31.08.2026 07:10
Arte-Dokumentation "Letzte Sommer in Sanary"
epd In den 30er Jahren erlebte der kleine Ort Sanary-sur-Mer an der Côte d'Azur eine merkwürdige Invasion: Ab 1933 kamen mehr und mehr deutsche Literaten und Künstler angereist und ließen sich dort nieder. Einige blieben nur ein paar Wochen wie der Schriftsteller Thomas Mann, der sich mit seiner Familie dort für einen Sommer ein Haus mietete, andere wohnten dort jahrelang wie der erfolgreiche Schriftsteller Lion Feuchtwanger mit seiner Frau Marta. Florian Illies schrieb kürzlich in dem Buch "Wenn die Sonne untergeht" über die Monate, die die Familie Mann im Sommer 1933 in Sanary verbrachte.
Andreas C. Schmidt erklärt in der Arte-Dokumentation "Letzte Sommer in Sanary", wie es dazu kam, dass ausgerechnet dieser Ort in den Jahren 1933 bis 1940 zur "Hauptstadt der deutschen Literatur" wurde, wie Ludwig Marcuse es nannte: Die deutschen Schriftsteller, deren Bücher ab März 1933 in Deutschland verbrannt wurden, mussten das Land verlassen. Hinzu kam, dass die talentierten Mann-Kinder Klaus und Erika Anfang der 30er Jahre einen Reiseführer über die Côte d'Azur geschrieben hatten, in dem sie das eher verschlafene Sanary, weitab von den mondänen Küstenorten im Osten, als "erklärte Sommerfrische" der deutschen Künstler aus dem Café du Dome in Paris beschrieben.
Deren jüngerer Bruder Golo schrieb im Sommer 1933 über Sanary: "Wenn man sich hier in ein Café setzt - schwapp! -, sitzt eine gestürzte Größe neben einem." In den Cafés lasen die Emigranten Zeitung oder hörten gemeinsam Radio und übersetzten für die anwesenden Franzosen die Reden Hitlers, wenn sie übertragen wurden. In Sanary erinnert heute eine große Tafel an die Namen der berühmten oder vergessenen Schriftsteller und Künstlerinnen, die sich dort aufhielten.
Fast alle diese Schriftsteller schrieben in ihrem Exil: Briefe, Tagebücher und Romane, in denen sie immer wieder Sanary und ihr Leben dort erwähnten. Andreas C. Schmidt setzt aus den vielen Zeugnissen ein Mosaik dieser Zeit zusammen. Erzählen kann er diese Geschichten dank zahlreicher Fotos aus den Archiven, denn auch Fotografinnen und Fotografen gehörten zu dieser merkwürdigen Gesellschaft, die sich morgens im Café am Hafen traf, nachmittags zum "Trauertee" (Lion Feuchtwanger) und abends gelegentlich sogar zu Partys - etwa in der Villa des amerikanischen Erfolgsschriftstellers Aldous Huxley, der von 1931 bis 1937 ebenfalls in Sanary residierte, sich im Gegensatz zu seinen deutschen Kollegen aber freiwillig dort aufhielt.
Hier am Mittelmeer ist es langweilig.
Die deutschen Geistesgrößen seien eine "ziemlich trostlose Truppe", ätzte Huxley in einem Brief an seinen Bruder, an ihnen zeige sich "bereits die verheerende Wirkung des Exils".
Bertolt Brecht, der immer wieder von Lion Feuchtwanger eingeladen wurde, nach Sanary zu kommen, schaute kurz vorbei und befand: "Hier am Mittelmeer ist es langweilig." Ludwig Marcuse dagegen verbrachte sechs "unglücklich-glückliche Jahre" in Sanary. Thomas Mann schrieb in seinem Tagebuch von Spaziergängen auf der "außerordentlich schönen Straße über dem Meer" und davon, dass er sich weiße Schuhe kaufte. Er kam im Juni 1933, arbeitete dort an seinem vierbändigen Roman "Josef und seine Brüder" und zog im September weiter in die Schweiz, wo Tochter Erika eine standesgemäße Villa für den Nobelpreisträger und seine Familie gefunden hatte.
Schmidt muss sich in den 52 Minuten, die er für seine Arte-Dokumentation hat, sehr beschränken. Er lässt sich daher nicht auf den Klatsch über die "befreundeten Sekretärinnen" von Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig ein, den Florian Illies in seinem Buch geradezu fasziniert ausbreitet. Auch sonst zitiert er wenig von dem, was die Schriftsteller über die anderen Autoren notierten. Nur zu den Szenen der Ehe zwischen Alma und Franz Werfel, die 1938, nach dem "Anschluss" Österreichs, ebenfalls in Sanary landeten, zitiert er genüsslich den Schriftsteller Robert Neumann, der diese "heroisch" nannte.
Die "unglücklich-glücklichen" Jahre in Sanary endeten für die meisten deutschen Emigranten spätestens 1940, als die Deutschen Frankreich angriffen und alle in Frankreich lebenden Deutschen, auch die Gegner Hitlers und jüdischen Emigranten, zu "feindlichen Ausländern" erklärt und in Lagern interniert wurden. Uwe Wittstock schilderte in seinem 2024 erschienenen Buch "Marseille 1940", wie vielen deutschen Emigranten in letzter Minute mithilfe des Amerikaners Varian Fry die Flucht aus dem von den Deutschen besetzten Frankreich gelang. Diese Geschichten werden in der Dokumentation am Beispiel Feuchtwangers nur angerissen.
Schmidt hat seinen Film in Kapitel mit poetischen Überschriften wie "Der Zauberer am Meer" oder "Der Teufel im Radio" eingeteilt. Die liebevoll produzierte Dokumentation wird gesprochen von Ulrich Matthes, für die Zitate der Schriftsteller und Künstlerinnen wurden zusätzlich jeweils eigene Sprecherinnen und Sprecher engagiert, das erleichtert die Unterscheidung und macht den Film lebendiger. Thomas Mann wird von Hanns Zischler gesprochen, der den Schriftsteller auch in dem Film "Vaterland" spielt, der demnächst in die Kinos kommt.
Immer wieder zeigt Schmidt in seiner Dokumentation Bilder von Sanary heute, Blicke aufs Meer, aber vor allem den Hafen, die Boote und das berühmte "Hotel de la Tour", in dem Klaus Mann häufig übernachtete. Selbst die Musikauswahl ist in dieser Dokumentation wohl überlegt: Gelegentlich, wenn ein Karussell in Sanary gezeigt wird, ertönt die "Moritat von Mackie Messer" aus der "Dreigroschenoper", gespielt von einem Leierkasten, andere Passagen sind mit dem melancholischen Andante aus Schuberts Piano Trio Nr. 2 unterlegt. Das Klavier spielte in dieser legendären Aufnahme aus den 30er Jahren Rudolf Serkin, auch er ein Emigrant.
infobox: "Letzte Sommer in Sanary", Dokumentation, Regie, Buch und Kamera: Andreas C. Schmidt, Produktion: Schmidt & Paetzel Fernsehfilme (Arte-Mediathek/RBB/NDR, seit 24.8.26, Arte, 31.8.26, 23.20-0.15 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 31.08.2026 09:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, Dokumentation, Kulturdokumentation, Schmidt, Roether
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