Die an der Demokratie zweifeln - epd medien

27.08.2026 08:40

Für die Dokumentation "Die da unten" haben die Autorinnen in Mecklenburg-Vorpommern Menschen besucht, die der Meinung sind, dass sie zu kurz kommen. Sie zeigen aber auch Beispiele für eine funktionierende Zivilgesellschaft.

NDR-Dokumentation "Die da unten"

In Schwerin wird über die Zukunft eines Stadtteilparks gestritten

epd "Die da unten" wird vom NDR angekündigt als eine Dokumentation über die "Demokratie auf der Kippe". Carolin Kock und Jette Studier haben sich für ihren einstündigen Film in Mecklenburg-Vorpommern bei "denen da unten" umgesehen: auf dem Campingplatz bei Greifswald, in der Stralsunder Kleingartensiedlung oder am Kiosk in Schwerin.

Gemessen an den Erwartungen, die der Titel weckt, erfährt man in dieser Doku allerdings erstaunlich wenig über die konkreten Lebensbedingungen der Leute, die sich als "unten" verstehen. Die "kleinen Leute" fungieren hier vor allem als Zitatgeber: Nur das Geld regiere die Welt, "wir Kleinen" hätten "nichts zu sagen", "der Kleine kriegt nichts", "die da oben" würden entscheiden und jemand müsse endlich mal "hart durchgreifen".

Funktionierende Zivilgesellschaft

Absicht der Doku war offenbar, zu überprüfen, was an solchen Sprüchen dran ist. Dafür wurde ausführlich bei "denen da oben" gedreht, genauer gesagt, bei einer Tagung der Stiftung Familienunternehmen im Berliner Hotel Adlon, die auch von Bundeskanzler Friedrich Merz besucht wurde, der Multimillionär ist.

Eine in diesem Film zitierte NDR-Umfrage Anfang des Jahres hatte erkundet, wie zufrieden die Befragten mit dem Funktionieren der Demokratie seien. Demnach sind drei Viertel der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern der Meinung, die Demokratie funktioniere "wenig bis gar nicht". Wie um das zu widerlegen, flicht der Sender ausführliche Beschreibungen von geradezu vorbildlich funktionierender Zivilgesellschaft und Demokratie in Land ein.

Nachhilfe in Demokratie

Da wächst eine Dorfgemeinschaft durch das gemeinsame Engagement für die Feuerwehr friedlich zusammen. Da wehrt sich in Schwerin eine Bürgerinitiative per Bürgerentscheid erfolgreich gegen die Bebauung einer Grünfläche. Und in einem Dorf auf Rügen gibt einen Interessenkonflikt zwischen Bewohnern der "Platte" und Hausbesitzern über steigenden Immobilienpreise. Setzt sich die Idee einer Wohnraumerhaltungssatzung durch?

Ob diese ausführlichen Nachhilfe-Einheiten in Demokratie - jeder kann Erfolg haben, wenn er sich engagiert und Mehrheiten organisiert - die 75 Prozent Mecklenburger und Vorpommern erreichen, die meinen, die Demokratie funktioniere nicht? Schwerlich. Und dem besser informierten Viertel war auch vorher schon klar, wie Demokratie funktioniert. Mühsam. Und nur mit Engagement.

Schimpfen auf "die da oben"

Eindeutig bequemer als Unterschriften für ein Bürgerbegehren zu sammeln, ist es, auf dem Campingplatz beim Bierchen auf "die da oben" zu schimpfen. Dabei schaukelt man sich im realen Leben wechselseitig genauso in den Extremismus wie man es den Echokammern im Internet immer nachsagt.

Die stärkste Szene der Dokumentation, ist, wenn die Camper offenbar gefragt werden, warum sie sich nicht demokratisch engagieren. Sie gucken etwas betreten. Dafür hätten sie keine Zeit, sie müssten doch arbeiten. Und die Familie! Dabei scheint, dem Gesichtsausdruck nach, mindestens einem Befragten die Offenkundigkeit seiner Ausflüchte selbst klar zu werden und unangenehm zu sein. "Die Kleinen" mit der oftmals großen Klappe wirken an dieser Stelle "überführt".

Ein Kreis von 4.000 Personen

Als Experte dafür, wie das mit Oben und Unten ist, wobei für "oben" hier die Familienunternehmer stehen, dient dieser Doku der Elitenforscher Michael Hartmann. Der Soziologe kann mit dem vagen "Oben" der Populisten nichts anfangen und verengt das Thema. Er spricht von "Elite" als einem Kreis von nur rund 4.000 Personen. Dieser Personenkreis rekrutiere sich aus den reichsten vier Prozent der Bevölkerung. So sei das seit dem Kaiserreich, daran hätten Demokratie und Fortschritt nichts geändert, vielmehr gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Wäre das nicht so, wären die Populisten weniger erfolgreich.

Was Hartmann über die vier Prozent sagt, ist hochinteressant, doch gehen seine Ausführungen nicht am Thema der Doku vorbei? Die "unten" Schimpfenden meinen "mit denen da oben" doch eher die vielleicht 14 (oder wer weiß wie viel) Prozent ihrer Mitbürger, die mehr zu sagen haben als sie selbst. Mit "denen da oben" ist nicht nur der Bundesrichter gemeint, sondern auch der Amtsrichter. Nicht nur der Minister, sondern auch der Abgeordnete. Also Leute, die nicht nur deshalb Privilegien haben, weil der Ur-Opa schon Vermögen hatte, sondern auch die, die die Chancen einer liberalen Demokratie genutzt, mehr Bildung erworben haben, bessere Jobs bekommen und mehr Einfluss gewonnen haben.

Sosehr diese Doku versucht, Perspektiven aufzuzeigen und mit Positiv-Beispielen von wackeren Bürgern aus Mecklenburg-Vorpommern kommt, die an die Demokratie glauben und mit ihrer Hilfe etwas für sich tun, man bleibt in Hinblick auf die 75 Prozent Demokratieskeptiker angsterfüllt zurück. Zumal die Sozialpsychologin Beate Küpper sagt, Viele hielten sich zwar selbst für Demokraten, seien aber keine, wenn man sich ihre Einstellungen genauer ansehe.

infobox: "Die da unten", Dokumentation, Regie und Buch: Carolin Kock, Jette Studier, Kamera: Mathias Schulze, Rainer Bloch, Christoph Schmitz u.a. (ARD-Mediathek/NDR, seit 10.8.26, NDR, 9.9.26, 22.05-23.05 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 27.08.2026 10:40

Andrea Kaiser

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KNDR, Kock, Studier, Kaiser

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