22.08.2026 10:25
Dokumentation "Die Macht des Rings" bei Arte
epd Kennt man eine Arte-Kulturdoku, kennt man sie alle, behaupten böse Zungen. Das stimmt manchmal, aber nicht immer. Die einzelnen Filme, stets knapp unter einer Stunde lang, sind formatiertes dokumentarisches Fernsehen und wollen meist nichts anderes sein. Sie stellen zu Beginn knackige oder kontroverse Aussagen aus eigenen Interviews zu ihrem Thema aus Film, Literatur oder Musiktheater vor, so dass man im Grunde nicht länger als zweieinhalb Minuten dranbleiben muss, um für Smalltalk mit kulturinformiertem Anstrich gerüstet zu sein.
Diese Dokumentationen funktionieren nach dem Prinzip der Botanisiertrommel, streifen hierhin, dahin, bündeln, katalogisieren. Und enden mit einer Zusammenfassung in ein bis zwei Sätzen. Befragte sind in der Regel Kenner der Materie. Solche Dokus wirken wie ein Bewegtbild-Lexikoneintrag. "Irgendwas mit Arte und Kultur", wie es im Youtube-Auftritt von Arte steht, gilt eben auch hier.
In "Die Macht des Rings" geht es um Richard Wagners "Ring des Nibelungen" anlässlich des 150. Jahrestags der (für Wagner enttäuschenden) Uraufführung im eigens gebauten, vom Gedanken des "Gesamtkunstwerks" geleiteten Theaters in Bayreuth. Entstehungsgeschichte, geschichtliche Einbettung, Herausarbeitung von damals aktuellem Gehalt, heutigen Bezügen und Zukunftsverweisen, Wagners Antisemitismus, sein antibürgerlicher, antiroyalistischer, antikapitalistischer Impetus, die wichtigsten Sagenkreise, Figuren, Umdeutungen, Versatzstücke, der lange Anlauf und die Schwierigkeiten der Uraufführung selbst, Winifred Wagner und ihre Hitlerverehrung, Wieland und Wolfgang, der Versuch der Entpolitisierung des Rings in den Fünfzigern, Promigossip und Anekdoten - die Liste der nicht nur möglichen, sondern gebotenen Themenkreise scheint unendlich.
Eine Kulturdoku kann da in einer knappen Stunde nur kursorisch vorgehen.
Der Ring ist das größte Kunstwerk der Menschheitsgeschichte.
Der Titel selbst, "Die Macht des Rings", wirkt 2026 altfränkisch. Wahrscheinlich gehen die Beteiligten davon aus, dass kulturell interessierte Zuschauer mit großen Worten wie "Macht" vertraut sind. Aber eigentlich geht es hier um "Die Relevanz des Rings". Die Frage ist berechtigt und berührt auch das Selbstverständnis im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, zu dessen Auftrag die Kultur gehört.
Die Dokumentation arbeitet zu ihrer Absicherung in viele mögliche Richtungen, trägt Fakten und Einschätzungen herbei, in denen sich Information und Unterhaltung die Hand reichen. Der erste Satz, von Ring-Regisseur Valentin Schwarz mit leichtem Grinsen vorgetragen, soll den Ton setzen: "Der Ring ist das größte Kunstwerk der Menschheitsgeschichte". Was wohl Homer dazu sagen würde?
Von den Nazis vereinnahmt, von Hollywood geplündert.
Dieser Film versteht Schwarz' Einlassung vor allem quantitativ und zählt auf: 15 Stunden Musik, vier Opern (ein Vorspiel: "Das Rheingold", drei Musikdramen: "Die Walküre", "Siegfried", "Götterdämmerung"), "ein Ring, der nur Unheil bringt", 150 Jahre Kontroversen.
Die Dokumentation lässt uns wissen: Wagners Opus Magnum wurde "von den Nazis vereinnahmt, von Hollywood geplündert und von Heavy-Metal-Bands zelebriert". Moment: Nazis - Hollywood - Heavy-Metal-Bands in einem Satz? Noch dazu in einer sprachlichen Reihung, die als grammatische Konstruktion eigentlich Bedeutungs-Gleichwertigkeit ausdrückt? Sicher unbeabsichtigt, aber unpräzise.
Der Ring ist immer ein Spiegel der jeweiligen Zeit.
Weiter pflügt unsere Reise- und Botanisierführerin, die Walküre Brünnhilde (gespielt von Marina Frenk) mit ihrer Trommel durch Wald und Wiesen. Sie tritt schauspielend auf und wird gleichzeitig als Off-Sprecherin zur auktorialen Erzählerin. Popkultur, aktuelle Neuinszenierung mit KI-generierten Bühnenbildern, Wagners Frustration, Hitlers Gefallen oder die bekannte Sitzfleischdebatte: Eins folgt aufs andere, und am Ende verkündet Brünnhilde: "Der Ring ist immer ein Spiegel der jeweiligen Zeit und der Menschen, die ihn deuten. Er wird es immer bleiben."
Das stimmt wohl, ist aber auch furchtbar banal. Fun Fact: In der aktuellen vierteiligen ARD-Kultur Dokuserie "The Good, the Bad & the Ego" zu Richard Wagner ist es ebenfalls eine Brünnhilde, allerdings KI-generiert, die durch das Universum des umstrittenen Meisters führt. Sonderlich originell ist die Idee nicht.
infobox: "Die Macht des Rings - 150 Jahre Ring des Nibelungen", Dokumentation, Regie: Andy Sommer, Buch: Boris Schumatsky, Kamera: Ulf Wogenstein, Michael Boomers, Produktion: Accentus Music (Arte/WDR, 15.8.26, 22.35 -23.35 Uhr, Arte-Mediathek, bis 24.11.26)
Zuerst veröffentlicht 22.08.2026 12:25
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, Sommer, Schumatsky, Hupertz
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