Medienforscher: Lehren aus 9/11 helfen Journalismus im KI-Zeitalter - epd medien

19.08.2026 06:01

Für den Medienwissenschaftler Stephan Weichert sind die journalistischen Erfahrungen aus dem 11. September heute aktueller denn je. Im KI-Zeitalter sieht er den Journalismus vor einer ähnlichen Zäsur wie damals.

Medienwissenschaftler Stephan Weichert

Hamburg (epd). Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert sieht in den Lehren aus dem 11. September 2001 einen Schlüssel für die Bewältigung journalistischer Herausforderungen im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (KI). "Die aktuellen Entwicklungen stellen für den Journalismus eine ähnliche Zäsur dar wie die Terroranschläge vor 25 Jahren", sagte Weichert dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Damals wie heute gilt: Richtigkeit vor Schnelligkeit, Orientierung vor Überwältigung."

Weichert ist Gründungsdirektor des gemeinnützigen Vocer-Instituts für Digitale Resilienz und forschte viele Jahre zur Medienberichterstattung über die Terroranschläge in den USA vom 11. September. Die Ereignisse von damals hätten den Journalismus unter anderem gelehrt, dass er ikonische Bilder wie die einstürzenden Türme des World Trade Centers in New York einordnen muss, statt sie in Dauerschleife zu zeigen, sagte er.

"Zwar bleibt die nötige Entschleunigung angesichts des hohen wirtschaftlichen Drucks, unter dem Medien heute stehen, immer noch häufig ein frommer Wunsch", so Weichert. "Aber die Erkenntnis, dass Journalismus dem standhalten muss, ist seit 9/11 vorhanden und von vielen Redaktionen in entsprechende Guidelines gegossen."

Verifikation wird zur Kernkompetenz

Der Live-Journalismus habe sich in der Folge verändert. "Die Berichterstattung über die Terroranschläge von Halle oder auch Hanau hat gezeigt, dass Verifikationsprozesse besser funktionieren", sagte der Medienwissenschaftler. Hier sei es gelungen, zu informieren, "ohne sich zum Verstärker des Terrors zu machen".

Beschleunigt durch Social Media und die Möglichkeit, ohne "Umweg" über die Medien mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren, habe sich die Verifikation, also die Überprüfung der Richtigkeit einer Information, in den Jahrzehnten nach dem 11. September 2001 zur Kernkompetenz des Journalismus entwickelt, der seine Rolle als Gatekeeper zunehmend verloren habe. Dieser Wandel helfe nun beim Umgang mit den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz.

Weichert kritisierte vor diesem Hintergrund den voranschreitenden Abbau im deutschen Medienjournalismus. Der 11. September sei ein Paradebeispiel dafür, wie aus Versäumnissen in der Berichterstattung durch medienjournalistische Aufarbeitung Verbesserungen entstanden seien. "Wenn der Journalismus die Fähigkeit verliert, aus sich selbst heraus zu lernen, gefährden wir damit unsere Demokratie", warnte Weichert.

nbl



Zuerst veröffentlicht 19.08.2026 08:01

Schlagworte: Medien, USA, Terror, INT

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