In einem zerrissenen Land - epd medien

14.08.2026 08:45

Die israelische Serie "Hooligans", die von mehreren deutschen ARD-Anstalten koproduziert wurde, erzählt vom rechtsextremen Fan-Milieu eines Fußballvereins in Jerusalem. Im Mittelpunkt steht der 20-jährige Meni, der als Informant in die Fan-Gruppierung eingeschleust wird.

Israelische Serie "Hooligans" in der ARD-Mediathek

Meni (Ben Sultan, zweiter von rechts), wird zusammen mit den "Wächtern der Mauern der Davidstadt" inhaftiert

epd Um Fußball in Israel geht es in der achtteiligen Serie "Hooligans" weniger. Zwar wurden einige Szenen im Stadion gedreht, aber die Kamera richtet ihren Blick nicht auf das Spielfeld, sondern auf die Ränge. "Diese Stadt gehört uns", singen die Mitglieder der rechtsextremen Fan-Gruppe "Wächter der Mauern der Davidstadt" in ihrer Hymne und preisen darin ihr Team als "rassistischste Mannschaft des Landes". Jüdische Israelis, einig im Hass auf Araber und Linke, fordern Polizei und Gesellschaft heraus.

Hauptfigur ist allerdings ein junger Mann, der ungewollt in dieses Milieu hineingerät: Der 20-jährige Meni (Ben Sultan) verkauft Wasserflaschen vor dem Stadion, als sich die Fan-Gruppen rivalisierender Teams zu prügeln beginnen. Um einem am Boden liegenden Mann zu helfen, der sich später als "Wächter"-Anführer Ovad (Sean Softi) herausstellt, greift Meni ein. Er wird wie andere Männer auch verhaftet, lernt in der Polizeizelle Ovad und weitere "Wächter"-Mitglieder kennen und wird von Kommissarin Madmoni (Dikla Dori) umgehend als Spitzel angeworben. Dafür will sie Meni, der sich vor dem Armeedienst drückt, die Militärpolizei vom Hals halten. Als Druckmittel setzt sie außerdem ein, dass Meni bei der Prügelei vor dem Stadion einen Polizisten derart verletzt haben soll, dass dieser nun im Koma liegt.

Ein vermeintlicher Anker

Es entwickelt sich das Genre-übliche Spiel um einen verdeckten Ermittler, der zwischen die Fronten gerät und stets um seine Tarnung fürchten muss. Meni ist ein junger Israeli ohne Perspektive und ohne familiären Halt: Sein Vater ist tot, seine Mutter leidet unter Depressionen, und mit seinem Stiefvater streitet er permanent. Nur im Umgang mit seiner kleinen Schwester wirkt der ansonsten verschlossene Meni zugewandt. Im älteren "Wächter"-Boss Ovad findet er einen vermeintlich starken Anker. Ovad wiederum erkennt in dem jungen Meni sich selbst wieder und nimmt ihn unter seine Fittiche. Es entsteht eine Art Vater-Sohn-Verhältnis, das dem Undercover-Thrill Spannung und Tiefe verleiht.

Zwar gewinnen die "Wächter"-Charaktere mit der Zeit an Profil, doch was die bunte Männergruppe eint, ist, dass sie praktisch nur Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung kennt. Sechs der acht Folgen sind nicht ohne Grund erst ab 16 Jahren freigegeben. Auch Meni beteiligt sich sofort an einer Rache-Attacke auf andere Fans, verhindert dann aber bei einem Angriff der "Wächter" auf den Präsidenten des eigenen Fußballclubs Schlimmeres.

Regelmäßige Prügeleien

Autorin und Regisseurin Lee Gilat setzt mit "Hooligans" den nicht nur in Israel florierenden Männlichkeitskult schonungslos in Szene. Aber das beständige Aufbrausen der "echten Kerle", die pausenlosen Schimpftiraden und regelmäßigen Prügeleien sind auch ziemlich ermüdend. Nur ein einziges Mal könnte man der Haudrauf-Mentalität etwas abgewinnen: Als die "Wächter" aus Israel in der siebten Folge in Zagreb im Hotel von einem kroatischen Neonazi mit Seifenstücken empfangen werden, auf denen das Wort "Jude" eingeprägt ist.

Der Ausflug zu einem Europapokalspiel in Zagreb bleibt die Ausnahme. Die Serie, die für den öffentlichen israelischen Sender Kan in Partnerschaft mit dem französischen Canal+ sowie SWR, WDR und NDR gedreht wurde, spielt sonst ausschließlich in Jerusalem, dem "Irrenhaus", wie Ovad die Stadt nennt. Frauen sind auf Nebenrollen beschränkt, wie die coole Anwältin Kinneret (Danielle Menuchin Rudoy), die die "Wächter" bei Polizei und Justiz immer wieder raushaut: "Ich komme dann nach den Verhaftungen."

Eure Dörfer sollen brennen.

Rätselhaft, warum sich eine so kluge Frau für die Extremisten einsetzt, aber immerhin stehen Kinneret und die Stabschefin des Bürgermeisters für die Möglichkeit, in Verhandlungen einen Kompromiss zu finden. Leider bleibt die (weibliche) Vernunft weitgehend auf der Strecke.

Arabische oder palästinensische Figuren haben hier übrigens keine eigene Geschichte und kommen praktisch nur als Feindbild vor. Wenn die "Wächter" mit ihrem Bus zum Auswärtsspiel in ein arabisches Viertel fahren, wird der Fußball zum kriegerischen Stellvertreter-Schauplatz. "Eure Dörfer sollen brennen", skandieren die jüdischen "Wächter" in ihrer Vereinshymne. Und als sich Meni zu einer provokanten Aktion in einer Moschee hinreißen lässt, um das Misstrauen der "Wächter" gegen ihn zu zerstreuen, löst er eine Eskalation im ganzen Land aus.

Gilat und ihr Team erzählen eine fiktionale Geschichte, die die Zerrissenheit Israel am Beispiel des Hooligan-Milieus schmerzhaft auf den Punkt bringt. Dabei sind die Parallelen zur rechtsextremen Fan-Gruppierung "La Familia" des Vereins Beitar Jerusalem, die sich immer wieder in die Politik einmischt, nicht zu übersehen. In der teils vor und teils nach dem 7. Oktober 2023 gedrehten Serie will ein neuer Bürgermeister die "Wächter" mit harter Hand bekämpfen und verhindern, dass Bauunternehmer Ovad einen öffentlichen Auftrag erhält. Dass es dabei um die Erweiterung eines Friedhofs geht, erscheint leider bezeichnend.

infobox: "Hooligans", achtteilige Serie, Regie: Lee Gilat, Buch: Lee Gilat, Izhar Har-Lev, Kamera: Nitay Netzer, Produktion: Artza Productions, United King Films (ARD-Mediathek/SWR/WDR/NDR/Kan/Canal+, seit 14.8.26, One, 14.8.26, 22.55-4.20 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 14.08.2026 10:45 Letzte Änderung: 14.08.2026 11:27

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Streaming, Serie, KSWR, KWDR, KNDR, Gilat, Har-Lev, Gehringer, NEU

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