02.09.2026 03:43
Mannheim (epd). Auch 25 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 können die Bilder der zusammenbrechenden Türme des World Trade Centers in New York bei Menschen starke emotionale und körperliche Reaktionen auslösen. Wie genau ein Mensch auf die Bilder reagiert, hänge von persönlichen Vorerfahrungen und der Situation ab, in der er damals von den Anschlägen erfahren habe, sagte Michèle Wessa, Psychologie-Professorin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Besonders stark könne die Erinnerung sein, wenn Menschen damals große Angst und Hilflosigkeit erlebt hätten oder Angehörige und Bekannte in den USA hatten, sagte Wessa. Die anhaltende Wirkung der Bilder von damals erklärt die Psychologin mit der "Wucht dieses Ereignisses". Der 11. September habe bei vielen das grundlegende Gefühl von Sicherheit erschüttert. "Man hat sich gefragt: Was kann noch alles passieren?"
Wessa sieht Medien bei ihrer Berichterstattung in der Verantwortung. Bilder von Katastrophen und Gewalt sollten nicht unvermittelt gezeigt, sondern angekündigt werden, damit Zuschauer ausweichen könnten, sagte sie. Der Einzelne sollte sich fragen, wie viel belastende Berichterstattung er sich zumuten wolle. Eine dauerhafte Konfrontation mit schlimmen Nachrichten sei nicht sinnvoll. Zusätzlichen Stress verursache seit einiger Zeit die Unsicherheit darüber, welchen Nachrichten überhaupt noch zu vertrauen sei.
Von einer generellen Abstumpfung durch die Flut von Nachrichten will Wessa dennoch nicht sprechen. Es gebe aber einen Gewöhnungseffekt, sagte sie. Die Reaktionen würden schwächer, ohne dass die Ereignisse den Menschen deshalb gleichgültig seien. Für jüngere Menschen sei der 11. September keine eigene Erfahrung. Die zahlreichen Krisen und Konflikte seitdem hätten vielmehr dazu geführt, dass zuvor unvorstellbare Ereignisse heute zum Erfahrungshorizont gehörten.
Erinnerungen an ein Trauma seien mit Sinneseindrücken wie Bildern, Gerüchen oder Geräuschen verknüpft, sagte Wessa. Selbst neutrale oder kleinste Reize könnten dann Flashbacks und starke körperliche Reaktionen auslösen. Bei Menschen, die infolge eines traumatischen Erlebnisses eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, können solche Reize besonders intensive Reaktionen hervorrufen. Die Psychologin hat unter anderem mit Opfern der Flugschaukatastrophe von Ramstein gearbeitet.
Meldung aus dem epd-Basisdienst
Zuerst veröffentlicht 02.09.2026 05:43
Schlagworte: Medien, Terrorismus, Gedenktage, INT
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