Um keine Frage verlegen - epd medien

23.08.2026 09:10

Vom "Schlachthof" im BR zur Gastgeberin in der Sendung mit dem eigenen Namen im Ersten: Die Journalistin Sandra Maischberger hat mit ihren Interviews im Fernsehen Maßstäbe gesetzt und wird zurzeit stärker gefordert denn je. Am 25. August wird sie 60 Jahre alt.

Die Talkmasterin Sandra Maischberger wird 60 Jahre alt

Zweimal in der Woche bittet Sandra Maischberger im Ersten zum Talk

epd Hängt die Zukunft der Demokratie von Talkshows ab? Eher nicht. Allerdings bieten sie eine immer noch viel beachtete Bühne für öffentliche Debatten. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen und diverser Krisen in In- und Ausland mangelt es nicht an Themen. Da kann Erfahrung helfen - und die erfahrenste Gastgeberin in der deutschen Talkshow-Landschaft ist Sandra Maischberger. Am 25. August wird die Journalistin, Autorin und Filmproduzentin 60 Jahre alt.

Aus Anlass ihres Geburtstags will sie sich nicht äußern. Das übernehmen auf Anfrage des epd andere, zum Beispiel "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der ebenso wie Maischberger in den 1980er Jahren einige Jahre lang beim BR moderierte: Maischberger zeichne sich durch "preußische Disziplin, italienisches Flair, hohes Qualitätsbewusstsein und eine bewundernswerte Schlagfertigkeit" aus, sagt er. ARD-Talk-Kollegin Caren Miosga nennt sie "eine reizende Kollegin und fantastische Fragestellerin". Und WDR-Programmdirektor Ingmar Cario sieht in ihr ein "Vorbild für viele junge Journalistinnen und Journalisten".

Ich war ein total neugieriges, nerviges Kind.

Sandra Maischberger hat sich nicht nur als Talk-Gastgeberin, sondern mit ihrer Firma Vincent Productions auch als Filmproduzentin einen Namen gemacht, so produzierte sie kürzlich den Dokumentarfilm "Riefenstahl" von Andres Veiel. Maischberger verbinde verschiedene Tätigkeitsbereiche vor und hinter der Kamera auf eindrucksvolle Weise, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher, die auch auf Maischbergers Buchpublikationen verweist: "Ihre Gespräche mit ausgewählten Persönlichkeiten beinhalten neben dialogischen Reflexionen auch Lebensgeschichten unabhängig von der zeitlichen Begrenzung des Fernsehens", erklärt Bleicher.

Maischbergers Talent hat sich offenbar früh gezeigt: "Ich war ein total neugieriges, nerviges Kind, das permanent gefragt hat - und daraus kann man einen Beruf machen", sagte Maischberger 2017 als Gast von Giovanni di Lorenzo in einer "3nach9"-Sendung. Die gebürtige Münchnerin wuchs bis zum achten Lebensjahr in Italien auf. Sie begann Mitte der 1980er Jahre als freie Hörfunk-Mitarbeiterin des Bayerischen Rundfunks (BR), absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München, sammelte Erfahrungen bei diversen Privatsendern und betreute die BR-Jugendsendung "Live aus dem Schlachthof". Bereits in dieser innovativen Sendung habe sie "ihre besondere kommunikative Kompetenz" gezeigt, sagt Bleicher.

Eine endlose Serie von Niederlagen.

In der journalistischen Disziplin Interview hat Maischberger im Fernsehen Maßstäbe gesetzt, auch wenn mancher Anfang holprig war. "Wir passten einfach nicht zusammen", sagte sie selbst über ihre Zeit als Co-Moderatorin von Erich Böhme bei "Talk im Turm" (Sat.1) Anfang der 1990er Jahre. Mit dem täglichen Interviewmagazin "0137" beim Abo-Sender Premiere (1992 bis 1994) und der Talkshow "Maischberger" beim Nachrichtensender NTV (2000 bis 2006) etablierte sie sich als Journalistin, die für ihre kompetente Gesprächsführung respektiert und im Jahr 2000 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Im Ersten übernahm sie mit "Menschen bei Maischberger" im September 2003 den Dienstagabend-Sendeplatz von Alfred Bioleks "Boulevard Bio". Es war kein einfaches Erbe, einige Journalisten formulierten scharfe Kritiken: "Am einfachsten beschreibt man 'Menschen bei Maischberger' als eine endlose Serie von Niederlagen", schrieb Stefan Niggemeier im August 2004 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Produktion und Moderation

Seitdem hat sich die Talkshow mehrfach gehäutet. Nach den Boulevard-Jahren, in denen es auch mal um Ufos, Engel und Außerirdische ging, wurde die Show mit der Zeit wieder politischer und tagesaktueller, was Maischbergers Stärken deutlicher zum Vorschein bringt. Seit 2016 heißt das Format kurz und bündig "Maischberger", seit 2019 hat die Sendung einen weniger starren Ablauf, verbindet vor Studiopublikum Einzelinterviews, Zweier-Gespräche und eine Art "Internationalen Frühschoppen" im Mini-Format: Mit einem Panel aus zwei Journalistinnen oder Journalisten und einem prominenten Gast versucht Maischberger, unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen einzubinden.

