28.08.2026 06:40
ARD-Serie "Selling Sex" in der Mediathek
epd Nelly (Ella Morgen) ist frustriert. Sie hat 350.000 Euro Schulden aus ihrem Studienkredit, macht ein unbezahltes Praktikum und jobbt nebenbei als Kellnerin. "Ich arbeite die ganze Zeit und es bleibt einfach nichts übrig", beklagt sie sich bei ihrer Mitbewohnerin Bonnie (Manal Raga a Sabit). Kurze Zeit später gibt sie einem Mann auf der Toilette eines Casinos einen Handjob. Die Kamera wechselt vom Closeup ihres Gesichts zu seinem, das an den verspiegelten Wänden mehrfach wiedergegeben wird.
In diesem Falle stimmt die Bezeichnung "Job", denn Nelly verlässt das Treffen mit einem Umschlag voller Geldscheine. Wieder zu Hause sagt Nelly über ihren ersten Klienten: "Ich glaube, der ist einsam." Und sie? Sie sei pragmatisch. Die Prämisse der ARD-Serie "Selling Sex" über Nellys Einstieg als Escort wirkt erst mal nüchtern.
Das ist auch dringend notwendig. Schließlich ist das Thema Sexarbeit politisch aufgeladen und mediale Darstellungen - man denke an die letzte Staffel von "Euphoria" - bedienen oft billige Klischees und einen voyeuristischen Blick auf spärlich bekleidete Frauenkörper. Nelly, die über eine ehemalige Arbeitskollegin in den Beruf kommt, geht erst mal ins Büro einer Escort-Agentur. Dort erfährt sie, wie sie Steuernummer und Prostitutionsschein bekommt und dass in Deutschland Kondompflicht herrscht. Nicht ganz so prosaisch ist der neue Name, den sie sich gibt: Aurora.
Es entsteht der Eindruck, dass "Selling Sex" in den sechs rund 30-minütigen Folgen alles richtig machen will: Die Escorts stehen größtenteils selbstbewusst zu ihrer Arbeit und für ihre Rechte ein. Leider kommt aber auch diese Serie nicht ohne Stereotype aus. So kommt Nelly bei erfüllenden sexuellen Begegnungen offenbar sofort zum Orgasmus - und das allein durch Penetration in Missionarsstellung. Da hat man schon kreativere Sexszenen gesehen.
Ich hatte dazu mal ein Seminar.
Zudem versucht die Serie, eine Parallele zwischen Nellys Wirtschaftsstudium und der Sexarbeit aufzumachen. Doch ihr Girl-Boss-Business-Talk, der immer wieder mittels Voiceover eingesetzt wird, besteht größtenteils aus leeren Floskeln: "Wenn es um seriöse Geschäfte geht, darf nichts dem Zufall überlassen werden." Das trägt nicht dazu bei, die Protagonistin interessant oder zugänglich zu machen. Am Frühstückstisch mit einem Kunden fragt Nelly, "Gab es Stress mit dem Call gestern? Ich hab nur gehört, dass es um Business Taktik ging. Vielleicht kann ich ja helfen, ich hatte dazu mal ein Seminar." Statt selbstbewusst wirkt sie eher einfältig.
Immerhin sind da noch die anderen Escorts, allen voran die erfahrene Liliana (Lera Abova) und Ex-Domina Dolly (Sasha von Halbach), mit denen Nelly sich bisweilen austauscht. So wird sie als Teil einer diversen Gemeinschaft dargestellt, deren Mitglieder unterschiedliche Erfahrungen in diesem Beruf gemacht haben.
Aber ausgerechnet die Rolle der Liliana, die als Mutter eigentlich interessant sein könnte, ist für Abovas Talent undankbar: Bei einem Nervenzusammenbruch wird sie in Slowmotion in Unterwäsche und mit verschmiertem Makeup gezeigt, wie in einem schlechten Musikvideo. Mit der Agenturleiterin streitet sie sich vulgär und als ihr eine Bauchdeckenstraffung für ihren "Mom Body" vorgeschlagen wird, fragt man sich, ob dieser Text wirklich für die gertenschlanke Schauspielerin geschrieben wurde.
"Selling Sex" hätte gut daran getan, sich mehr Zeit für die einzelnen Figuren und ihre Beweggründe zu nehmen. Stattdessen hechtet die Serie vom Junggesellenabschied zum Alpenhotel, von Nellys Arbeit zu Bonnies Datingerfahrungen. Was zurückbleibt, ist der Eindruck, dass die Serie nicht so recht weiß, was sie erzählen will. Und einmal mehr die Erkenntnis: Sex sells.
infobox: "Selling Sex", sechsteilige Serie, Regie: Miriam Dehne, Marie C. König, Buch: Miriam Dehne, Marie C. König, Hannah Schopf, Kamera: Hyun de Grande, Produktion: Mia Wallace, Senator Film, Fontana Films (ARD/Degeto, seit 28.8.26, ARD, 28.8.26, 23.55-2.48 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 28.08.2026 08:40
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, Serie, Dehne, König, Ehrat
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