25.08.2026 07:35
Dokumentation "Die letzten Tage von Kabul" bei Arte
epd 2020 produzierte die Leipziger Firma Looks Film für NDR und Arte den herausragenden Vierteiler "Afghanistan. Das verwundete Land". Die historische Dokumentation zeichnete die Geschichte Afghanistans seit den 60er Jahren nach - mithilfe zahlreicher namhafter Zeitzeugen aus allen politischen und militärischen Lagern. 2021 wurde sie beim Grimme-Preis mit dem Publikumspreis der Marler Gruppe ausgezeichnet.
Mit "Die letzten Tage von Kabul", erneut für NDR und Arte produziert, knüpft Looks Film konzeptionell an das erste Großprojekt zu Afghanistan an. Anlass der aktuellen dreistündigen Produktion ist der fünfte Jahrestag der zweiten Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021. Bance Maté und Lucio Mollica, der als Autor und Producer bereits an "Das verwundete Land" beteiligt war, leisten in diesem Dreiteiler aber wesentlich mehr, als der Titel vermuten lässt: Sie blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf die langfristigen Ursachen der zweiten Machtübernahme der Taliban, die inzwischen genauso lange regieren wie während ihrer ersten Herrschaftsperiode zwischen 1996 und 2001.
Auch in "Die letzten Tage von Kabul" ist das Aufgebot an Zeitzeugen beeindruckend. Das gilt vor allem für die Fülle früherer US-amerikanischer Sicherheitsberater, Militärs und Geheimdienstvertreter, die die Filmemacher gewinnen konnten. Der ranghöchste unter den interviewten Politikern ist Aschraf Ghani, der letzte Staatspräsident der Islamischen Republik Afghanistan. Er wirkte auch deswegen an der Dokumentation mit, weil er Kritikern entgegentreten wollte, die ihm vorwerfen, seine überstürzte Flucht aus Kabul am 15. August 2021 habe zum Zusammenbruch des demokratischen Afghanistans beigetragen.
Zu Wort kommen auch Ex-Minister der Taliban und frühere Warlords, die verantwortlich und mitverantwortlich sind für Verfolgung, Folter und staatliche Morde. Bei einigen von ihnen wirkt es nicht so, als distanzierten sie sich heute von ihrem einstigen Wirken. Der ehemalige Warlord und spätere Vize-Verteidigungsminister Abdul Rachid Dostum tritt mit Orden behängt vor die Kamera, um so seine militärischen Leistungen zu unterstreichen. Und Sayed Abdul Wasi Motasim Agha, von 1996 bis 2001 Finanzminister der ersten Taliban-Regierung, sagt: "Osama Bin Laden war ein guter Freund. Möge Gott ihm vergeben."
Matés und Mollicas Rückblick setzt mit einer Betrachtung des sowjetischen Krieges in Afghanistan ein, der von 1979 bis 1989 dauerte. In dieser Zeit beginnt die Geschichte der Taliban-Bewegung mit der religiösen Ausbildung von Kindern afghanischer Kriegsflüchtlinge in Lagern in Pakistan.
Die Filmemacher rekapitulieren viereinhalb Jahrzehnte afghanischer Geschichte anhand von Äußerungen ihrer Interviewpartner. Auf einen Off-Kommentar verzichten sie. Die Gesprächspassagen sind oft verblüffend gut verwoben mit dazu passendem Archivmaterial (Archive Producer: Laura Böhme).
Die eindringlichste Phase von "Die letzten Tage von Kabul" behandelt die - zurückhaltend formuliert - erratische Afghanistan-Politik der ersten Trump-Regierung. Im US-Regierungsapparat gab es demnach ab 2018 Streit über die richtige Afghanistan-Strategie: Die einen betrachteten die Taliban als den wichtigsten Verhandlungspartner, die anderen kritisierten, man dürfe die gewählte afghanische Regierung nicht außen vor lassen. "Die diplomatische Seite der Vereinigten Staaten war etwa ab Mai 2019 kein Partner mehr für die afghanische Regierung", sagt Aschraf Ghani in dem Dreiteiler.
Am 29. Februar 2020 eskalieren die Differenzen ins Absurde. Im katarischen Doha unterzeichnen der US-Sondergesandte Zalmay Khalilzad und die Taliban ein Abkommen, das vorsieht, dass die Regierung der Islamischen Republik Afghanistan, die an den Gesprächen gar nicht beteiligt ist, kurzfristig bis zu 5.000 Gefangene aus der Haft entlässt. Am selben Tag treffen sich in Kabul US-Verteidigungsminister Marc Esper, und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mit dem afghanischen Präsidenten Ghani. Sie vereinbaren lediglich, dass die Entlassung einer großen Zahl von Gefangenen "geprüft" werden solle.
Letztlich hätten die USA die afghanische Regierung "gezwungen, 5.000 der abscheulichsten Terroristen freizulassen", kritisiert Herbert Raymond McMaster, der von Februar 2017 bis April 2018 Trumps Sicherheitsberater war. Und Ashraf Ghani merkt an, dass zwischen dem Zeitpunkt der Massenfreilassung im März 2020 und dem 15. August 2021 die Terroranschläge in Afghanistan "durch die Decke gegangen" seien.
Sämtliche Zeitphasen werden in dieser Dokumentation ähnlich differenziert aus verschiedenen Positionen beleuchtet und aufgearbeitet - ohne Scheu vor Komplexität und ohne Scheu, dem Publikum etwas zuzumuten. So etwas sieht man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen leider nur noch selten.
infobox: "Die letzten Tage von Kabul", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Bance Maté, Lucio Mollica, Mohammed Ali Naqvi, Kamera: Filipo Genevese, Produktion: Looks Film (Arte-Mediathek/NDR, seit 15.8.26, Arte/NDR, 25.8.26, 20.15-23.20 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 25.08.2026 09:35
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KNDR, Dokumentation, Maté, Mollica, Naqvi, Martens
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