Voll retro - epd medien

02.09.2026 08:48

Die SWR-Dokumentation "Schule ohne Smartphone" wagt ein interessantes Experiment: 100 Schülerinnen und Schüler haben sich gemeinsam mit Moderator Tobi Krell drei Wochen digital "entgiftet".

Dokumentation eines Experiments: "Schule ohne Smartphone"

Die Schülerinnen und Schüler und auch Moderator Tobias Krell haben ihre Smartphones drei Wochen lang eingeschlossen

epd "Schule ohne Smartphone": Das klingt wie eine Dokumentation über den Plan des baden-württembergischen Kultusministeriums, Lehranstalten zur "handyfreien Zone" zu erklären. Der Titel sagt aber nur die halbe Wahrheit. Genau genommen müsste die dreiteilige SWR-Reihe "Leben ohne Smartphone" heißen, denn darauf haben sich rund hundert Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 18 Jahren aus der Südwestpfalz eingelassen.

Zu Beginn des wissenschaftlich begleiteten Experiments schließen sie gemeinsam mit Moderator Tobias Krell ihre Telefone in einen Käfig. Fortan werden sie aus freien Stücken gut drei Wochen lang digitale Entgiftung betreiben: kein Smartphone, kein Tablet, keine Spielekonsole. Das wäre auch für die meisten Erwachsenen unvorstellbar, aber für diese Generation bedeutet es die Höchststrafe. Dass die Schülerinnen und Schüler einer integrierten Gesamtschule mitgemacht haben, verdient daher echte Anerkennung.

Mein Leben fühlt sich so leer an.

Einige der Jungen und Mädchen haben eine Kamera bekommen, um ein Videotagebuch zu führen: "Ich vermiss’ mein Handy so krank", sagt June (14). Jannat (15) bekennt: "Mein Leben fühlt sich so leer an." Weil viele mit der geschenkten Zeit nichts anzufangen wissen, machen sie aus Langeweile endlich mal ihre Hausaufgaben gründlich (und ohne ChatGPT) oder gehen früh ins Bett. Alle wurden mit einem Sensor ausgestattet, der Bewegungen und Schlafverhalten misst. Fast alle haben mehr geschlafen als vorher, weil sie nicht mehr bis nachts um eins aufs Smartphone gestarrt haben, viele haben sich mehr bewegt.

In einer Gesprächsrunde mit Eltern stellt sich rasch heraus, dass die meisten Erwachsenen keine Ahnung haben, wie viel Zeit ihre Kinder tatsächlich am Smartphone verbringen. Ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie erläutert, warum man von Jugendlichen nicht erwarten dürfe, dass sie ihre Telefone beiseitelegen: Ihre Hirnareale für Belohnung und Reizsuche würden sich früher und stärker entwickeln als die Kontroll-Areale.

Reflektierte Einblicke

Die für ARD Wissen entstandene Reihe richtet sich in erster Linie an ein erwachsenes Publikum, ist aber wegen der offenen und eindrucksvoll reflektierten Einblicke ins Seelen- und Gefühlsleben der Jugendlichen auch für Gleichaltrige ein Gewinn. Krell ist dafür der perfekte Moderator. Als "Checker Tobi" beweist er seit 2013, dass er sich sowohl mit seiner Zielgruppe wie auch mit Sachverständigen auf Augenhöhe austauschen kann. Als er den Schlüssel zum Käfig umdreht, ertönt das aus Gefängnisfilmen bekannte Geräusch einer ins Schloss fallenden Zellentür. Erste Erkenntnis: Niemand weiß die genaue Uhrzeit. Auch der Moderator spürt eine "Phantomvibration" in der leeren Hosentasche.

Dank Krells Schlagfertigkeit sind die drei Folgen auch recht witzig. Entscheidender ist jedoch, dass er das Experiment nicht bloß moderiert und begleitet hat. Auch er gesteht in seinem Videotagebuch, es werde gerade "richtig ätzend". Um herauszufinden, ob das wirklich Suchtverhalten ist, fährt er mit zwei Kindern ins Uniklinikum Heidelberg. Im Rahmen eines Reiz-Reaktions-Experiments untersucht ein Spezialist für Kognitive Neuropsychiatrie, wie ihre Gehirne reagieren. Erst werden ihnen neutrale Fotos gezeigt, dann sehen sie Aufnahmen mit eindeutigem Smartphone-Bezug.

Die Tricks der Algorithmen

Die MRT-Bilder zeigen deutlich: Auf Alltagsgegenstände reagiert ihr Gehirn gar nicht, aber beim Smartphone-Menü werden umgehend jene Bereiche aktiviert, die für Aufmerksamkeit, Handlungskontrolle und das Belohnungssystem zuständig sind; das Muster ist auch aus der Alkohol- und Drogensucht bekannt. Beim zweiten Besuch drei Wochen später ist die Reaktion viel schwächer.

Ein Suchtexperte erklärt, dass viele Apps und Spiele mit "Dark Patterns" arbeiten. Der Begriff "dunkle Muster" stammt aus der Verhaltensökonomie und bezieht sich auf manipulative Tricks, die dafür sorgen, dass die Nutzerinnen und Nutzer dranbleiben oder wiederkommen. Tiktok mit seiner nie endenden Videoflut ist Verführung pur, wie die Jugendlichen bestätigen: nur mal kurz reingeschaut, und schon sind zwei Stunden verflogen. Das kann sich am Wochenende auch mal auf bis zu 15 Stunden pro Tag summieren.

Das Wohlbefinden hat sich verbessert

Der Begriff fällt zwar nicht, aber letztlich geht es um den "Horror vacui", die Scheu vor der Leere. Der moderne Mensch hat die Fähigkeit verloren, Stille und Nichtstun auszuhalten, doch daraus entsteht oft Kreativität. Auch dafür liefert das Experiment Belege: Ein Mädchen hat angefangen zu malen, ein Junge hat während der "Handypause" eine Seifenkiste gebaut, plötzlich gab es wieder Brettspielabende. Die 13-jährige Tamina hat einen Test im Test gewagt und ihre Geburtstagsfeier unter das Motto "Feiern wie früher" gestellt: Alle Gäste mussten ihr Telefon abgeben. Das Fest war ein voller Erfolg. Ihr wichtigstes Geschenk war ein MP3-Player. Sie nimmt sich vor, auch nach Ablauf der drei Wochen "mehr retro" zu leben.

Die Smartphones sind vermutlich nicht die einzige Ursache für Stress und Ängste, aber einen Zusammenhang gibt es offenbar durchaus, wie das Experiment belegt: Neben der Konzentrationsleistung hat sich auch das allgemeine Wohlbefinden der Jungen und Mädchen innerhalb der drei Wochen stark verbessert. Faktoren wie schlechte Stimmung, Antriebsschwäche und Traurigkeit sind stark zurückgegangen, verblüffenderweise selbst bei der Kontrollgruppe, wenn auch nicht so ausgeprägt. Offenbar hatte schon die Sensibilisierung für das Thema einen positiven Effekt.

infobox: "Schule ohne Smartphone - Das Experiment mit Tobi Krell", dreiteilige Dokumentation mit Tobias Krell, Regie und Buch: Antonia Simm (ARD-Mediathek/SWR, seit 2.9.26, ARD, 7.9.26, 23.35-0.00 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 02.09.2026 10:48

Tilmann Gangloff

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSWR, Streaming, Dokumentation, Smartphone, ARD Wissen, Krell, Simm, Gangloff

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