Die Verknüpfung von Produktion und Moderation bei "Maischberger" resultiere "in vielschichtigen Gesprächen, ohne sich auf vorgefertigte Meinungen oder oberflächliche Sprachfloskeln zurückzuziehen", lobt Bleicher, die freilich auf die Kritik an der häufigen Präsenz einzelner Talk-Gäste verweist. Auch innerhalb der ARD waren Umfang und Qualität der verschiedenen Talkshows im Ersten immer wieder umstritten. So mahnte der WDR-Rundfunkrat mehrfach "Themenvielfalt und eine ausgewogene Gästeauswahl" an.

Hoher Stellenwert in der ARD

Seit der 2019 vorgenommenen Umstellung kommt "Maischberger" jedoch deutlich besser weg. Im Februar 2023 wurde das Format im Rundfunkrat "insgesamt positiv" bewertet. Der WDR ist Auftraggeber der Talkshow, die von Maischbergers Firma produziert wird. Der aktuelle Vertrag läuft bis Ende 2027. Welchen Stellenwert "Maischberger" innerhalb der ARD hat, erkennt man auch daran, dass sie mittlerweile in manchen Wochen an drei Tagen ausgestrahlt wird - neben den regulären Terminen am Dienstag und Mittwoch auch am Montag, wo sich sonst Louis Klamroth mit "Hart aber fair" insbesondere um eine junge Zielgruppe bemühen soll.

Nach WDR-Angaben erreichte "Maischberger" im ersten Halbjahr 2026 im Ersten Programm durchschnittlich 1,28 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer, was einem Marktanteil von 12,1 Prozent entspreche. 2020, im ersten Jahr nach der Umstellung, hatte der Marktanteil von "Maischberger" noch bei durchschnittlich 9,4 Prozent gelegen. Dass die absolute Zahl der Zuschauer dennoch höher war (durchschnittlich 1,41 Millionen), sei durch "eine allgemeine Verlagerung ins Digitale" zu erklären, teilte eine WDR-Sprecherin mit. In der Vergangenheit erreichten insbesondere Maischbergers Interviews mit dem mittlerweile verstorbenen Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt enorme Einschaltquoten.

Eine zentrale Stimme für die Debatten- und Demokratie-Kultur in diesem Land.

Aktuell kann Konkurrent Markus Lanz im ZDF zwar meist höhere Marktanteile vorweisen, in den Monaten Januar bis Juni waren es laut ZDF 14,4 Prozent bei 1,32 Millionen Zuschauern, doch Maischbergers Qualitäten sind im verantwortlichen Sender unumstritten. Programmdirektor Ingmar Cario lobt ihre "immer klugen und präzisen Fragen, ihr hartnäckiges Nachhaken und tiefes Wissen" und nennt sie "eine zentrale Stimme für die Debatten- und Demokratie-Kultur in diesem Land". Angesichts einer angegriffenen Demokratie ist die "zentrale Stimme" in diesen Wochen besonders gefordert. "Ich finde es wirklich beunruhigend", sagte Maischberger selbst im April im Gespräch mit Michel Abdollahi in der NDR-Sendung "Käpt‘ns Dinner".

Dass bei ihr AfD-Politikerinnen und -Politiker ebenfalls auf der Talkshow-Bühne sitzen, dürfte sich kaum ändern. Das verteidigte sie schon im März 2020 im Interview mit dem vom Deutschen Journalistenverband (DJV) herausgegebenen Branchenblatt "Journalist": "Vertreter der AfD generell nicht mehr einladen zu wollen, lässt sich in unserer Demokratie nicht begründen. Auch, wenn das die Arbeit nicht leichter macht: Es geht nie um die Frage des Ob, sondern immer des Wie."

Thomas Gehringer Copyright: Foto: privat Darstellung: Autorenbox Text: Thomas Gehringer ist freier Journalist und Autor von epd medien.



Zuerst veröffentlicht 23.08.2026 11:10

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Personalien, Talkshows, Maischberger, Gehringer

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