in Berlin. Die angehende Grundschullehrerin Estera erlebt verschiedene Welten. Sie organisiert Workshops und ist durch "Aktivismus, Theater und Aufklärungsarbeit" selbstbewusst geworden, "Meine Eltern verstehen nicht alles, was ich mache", sagt sie. Entscheidend für sie ist angesichts ewiger Vorurteile, "wie und wer die Geschichten erzählt", am besten sie selbst ihre eigene.

Diese Menschen hätten fast meine Zukunft kaputt gemacht.

Wie erleichternd das sein kann, sieht man an den strahlenden Augen von Mersud. Der 39-Jährige könnte in tiefe Melancholie verfallen angesichts seines Lebenswegs, doch er ist charmant und offen und entspricht mit seinem Auftreten fast dem Klischee eines Friseurs: "Queer und Roma ist auch in Bosnien nicht einfach", sagt er. Das hat ihn aber nicht entmutigt, sondern motiviert, "besser zu kämpfen für ein neues Leben". Dieses Gefühl vermittelt er auch in seiner Malerei, bevorzugt mit "plakativen, bunten Farben". Sein Wunsch sei es, Menschen glücklich zu machen.

Nadja Tenge erzählt starke Geschichten von stillen Helden des Alltags. Sie hat einige leuchtende Beispiele in einer noch immer ausgegrenzten Menschengruppe gefunden. Stefan (28) hat das seit seiner Kindheit erlebt. Er wurde als Kind einer serbisch-bosnischen Familie in Berlin geboren. Als Kind sollte er Intelligenztests machen, die Lehrer wollten nicht, dass er auf eine Grundschule kommt. "Diese Menschen hätten fast meine Zukunft kaputt gemacht." Er sei damals "verkloppt, von Lehrern gehänselt worden".

Heute studiert er Politik und Recht, schreibt Rap-Songs und regt sich über den Alltagsrassismus auf. Es gebe so unterschiedliche Menschen, "woher wissen sie, dass es Sinti und Roma sind". Mittlerweile sei es okay, sagt er, doch wenn er zum Soundtrack seiner Musik ("Auf dem Weg in bessere Zeit") an seiner alten Schule vorbeikommt, fühle er sich wieder schlecht. Doch wie die anderen Protagonisten des Films lässt er nichts auf "das weltoffene Berlin" kommen.

Sprechen über Antiziganismus

Offenbar haben diese jungen Sinti und Roma ihre schlechten Erfahrungen gut verarbeitet. Autorin Tenge setzt aber auch klare politische Akzente. Sie erinnert an das NS-Zwangslager Marzahn, wohin die Nazis Sinti und Roma vor der Berlin-Olympiade 1936 verschleppten, später wurden sie nach Auschwitz gebracht. Erst 1982 habe Deutschland das als Völkermord anerkannt. Es gibt jedoch auch unter den Sinti und Roma einen großen Gegensatz, sagt Tenge. Während die 70.000 Menschen mit deutscher Nationalität ihre Ethnie verschwiegen, um nicht aufzufallen, werde diese von den südosteuropäischen Zuwanderern als Grund für ihre Immigration betont.

Student David betreibt in einem freundlichen Umfeld Aufklärung. Inmitten seiner Kommilitonen fragt er sich, warum dort nur über Antisemitismus, aber nicht von Antiziganismus gesprochen werde. David hat einen weiten Weg hinter sich, seit er mit 15 aus einem rumänischen Dorf nach Berlin kam. Religion war und ist ihm eine wichtige Tradition: "Ich switche hin und her." Er geht in eine evangelisch-freikirchliche Gemeinde, aber eigentlich prägt ihn eine ganz andere Sozialisation: "Ich wurde lange von Sozialarbeitern begleitet, sie sind meine Vorbilder." Jetzt studiert er selbst Sozialarbeit.

Ein Wohlfühlfilm

Gemeinsam mit Estera und dem Jugendprojekt "Power Peng" steht David schließlich auf einer Bühne. Zum Finale erklingt eine Version der Revolutionsballade "Bella Ciao". Fast schon poetisch erklärt er, er handele "mit dem Herz, was die Menschen für mich haben".

Die Reportage aus der Rubrik "Echtes Leben" gewährt nicht nur ihren Protagonisten einen dramaturgischen safe space, sie ist ein Wohlfühlfilm. Tenge gibt einen Einblick in die höchst komplexen Befindlichkeiten ihrer Protagonistinnen und Protagonisten: Man erfährt von der Scham der Ausgrenzung, dem Mut sich selbst neu zu erfinden, von Solidarität, sozialem Trotz, Stolz und dem Trauma der deutschen Geschichte.

info: "Echtes Leben: Junge Roma heute - zwischen Herkunft und Zukunft", Dokumentation, Regie und Buch: Nadja Tenge, Kamera: Michael Günther, Manfred Hagbeck, Arne Janssen (ARD-Mediathek/RBB, seit 31.7.26, ARD, 5.8.26, 23.35-0.05 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 08.08.2026 11:30

Dieter Dehler

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KRBB, Dokumentation, Tenge, Dehler

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