Dokumentieren, was geschieht - epd medien

18.08.2026 08:16

Für die Dokumentation "Russland im Krieg. Ein Land zwischen Propaganda und Widerstand" hat ein Drehteam vier Jahre lang das Leben in Russland seit 2022 beobachtet. Der Film zeigt, wie der Krieg in den russischen Alltag eindringt und Familien spaltet.

Arte zeigt Langzeitbeobachtung "Russland im Krieg"

"Diene mit Ehre, kehre als Held zurück", steht auf einer Leuchtanzeige in Russland

epd Ein Land im Krieg - da erwartet man Szenen, in denen Bomben fallen und explodieren, Soldaten verwundet werden und sterben, in denen Geschützfeuer lodert, während Menschen schreien und flüchten. Aber davon ist in dieser Dokumentation nichts zu sehen. Das liegt daran, dass der Film zwar in Russland spielt, das Krieg führt, der Krieg tobt jedoch im Nachbarland Ukraine. Die Protagonistin Maria sagt: "Ich befürchte, dass wir uns den Rest unseres Lebens bei den Ukrainern entschuldigen müssen."

Inzwischen kommt der Krieg nach Russland zurück, jetzt brennen Ölfelder und sogar Warendepots. Aber dieser Film, der über vier Jahre gedreht wurde, seit Beginn der militärischen Vollinvasion in die Ukraine 2022 bis in dieses Jahr hinein, wurde beendet, bevor er Angriffe der Ukraine auf russische Ziele in größerem Ausmaß hätte zeigen können.

Der Krieg ist ein Geschäft

Die Dokumentation zeigt den Krieg als Phänomen, das in Russland stattfindet, auf andere Weise, sie erzählt von der Spaltung, die er im Land erzeugt hat: zwischen Befürwortern und Gegnern des Waffengangs, zwischen Unterstützern, die fürs Militär spenden und "Nein-zum-Krieg"-Demonstranten, die ins Gefängnis müssen, zwischen jenen, die sich in den Einberufungsämtern melden und den anderen, die Blumen auf das Grab des unbekannten Soldaten legen.

Der Krieg tobt auch in Russland, obwohl keine Bomben fallen. Er ist allgegenwärtig als Zwang, Ja oder Nein zu sagen oder sich - was die meisten tun - die Ohren zuzuhalten und sich davonzustehlen. Und er ist auch ein Geschäft. Irgendjemand verdient Geld mit den Tausenden von Propagandaplakaten, die in riesenhaften Abmessungen überall im Land die Straßen säumen, um russische Helden zu preisen, die diesen Krieg führen und im Gefecht fallen. Die Menschen laufen wie blind in den Krieg hinein oder vor ihm davon. Wenige stellen sich ihm entgegen. Zu denen gehören die Macher und Macherinnen dieses Films.

Die Stimmen der Mutigen werden leiser

Wie so viele gelungene Langzeitbeobachtungen hat auch dieser Film von Lyobov Sinitsina und Torstein Grude einen guten langen Atem. Im Zentrum steht Julia, eine junge russische Fotoreporterin, die zu Beginn davon spricht, dass viele ihrer Kollegen 2022 das Land verlassen haben. Sie aber habe das nicht getan und wolle es auch nicht tun. Sie sehe ihre Aufgabe darin, ihren Beruf im Lande auszuüben und zu dokumentieren, was hier geschieht.

Gleich nach Kriegsbeginn gab es Demonstrationen auf großen Boulevards, Julia hat diese auf Bildern festgehalten. Die Menschen wollten Frieden, aber sie wurden verjagt und verhaftet, vor Gericht gestellt wegen "Beleidigung der russischen Armee". Es hagelte Gefängnisstrafen bis zu 15 Jahren wegen Teilnahme an nicht genehmigten Anti-Kriegsdemonstrationen. Ehefrauen, deren Männer vermisst sind, Eltern, die nichts mehr von ihren rekrutierten Söhnen hören, tun sich zusammen und protestieren öffentlich. Zu ihnen gehört Maria. Die Stimmen dieser Mutigen werden immer leiser, denn der Protest kommt sie teuer zu stehen.

Patriotische Reden

Auf dem Roten Platz gibt es ein Konzert zu Ehren der Armee nach der Annexion ukrainischer Gebiete. Tausende sind gekommen. Sie wurden "hingekarrt" aus Betrieben und Vereinen, sie werden sogar dafür bezahlt - das steht in den Gesichtern geschrieben, die keine große Begeisterung ausdrücken. Propagandisten machen Musik und halten patriotische Reden, von der Seite spendet die Orthodoxe Kirche ihren Segen. Julia war auch hier mit ihrer Kamera dabei. Und sie nimmt das Filmteam mit zu Nicolai und seiner Frau, die ihrem 16-jährigen Sohn Nahrungsmittel ins Gefängnis bringen. Ob sie ihn heute sehen können, wissen sie nicht. Sie stapfen durch den Schnee - bis zur "Strafkolonie Nr.7". Er hat sechs Jahre bekommen - für einen Brandanschlag auf ein Rekrutierungsbüro, der nicht mal zündete.

Julia zeigt auch die andere Seite: Alena ist eine freiwillige Unterstützerin der Frontsoldaten und der kriegführenden Heimat generell. Unter ihrer Obhut häkeln eifrige Frauen und Jugendliche Tarnnetze und stricken Socken für die Männer, die in der Ukraine, so heißt es, gegen Nazis kämpfen. Auch Bauteile für Drohnen werden hier in Handarbeit hergestellt. Selbst Insassen psychiatrischer Anstalten zieht der Staat zu solchen Arbeiten heran, es ist eine Art Mobilmachung zweiter Ordnung - samt der dazugehörigen Ehrungen und Orden. In den Schulen gibt es Propagandastunden. Putins Antlitz glänzt von den Plakaten.

Nur noch eine apathische Menschenmasse.

Das gespaltene Land verliert auf beiden Seiten unter dem Druck der Kriegführung, den auch die spüren, die in Ruhe gelassen werden wollen und keine Meinung äußern, seinen Lebensmut. Das ist das Resümee dieses Films: Es ist "keine Gemeinschaft mehr, nur noch eine apathische Menschenmasse". Julias Material und ihre Rolle als Presenterin zeigen aus einer persönlichen Perspektive, was aus der Psyche eines Landes wird, das sich der entfesselten Gewalt nicht mehr entgegenstellen kann und es trotzdem immer wieder versucht. Diese Psyche verhärtet. Julia selbst verkörpert den Hoffnungsrest, der immer bleibt.

infobox: "Russland im Krieg. Ein Land zwischen Propaganda und Widerstand", Dokumentation, Regie und Buch: Lyobov Sinitsina, Torstein Grude, Kamera: Anonymus, Produktion: Piraya Film, Real Lava, Nukleus Film, Vincent Productions (Arte/SWR, 18.8.26, 21.50-23.20 Uhr und in der Arte-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 18.08.2026 10:16

Barbara Sichtermann

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, KSWR, Dokumentation, Sinitsina, Grude, Sichtermann

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