20.08.2026 08:10
Reportage "Wut. Hüben wie drüben" von Matthias Schmidt
epd Es gibt derzeit viele Journalisten, Schriftsteller, Filmemacher, die durch das Land reisen, vor allem durch "den Osten", und versuchen zu ergründen, woher all die Wut kommt und warum inzwischen so viele an der Demokratie zweifeln. Matthias Schmidt hat das sehr gründlich getan, "Wut. Hüben wie drüben" ist bereits der fünfte Teil seiner großen Reportage-Reihe zum Thema Wut.
Diesmal führte ihn die Reise nach Sachsen-Anhalt und nach Baden-Württemberg, zwei Bundesländer, die auf den ersten Blick höchst unterschiedlich sind: das eine hat seit 1989 tiefe gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche und Verwerfungen erlebt, das andere, seit sieben Jahrzehnten Teil der Bundesrepublik, gilt als reich und wirtschaftlich stark, geprägt unter anderem durch die Automobilindustrie.
Da ist eine ganze Geschichte verankert.
Matthias Schmidt sucht aber nicht jene "Wutbürger" auf, die sich in Pauschalurteilen über "die da oben" und "das System" ergehen (und die wahrscheinlich sowieso nicht mehr mit einem Journalisten eines öffentlich-rechtlichen Senders sprechen würden). Vielmehr geht es ihm darum, den Sorgen und Beunruhigungen in einem Land im Wandel nachzuspüren.
Er trifft viele kluge, reflektierte Menschen: etwa Maik Liebe, der mit einer Bürgerinitiative gegen geplante riesige Windräder im Naturpark Dübener Heide kämpft - nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus ökologischen, zumal der Naturpark im einst verdreckten Chemiedreieck nach der Wende von einer Bürgerinitiative erstritten wurde. Er beklagt mangelnde Transparenz der Entscheidungen und fragt zu Recht, wieso bislang kein einziges öffentliches Gebäude der Gemeinde über Solaranlagen verfügt. Oder die Sozialanthropologin Carolin Maertens, geboren im sachsen-anhaltinischen Köthen, die heute in ihrer Heimat für die Universität Oslo an einem Forschungsprojekt arbeitet und sagt, für die Menschen hier sei die "Wegnahme der eigenen Geschichte" viel problematischer als der Wegfall der DDR. Viele sähen hinter der heute so idyllischen Seenlandschaft auch den Braunkohlentagebau, der vorher hier war und der mit vielen persönlichen Erinnerungen verknüpft ist: "Da ist eine ganze Geschichte verankert."
Der Reporter trifft einen Winzer im Saale-Unstrut-Gebiet und eine Winzerin in Heilbronn, die beide die ausufernde Bürokratie und komplizierte Vorschriften beklagen. Die Natur funktioniere aber nicht nach den Fristen und Plänen der Verwaltung: Der Mangel an Fachwissen sei eine Katastrophe, "die Probleme sind bundesweit einheitlich". Ähnlich sieht das Truckfahrer Robert, der regelmäßig von Ost nach West und umgekehrt fährt: "Gejammert wird auf beiden Seiten gleich viel." Aber im Osten würden "die Dinge beim Namen genannt".
Schmidt, der selbst in Leuna lebt, trifft eine Schornsteinfegerin im Osten, die von der Armut Vieler in der Region erzählen kann, den Geschäftsführer von Infra-Leuna, der die derzeitige Energielage mit großer Sorge betrachtet: "Eigentlich bräuchte man das Gas aus Russland", das sei aber politisch brisant. Er trifft in Stuttgart einen jungen Mechatroniker, der vom Fahrzeugbau in den Energiesektor wechselte und feststellt, dass die Krise seit längerem schleichend auch in Baden-Württemberg spürbar werde - vor allem im Automobilbau, was Folgen für viele Menschen in der Region hat.
Ich bin nicht wütend, sondern zornig.
Und der Reporter trifft den Theaterintendanten Axel Vornam, der nach der Wende jahrelang das Theater im ostdeutschen Rudolstadt aufbaute, 2018 an das Heilbronner Theater wechselte und erzählt, anfangs sei es hier für viele verstörend gewesen, "dass da ein selbstbewusster Mann aus dem Osten kommt." Vornam, ein entspannt wirkender Mann, sagt: "Ich bin nicht wütend, sondern zornig." Denn seit Jahren werde über Reformen gesprochen, die dringend gebraucht würden, im Bildungs-, Sozial-, Gesundheitsbereich, in Verwaltung und Wirtschaft. "Das ist alles sattsam bekannt. Was aber passiert, sind Reförmchen."
Matthias Schmidt ist ein hervorragender Reporter. Er ist in dem Presenter-Reportage-Format mit Roadtrip-Elementen ein zurückhaltender, aufmerksamer Interviewer, der fragt und zuhört, statt zu kommentieren. Er hat eine feine Antenne für Menschen. Seine Reportage ist unaufgeregt und angenehm leise, sie nimmt sich Zeit für die schönen Landschaften beider Bundesländer. In jeder Minute spürt man die liebevolle Gestaltung, die von Empathie spricht - etwa, wenn zu den Bildern des einstigen Braunkohletagebaus auch Gerhard Gundermanns Song von der "Grube Brigitta" eingespielt wird und kurze Szenen aus dem Film "Gundermann" zu sehen sind.
Diese differenzierte, sensible Reportage tut gut, denn in ihr geht es auch um die Erfahrungen des Ostens, weniger um Ost-West-Unterschiede. Der Film hält fest, wie Menschen im ganzen Land versuchen, mit den "Zeitenwenden", den Krisen, den wachsenden Herausforderungen und der daraus resultierenden Verunsicherung zurechtzukommen.
Und dennoch gibt es da einen Zwiespalt: Es ist richtig, vor allem jene zu Wort kommen zu lassen, die kritisch und nachdenklich ihre Beobachtungen, Sorgen, Kritik beschreiben. Oft dominiert in den Medien eine Minderheit, weil sie sehr laut ist. Allerdings gibt es diese Minderheit, die in dieser Reportage nicht vorkommt, die aber nicht mehr so klein ist. Es gibt Ressentiments, Rassismus, zunehmende Demokratieverachtung Und es gibt einen wachsenden Rechtsextremismus, der inzwischen viele Kommunen vor allem in ostdeutschen Bundesländern prägt und bedrohliche Formen annimmt.
Wenn es stimmt, dass der Osten in seiner Krisenerfahrung Vorreiter ist für die Probleme, die verzögert auch im Westen ankommen, dann schrillen hier die inneren Alarmglocken. Und dann geht es bald nicht mehr nur um Probleme mit der Bürokratie.
infobox: "Wut. Hüben wie drüben", Reportage, Regie und Buch: Matthias Schmidt, Kamera: Jörn Ziller, Rick Dockhorn, Produktion: Savidas Film (ARD-Mediathek/MDR, seit 16.8.26, MDR, 20.8.26, 20.15-21.00 Uhr, SWR, 3.8.26, 21.00-21.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 20.08.2026 10:10 Letzte Änderung: 20.08.2026 11:07
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), K, NEU
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