26.08.2026 08:45
Die App "OstWestZeitzeugen" von WDR und MDR
epd Beim digitalen Pressetermin, bei dem die App "OstWest Zeitzeugen" im August der Öffentlichkeit präsentiert wurde, kamen auf fünf oder sechs Journalistinnen und Journalisten gut und gerne die dreifache Menge Vorstellende. Nicht nur Redakteurinnen, Redakteure und Mitarbeiterinnen der Pressestelle standen Rede und Antwort, sondern auch Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Historikerinnen und Software-Entwickler. Eine Zeitzeugin war persönlich zugeschaltet, sogar die Intendantin des WDR und der Intendant des MDR hatten sich Zeit genommen.
Dabei ist die App nichts bahnbrechend Neues. Schon zweimal zuvor hat der WDR für Augmented-Reality-Apps Zeitzeuginnen und Zeitzeugen so interviewt, dass sie sich anschließend auf dem Tablet ins Klassenzimmer beamen lassen, als säßen sie direkt vor den Betrachtenden. "WDR AR 1933-1945" und "Zeitzeugen 1945 - Trümmerjahre in AR" verknüpften 2019 und 2025 bereits Kriegs- und Nachkriegsgeschichte mit persönlichen Erinnerungen. Dass nun, anlässlich des 65. Jahrestags des Mauerbaus im August 1961 die Geschichte der deutschen Teilung folgt, erscheint logisch.
Der kokreative Entstehungsprozess des Angebots ist den Verantwortlichen von MDR und WDR sehr wichtig. Wenn Elke, die 16-jährig aus der DDR geflohen ist, Jörg, der als Pfarrerssohn mit rebellischem Geist in Ost-Berlin blieb, und Uwe, der als Grenzsoldat im Einsatz war, vom Jahr des Mauerbaus erzählen, kommen die Nachfragen wie "Haben Sie jemals ihre Flucht bereut?" nicht von Journalisten, sondern von Schülerinnen und Schülern, der Zielgruppe der App.
"OstWest Zeitzeugen" ist wie die bisherigen Apps explizit für den Unterricht konzipiert worden und soll dort von Jugendlichen genutzt werden. Schülerinnen und Schüler einer Hauptschule und eines Gymnasiums aus Halle und Köln haben die drei Zeitzeugen gemeinsam in Berlin getroffen und ihnen die Fragen gestellt, die in der App gelandet sind. Sie durften auch bei Gestaltung und Titel des Angebots mitreden und zeigten sich mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Eine "hautnahe Erfahrung" seien die Zeitzeugenberichte, berichtete der 18-jährige Davide aus Köln. Sie ließen einen spüren, "wie man sich fühlt", sagte auch Amalia aus Halle. Dass die Nutzung von Augmented Reality - statt simpler Videos - ein reines Technik-Gimmick sei, verneinten die Jugendlichen. Das virtuelle Einfliegen der Personen in den Raum, den man vor sich auf dem Tablet sieht, wirke, als würde einem die eigene Oma etwas erzählen, sagt eine der Schülerinnen im Making-Of-Video. Auch die Lehrerinnen bekräftigten: Die interaktive Erfahrung bindet die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler erfolgreich über eine komplette Schulstunde.
Viel mehr steckt derzeit in der App noch nicht drin. Sämtliche Videosequenzen - eine fünfminütige Einführung in die Jahre des Mauerbaus, die drei interaktiven Zeitzeugen-Interviews und weitere fünf Minuten Making-Of - summieren sich auf maximal 45 Minuten. Für den Einsatz im Unterricht ist diese extreme Verdichtung auf wenige Fakten und Momente wahrscheinlich sinnvoll. Lehrerin Heike Bölting bezeichnete die App treffend als "Türöffner" für die tiefere Beschäftigung mit der jüngeren Geschichte.
