Total verquasselt - epd medien

01.09.2026 08:10

Hendrik Quast leidet unter einem chronisch-entzündlichen Darm. Um mit seiner Krankheit sprechen zu können, erlernte der Performancekünstler und Hörspielmacher eigens das Bauchreden. In dem schwarzhumorigen Hörspiel "Schleimscheißer" tritt er in Dialog mit seinem Bauch.

WDR-Hörspiel "Der Schleimscheißer"

Im Hörspiel "Schleimscheißer" spricht Autor Quast mit seinem Darm

epd "Ich bin Hendrik Quast, ich sitze hier am Podcast-Table und unterhalte mich mit meiner Darmkrankheit." So stellt sich der Autor im Hörspiel "Schleimscheißer" vor. Er simuliert darin eine Podcast-Sendung, unterläuft dabei allerdings so gut wie jede Erwartungshaltung, die man an das Format haben kann. Jingles werden wahllos eingespielt und mittendrin wieder abgebrochen, eine präzise Artikulation sucht man vergebens, nicht zuletzt deshalb, weil es für Bauchredner sogenannte Problemlaute gibt: für Quast und seine ramponierte Klappmaulpuppe, die seine Darmkrankheit verkörpert, sind das vor allem die Buchstaben D und B. Schließlich schwadronieren die beiden ohne Punkt und Komma. Der bewusst dilettantische Ansatz ist zwar sympathisch, läuft aber nach einiger Zeit ins Leere.

Eines der zentralen Themen, die den Künstler umtreiben, ist der menschliche Körper. Er belässt es nicht bei theoretischen Reflexionen, sondern bringt sich stets selbst mit Haut und Haar ein. So ließ er sich zum Beispiel seinerzeit für das Stück und das daraus hervorgegangene preisgekrönte Hörspiel "Nagelneu" zum Nageldesigner ausbilden. Ein radikaler Ansatz, den er auch verfolgte, als er erkrankte. Quast wurde zum Bauchredner, um sich so selbst zu therapieren. Dank der Puppe kann er nun mit seiner Darmkrankheit in Dialog treten. Das Schizophrene, das die Bauchrednerei stets mit sich bringt, ist Teil des Spiels.

Schlecht gelaunte Klappmaulpuppe

Das ist mutig, wie bereits der Titel des Soloprogramms "Spill your guts" von 2022 andeutet, auf dem das Hörspiel basiert. Guts heißt Gedärme, meint aber im übertragenen Sinn auch Mumm.

Daneben spielt für Quast der Humor eine wichtige Rolle. Bei ihm ist es ein tintenschwarzer, für den die Klappmaulpuppe zuständig ist. Sie wird als orangefarben vorgestellt, besitzt ein zugenähtes Auge, und ihr haarloser Kopf erinnert an einen Totenschädel. Passend zur schlechten Laune, die sie provokativ vor sich herträgt, verleiht der Künstler ihr eine nölende Stimme. Als Darmkrankheit ist sie stets gereizt, beschimpft die Hörer als "dumm", veräppelt Quast, indem sie ihm heftige Magenschmerzen vorgaukelt, und geigt ihm die Meinung, wenn er einen Einfall hat: "Das ist eine Scheißidee."

Ausloten der Ekelgrenze

Gleich zu Beginn des "chronisch entzündlichen Darm-Podcasts" werden die Hörer gewarnt, dass sie kein Happy End erwarten können. Die Darmkrankheit ist nun mal chronisch, sprich: unheilbar. Nur Remission ist möglich. Dafür gibt es reichlich gewollt schlechte Wortspiele und die Ekelgrenze wird ausgelotet. Eine Darmkrankheit ist keine appetitliche Sache, die Geräuschkulisse besteht größtenteils aus einem penetranten Gurgeln der Eingeweide.

Hinzu kommt fingierte Hörerpost. Ein Sohn berichtet von seinem darmkranken Vater, der den Stuhlgang nicht mehr halten konnte, als er zu Besuch war, das Gästezimmer riecht jetzt nach Kolitis. Was er nun machen soll, fragt er Quast. Podcast-Parodie hin oder her: Die Antwort läuft allen Ernstes auf den Tipp hinaus, er solle doch einfach umziehen.

Die Vater-Sohn-Geschichte begegnet einem etwa in der Mitte des Hörspiels. Bis dahin war man angetan, wie frech, trocken und schwarz über Krankheit gesprochen werden kann. "Krankheit als Weg", wie einmal ein Bestseller hieß: Bescheuert, sagt Quast. Medizin und Krankheit dürfen nicht die Deutungshoheit haben, das macht das Hörspiel klar.

Banale Ratschläge

Ab da jedoch zerfranst das Stück, auch weil es keine neue Tonlage mehr anschlägt. Quast und seine Puppe witzeln vor sich hin und geben banale Ratschläge. So soll man eine anstehende Reise am besten um den "Problemkörper herumbuchen". Dann wiederum rühren sie, Achtung Ironie, mit dem Mixer eine "Püreedülaladee" an, also einen Brei aus Cola und Salzstangen, den man einst zur Bekämpfung von Durchfall empfahl. Heute weiß man, dass die Zutaten eine Darmentzündung verstärken können. Oder sie teilen die Patienten im Wartezimmer in Kategorien vom gelassenen Zeitungsleser bis zum ängstlich Besorgten ein. All das gipfelt schließlich in der hier vollkommen überflüssigen Parodie von Lars Eidinger und seiner Paraderolle Hamlet: "Darmkranksein oder Nichtdarmkranksein, das ist hier die Frage."

Quast scheint die Kritik geahnt zu haben. An einer Stelle lässt er die Puppe zetern: "Wo soll das eigentlich hinführen, das Ganze? Was ist der Plan?" Recht hat sie, ebenso wie mit ihrer Feststellung zum Schluss: "Total verquasselt heute."

infobox: "Schleimscheißer", Hörspiel, Regie: Hendrik Quast, Maika Knoblich, Katharina Stephan, Buch: Hendrik Quast (WDR3, 22.8.26, 19.04-20.00 Uhr und bei ARD Sounds)



Zuerst veröffentlicht 01.09.2026 10:10

Florian Welle

Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KWDR, Hörspiel, Quast, Knoblich, Stephan, Welle

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