21.08.2026 09:02
Komödie "Back to the 90s" mit den Elevator Boys
epd Da gibt es zum einen den seit Jahren andauernden Boom von Retro-Serien wie "Stranger Things", "Deutschland 83, 86, 89" oder "Braunschlag 1986", zum anderen ist da die im Hier und Jetzt bestens vernetzte Boygroup namens Elevator Boys, die mit Fahrstuhl-Clips auf der Plattform Tiktok ein Millionenpublikum erreicht. Warum nicht beide Erfolgsphänomene zusammenbringen und die hippen Influencer per abstürzendem Aufzug auf Zeitreise ins Jahr 1995 schicken? So simpel könnte ein - pardon - "Elevator Pitch" für die neueste deutsche Eigenproduktion des Streamingdienstes Prime Video geklungen haben.
Der 90-Minüter "Back to the 90s", garniert mit einem von Ex-Take-That-Sänger Gary Barlow beigesteuerten Titelsong ("1995"), kommt durchchoreografiert daher wie die Tanzbewegungen der fünf Content-Kreatoren, die hier ihr Langfilm-Schauspieldebüt geben. In welchem Land die auf Malta gedrehte Geschichte spielt, ist dabei nicht so entscheidend. An der fiktiven Heartville University, an der die Mittzwanziger Ben (Jacob Rott), Chris (Luis Freitag), Oliver (Bene Schulz), Matteo (Julien Brown) und Jonas (Tim Schäcker) Musik studieren, wird jedenfalls Deutsch gesprochen - auch wenn Schilder und Texttafeln in Englisch verfasst sind. Egal, es geht ja um universelle Themen wie Freundschaft, Lebensziele, Selbsterkenntnis.
Die Zeitreise mit dem Uni-Fahrstuhl, mutmaßlich ausgelöst durch das Abspielen einer "richtig geilen 90er-Vintage-B-Side", trifft das unter dem Namen 5G auftretende Quintett in einer künstlerischen Krise: Mastermind Ben will hinwerfen, die Mahnungen - "Digga, jetzt chill halt mal!" - seiner Kumpel perlen an ihm ab. Gerade hat ihn auch noch seine Freundin Sky (Helena von Have) verlassen und ihm nachgerufen: "Ich wünsch mir wirklich, dass du’s irgendwann schaffst, wieder zu fühlen." Aber als der Fahrstuhl die Jungs nach gut 15 Filmminuten in der analogen Welt ausspuckt, steht da plötzlich die attraktive Mary Jane (Anja Pichler) und kritzelt Ben die Adresse einer am Abend stattfindenden House-Party auf den Unterarm. Bei allen Rückreise-Bemühungen: Sollten die fünf Freunde dieses Fest nicht noch mitnehmen? Zumal es an Chris' Adresse, also wohl bei seinem noch jungen Vater (Daniel Drewes), steigt?
Natürlich kennen die popkulturell versierten Protagonisten die "Zurück in die Zukunft"-Trilogie mit Michael J. Fox und wissen daher, dass das Raum-Zeit-Kontinuum eine sensible Angelegenheit ist, in die man nicht leichtfertig eingreifen darf. Aber sie bräuchten sich ja nicht zu erkennen zu geben - und haben außerdem noch nicht herausgefunden, wie Titel und Interpret des magischen Songs heißen, der ihren Zeitsturz bewirkt hat. Dass sie den erneut abspielen müssen, um zurückkehren zu können, steht für sie außer Frage.
Und was ist mit Datenschutz?
Keine Handys, dafür Ghettoblaster und Kassetten (Bandsalat!): Während der modische Kontrast gar nicht so stark ausfällt, schöpft Drehbuchautorin Juliana Lima Dehne aus dem technischen Clash mit der Vergangenheit einige ganz lustige Szenen. Etwa wenn die Boys über eine Telefonzelle staunen, das darin befindliche Telefonbuch zunächst für die Bedienungsanleitung halten und sich dann über die für alle zugänglichen Nummern wundern: "Und was ist mit Datenschutz?" Oder wenn sie in der Hochschul-Bibliothek auf frühzeitliche Computer stoßen, die allerdings nicht mal Google finden können.
Zuweilen sind die Gags aber auch platt geraten. Einmal inspiziert Oliver die analoge Kamera einer Fotografin (Sidney Fahlisch) und fragt: "Das geht dann direkt auf die Cloud, oder?" - "Du hast mir die geklaut, ja", antwortet die junge Frau.
Schließlich ist es Mary Jane (sollte es sich bei dem Namen um eine Anspielung für ältere Zuschauer handeln, die sich ebenfalls verirrt haben?), die Ben nicht nur musikalisch aufs richtige Gleis setzt. "Bisschen zu gewollt" seien seine Lyrics, eröffnet sie ihm sanft und veredelt einen seiner Song-Entwürfe durch ein paar leichte Änderungen beim gemeinsamen Klimpern am Flügel im Auditorium. Die beiden schmachten "If we could turn back time", ihre Lippen finden sich zum Kuss, und dem Helden dämmert, dass es in der Liebe wie in der Musik nur auf echte Gefühle ankommt. Der Rest ist Formsache.
Die letzte Viertelstunde dieses schlicht gestrickten Social-Media-Starvehikels hält dann noch einen Gastauftritt von Felicitas Woll bereit: als Ms. Robinson (schon wieder eine Anspielung für die Älteren?), grammyprämierte Musikproduzentin und Jurorin eines hochschulinternen Talentwettbewerbs. Der ist eigentlich schon beendet, als die Elevator Boys aus dem Fahrstuhl auf die Bühne stürmen, um ohne jede Probe perfekt ihren neuen Song zu performen. Immerhin: Den Förderpreis vergibt Ms. Robinson anders, aus Gründen.
infobox: "Back to the 90s", Komödie, Regie: Facundo Scalerandi, Buch: Juliana Lima Dehne, Kamera: Borris Kehl, Produktion: W&B Television (Prime Video, seit 21.8.26)
Zuerst veröffentlicht 21.08.2026 11:02
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Streaming, KPrimevideo, Komödie, Scalerandi, Dehne, Luley
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