Die Verknappung schmerzt aber auch. Elke Rosins Flucht mit ihrer Familie aus einem Fenster in der Bernauer Straße direkt an der deutsch-deutschen Grenze ist in einem der berühmtesten Fotos der Zeit dokumentiert. Rosins Worte dazu zu hören, lässt das während des Berichts um sie herum flackernde Foto lebendig werden. Es reduziert die erzählende Frau allerdings auch weitgehend auf diesen Augenblick, von dem sie schon hunderte Male berichtet hat. Im Fall von Grenzpolizist Uwe Rutkowski ist es umgekehrt: Mehrere Monate, in denen Rutkowski erst ausgebildet wird, dann den Dienst verrichtet, bis er schließlich selbst flieht, verdichten sich auf zehn Minuten Erzählung, in denen viele Einzelheiten fehlen.
Das Gute: Diese Aspekte werden im Unterrichtsmaterial zur App aufgegriffen, inklusive einer allgemeinen und kritischen Beschäftigung mit Zeitzeugenberichten als Quelle. Der exemplarische Unterrichtsentwurf fordert dazu auf, selbst Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in die Schule einzuladen.
Die App bietet die Möglichkeit, eigene Fragen einzuschicken, die in einer zweiten Runde beantwortet werden und per Update in die App eingespielt werden sollen. Ein Team der Sender geht ab November 2026 auf Schultour und bringt die App direkt in die Klassenzimmer. Und wie die früheren AR-Apps soll auch "OstWest-Zeitzeugen" in den kommenden Jahren um neue Kapitel erweitert werden, mit einem Abschluss im November 2029, zum 40. Jahrestag des Mauerfalls. Das nächste Kapitel trägt den Arbeitstitel "Jung sein in Ost und West".
WDR-Intendantin Katrin Vernau sagte, sie wolle sich diese Art der Interaktion mit dem Publikum als Vorbild nehmen und die Nutzerinnen und Nutzer allgemein öfter einbinden: "Wir sind nicht mehr einfach Sender", erklärte sie. Ihr MDR-Kollege Ralf Ludwig bekräftigte: "OstWest Zeitzeugen" sei ein Bildungsangebot, aber vor allem ein Mitmachangebot.
Für Zeitzeugin Elke Rosin ist beides enorm wichtig. "Ich habe mir damals nicht viel gedacht, als die Grenze geschlossen wurde", erzählte sie. Sie wünsche sich, dass die heutige Jugend politisch aktiver wird, als sie es vor 65 Jahren war. Als Grund nannte sie den Aufstieg der AfD, der ähnlich totalitäre Gefahren berge wie die damalige Zeit.
Dieser sehr aktuelle Bezug taucht in der App selbst nicht auf. Aber ein Impuls im Unterrichtsmaterial lautet: "Viele von euch haben Freund:innen, die nicht direkt nebenan wohnen (...). Was würde passieren, wenn man diese Kontakte nicht mehr einfach pflegen könnte?" Angesichts der Tatsache, dass viele Jugendliche vermutlich Freunde haben oder hatten, deren dauerhafter Aufenthalt in Deutschland nicht gesichert ist oder die Deutschland bereits verlassen mussten, lassen solche Fragen die Geschichte sehr nahe heranrücken. Dafür braucht es keine Augmented Reality.
infobox: MDR und WDR planen im September und Oktober Besuche in Schulen in Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Interessierte Klassen aus Nordrhein-Westfalen können sich unter ar@wdr.de bewerben. Klassen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen schreiben eine Mail an wissen@mdr.de.
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Alexander Matzkeit ist Host des Podcasts "Läuft", den epd medien gemeinsam mit dem Grimme-Institut verantwortet. Er arbeitet unter anderem als freier Journalist und Kritiker.
Zuerst veröffentlicht 26.08.2026 10:45 Letzte Änderung: 26.08.2026 11:40
Schlagworte: Medien, Geschichte, Internet, Augmented Reality, WDR, MDR, Matzkeit, NEU
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