11.08.2026 08:34
Hörspiel "Cheap Dreams: New Whirled Order" von Tino Kühn
epd Kleine Warnung: Nach den ersten Minuten von "Cheap Dreams: New Whirled Order" wird es körperlich unangenehm: Jemand packt ein neuartiges technisches Gerät aus dem knisternden Vakuum, eine sanfte Frauenstimme führt durch den Installationsprozess. Fünf Zentimeter tief in die Nase soll der Nutzer das Gerät führen, dann hinterm Hirn einrasten lassen und einige Sekunden stillhalten. Das tut schon beim Hören weh!
Wer als Podcaster tagein, tagaus Produkte testet, um Klicks zu generieren, kann schon mal den Überblick verlieren und übers gesunde Maß hinausschießen. Zum Beispiel vergessen, Werbung auch als solche zu kennzeichnen. Oder, wie im Falle von Roland (Ole Lagerpusch), die eigenen Schmerzgrenzen überschreiten.
Marlene Tanczik und Ole Lagerpusch spielen das Podcaster-Duo Xenia und Roland. In "Drauf & Dran - Die Businesspunks" sprechen sie über die neuesten Trends aus Wirtschaft und Lifestyle.
"Die Experience ist die Experience", so heißt es im merkantilen Dauer-Denglish über das neue Produkt. Mittels des "neuronalen Links", den er sich appliziert hat, wird Roland das Eis "Schmacko" der Marke "Fatzi" als "generierte Produkterinnerung direkt ins Gedächtnis" gespeist. Statt kompletter Erinnerungsbilder werden dabei stets nur "Exzerpte" vorgespielt. Der Mensch ergänzt dann wie beim echten Erinnern die abgespeicherten Fragmente je nach Laune, Prägung oder Situation. "Augmented Memory" nennt sich das. Was selbstverständlich auch mit allen möglichen anderen Inhalten funktioniert, ist der Zugang erst einmal gelegt.
Mit schnell durchschaubarer Konsum- und Kapitalismuskritik allein - oder gar naivem Verschwörungsglauben - hält sich Schauspieler, Autor und Regisseur Tino Kühn aber nicht auf. Er dichtet Roland eine fiktive Krankheit namens ADPS an, ein "akutes digitales Persistenz-Syndrom". Darunter versteht er recht plausibel eine "dissoziative Störung infolge neuronaler Umstrukturierung durch digitale Abhängigkeit". Primärsymptom sei die Unfähigkeit, sich an Erlebnisse, Gespräche oder Informationen zu erinnern, die nicht digital dokumentiert worden seien. "Sekundär kann eine schwere Desorientierung bei Netzausfällen auftreten in Verbindung mit Panikattacken bei realem oder vermeintlichem Datenverlust."
Rolands "Experience" ist also längst auch psychopathologischer Art, wie Xenia weiß. Ihr Kollege hat immer wieder ADPS-Anfälle, in denen er glaubt, dass sie mehrere Staffeln ihres Podcasts produziert hätten, die alle gelöscht worden seien. Klingt paranoid. Dabei sind wirklich böse Mächte hinter Roland und Xenia her. Zum Glück, so scheint es zumindest, gibt es unverhoffte Unterstützung von der lieblichen, scheinbar naiven Lara (Vassilissa Reznikoff).
Im Untergeschoss eines mysteriösen Gebäudes, wo einst Berliner Sumpfland war und nun Elektroklänge malmen, steht an den Wänden überall Senecas Formel "disce gaudere": Lerne, dich zu freuen. Die an diesem Ort von einem gewissen Marco (Dustin Semmelrogge) bald Gefesselten müssen sich als spezielle Folter eine langwierige Folge der fiktiven SWR-Hörbuchreihe "Ohrenschmaus" anhören: "Stirb langsam oder Die Hypochondrie des Herzens".
Das ist die spezielle Selbstironie dieses Hörspiels: Es geht zum Lachen wirklich in den Keller - oder zum Sterben, das weiß man nicht so genau. Im fiktiven Hörbuch wandelt ein Mensch in grauer Vorzeit durch den Wald und entdeckt die gerade Linie als das, was ihm die Herrschaft über alles Wuchernde verleihen wird. Bis hin zum "An" und "Aus" des Maschinellen und zu "Null" und "Eins" des Digitalen. Nicht umsonst heiße "Ruler" Lineal und Herrscher zugleich, raunt das fiktive Hörbuch und lässt über den Wäldern schwarze Rauchschwaden aufsteigen.
Nach seiner fünfteiligen Hörspielserie "Cheap Dreams" (2024) dreht Tino Kühn die Daumenschrauben dystopischer Erkenntnis in der knapp 90-minütigen Fortsetzung "Cheap Dreams: New Whirled Order" noch ein wenig fester an, Zeit- und Realitätsebenen verschachtelt er immer weiter ineinander. Bei ihm folgt jede Erzählung nur dem Skript einer nächstgrößeren, noch raffinierteren. Der Markt greift eben nicht nur auf die Welt von morgen zu, um unsere Wetten auf die Zukunft zu monetarisieren, sondern auch auf die Vergangenheit, die vermeintlich persönlichen Erinnerungen. Selbst Rebellisches ist da längst eingepreist.
Jenseits des Durchkalkulierten selbst im vermeintlich Abweichlerischen scheint es kein reales Außen mehr zu geben. Tino Kühn assoziiert sich in einer reizvollen, dichten Kaskade weiter bis zum amerikanischen Psychologen Julian Jaynes: Der stellte einst die These auf, dass es bis vor etwa 3000 Jahren keine Subjektivität und keine Selbstverortung gegeben habe. Vielmehr hätten Menschen über eine zweikammerige, "bikamerale" Psyche verfügt, in der sie auditive Halluzinationen als göttliche Stimmen erkannt hätten. Mit dem Bewusstsein verschwanden die Götter und tauchten die Diagnosen auf.
True-Crime-Fan Lara ist da schon ein paar Schritte weiter und dabei, ein neues Genre zu defininieren: "True True Crime". Sogar den richtigen Claim dafür hat sie schon entwickelt: "Nimm die Verbrechen selbst in die Hand - Crime mit völlig autonomer Contentgestaltung!"
Tino Kühns Ideenreichtum hätte auch diesmal für mehrere Folgen gereicht. Dicht getaktet lässt er wissenschaftliche Fachbegriffe und Trendvokabeln regnen und setzt seine akustischen Mittel plastisch ein. Das tieffrequente Rauschen der analogen Welt und das schmerzvoll hochfrequente der digitalen verbinden sich schließlich zum mythischen "Urrauschen", einem Schlund, in dem jeder und jedes Bewusstsein zu verschwinden droht.
infobox: "Cheap Dreams: New Whirled Order", Hörspiel, Regie und Buch: Tino Kühn (ARD Sounds/SWR, seit 28.7.26, SWR Kultur, 16.8.26, 18.20-20.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 11.08.2026 10:34
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KSWR, Hörspiel, Kühn, Lutz
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