19.08.2026 07:40
Hörspiel "Die kindischste aller Fragen" nach Roman von Leon Engler
epd Ein Haus am Rande einer Großstadt. Hier stellt sich der namenlose Ich-Erzähler bei einem Psychologen zu seiner Lehrtherapie vor. In den ersten Sitzungen schweigt er. Gedämpfte Klaviermusik, eine Uhr tickt. Dann bricht es aus ihm heraus, und er beginnt, sein Leben von seiner Kindheit an zu erzählen. Von der Deutschlehrerin, die sich ihre Krawatten abgeschnitten hatte und glaubte, unter der Schule gäbe es einen Gang bis nach Berlin. Von der bipolaren Münchner Großmutter, die warmherzig sein konnte, aber auch mehrmals versuchte, sich umzubringen. Von seiner Flucht erst in Richtung New York, dann nach Wien, um dem "vorbelasteten" Elternhaus zu entkommen. Von seiner Mutter, die ihr Leben zu meistern schien, ehe sie alkoholkrank wurde. Schließlich von seinen Erlebnissen in der Psychiatrie, wo er als angehender Psychotherapeut ein verpflichtendes Lehrjahr absolvieren musste.
Das WDR-Hörspiel "Die kindischste aller Fragen" ist die zweite Zusammenarbeit von Regisseur Jörg Schlüter, dem Schriftsteller und Psychologen Leon Engler und dem Schauspieler Niklas Draeger. Ihre erste war im Jahr 2022 das Hörspiel "Satellitenbilder deiner Kindheit", das Psychogramm einer problematischen Vater-Sohn-Beziehung, in dem Draeger in der Rolle des Sohnes zu hören war. Im neuen Hörspiel spricht er den verunsicherten Ich-Erzähler. Sensibilität, Zerbrechlichkeit, aber auch Hypochondrie liegen in seiner Stimme.
Im Fokus stehen hier jedoch vor allem seine Beziehungen zu den ihn umgebenden Frauen von der Großmutter über die Mutter bis zur Leitenden Psychologin in der Psychiatrie. Ausnahme: Sein Wiener Nachbar, ein ebenso belesener wie wunderbar verschrobener alter Mann, dem er seine Sorgen und Nöte anvertraut.
Der "Ottakringer Sokrates", gesprochen von Branko Samarovski, wird für ihn zu einer Art Ersatzvater. "Wo lerne ich etwas über die Menschen?", fragt er diesen einmal zögerlich, und der Nachbar antwortet im schönsten Wienerisch: "In der Bim, im Bett, am Bahnhof und im Beisl und in den Büchern vielleicht." Und auf seine Frage, was denn überhaupt ein "normaler" Mensch sei, konfrontiert dieser ihn seinerseits mit Fragen: "Hast du schon einen getroffen? In welchem Bezirk?"
Jörg Schlüter hat für sein Hörspiel Englers 2025 erschienenes Debüt "Botanik des Wahnsinns" verdichtet. Engler baute in seinen mit autobiografischen Anleihen versehenen Psychiatrie-Roman, der auf der Shortlist für den "Aspekte"-Literaturpreis stand, viele klinische und wissenschaftliche Exkurse ein und zitierte von Freud über C.G. Jung und Julia Kristeva bis Foucault alles, was Rang und Namen hat.
Wer nicht mehr erzählt, verschwindet.
"Die kindischste aller Fragen" verzichtet weitgehend auf dieses Namedropping und zeigt den Ich-Erzähler in einer Abfolge von Selbstgesprächen und prägnanten Dialogen. Ergebnis ist ein kammerspielartiges Hörspiel, das sich den immer noch tabubesetzten Themen psychische Krankheit, Depression und Sucht auf leise, behutsame Weise nähert. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz, er verhindert, dass die Produktion bleischwer wird. Er ist trocken und schwarz und wird vor allem von der resoluten Leitenden Psychologin (Sithembile Menck) beherrscht, die Ratschläge parat hält wie: "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst."
Die kindischste aller Fragen ist die nach dem Warum. Warum wird ein Mensch psychisch krank, warum süchtig? Eine Antwort darauf liefert auch das Hörspiel nicht. Es umkreist sie, nähert sich ihr an und reißt das Konzept der generationalen Traumata an. Mehr geht nicht, überhaupt "muss man nicht alles verstehen", lernt der Ich-Erzähler. Aber eines muss man, so eine weitere seiner Einsichten: Von Krankheit erzählen, denn "wer nicht mehr erzählt, verschwindet". So ist das Hörspiel zu guter Letzt ein flammendes Plädoyer für das Reden und Schreiben, also für die Literatur.
infobox: "Die kindischste aller Fragen", Hörspiel, Regie: Jörg Schlüter, Buch: Leon Engler (WDR3, 15.8.26, 19.04-20.00 Uhr und in der ARD-Audiothek)
Zuerst veröffentlicht 19.08.2026 09:40
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KWDR, Hörspiel, Schlüter, Draeger, Engler, Welle
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