03.09.2026 07:50
Comedy-Reportage "Deutschland, ich küss Dein Herz" mit Tahsim Durgun
epd Tahsim Durgun ist vieles: Germanist und Historiker, "Content-Creator", Podcaster und Schöpfer von Tiktok-Videos über gesellschaftspolitische und migrantische Themen, Sohn kurdischer Eltern und Deutscher, erfolgreicher Buchautor ("Mama, bitte lern Deutsch") und nicht zuletzt, nach eigener Darstellung zu Beginn dieser Reportage "der viertbekannteste Sohn Oldenburgs nach Klaas Heufer-Umlauf, Dieter Bohlen und Jeremy Fragrance".
Vor allem aber verfügt er über Witz und die Fähigkeit, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Beste Voraussetzungen also für einen so spannenden wie lustigen Roadtrip, denn Durgun will sich, "nachdem ich das Stadtbild von Oldenburg kaputtgemacht habe", auf große Deutschlandreise begeben. Man merkt, ein großer Merz- oder CDU-Fan wird aus ihm wohl nicht mehr.
Allerdings muss er auf Geheiß seiner Mutter Tante Zeynep auf die Reise mitnehmen, eine Frau also, die auch seine Mutter sein könnte. Und weil man seiner kurdischen Mutter nicht widerspricht, fügt sich Durgun widerwillig - und zum Glück für das Publikum. Denn die beiden so gegensätzlichen Persönlichkeiten ergänzen sich aufs Schönste. Zum einen, weil sich Tante Zeynep erstaunlich mutig auf allerlei neue Erfahrungen und Erlebnisse einlässt und vor allem deshalb, weil hier zwei Menschen aus zwei Generationen sich gegenseitig kennenlernen und über ihre migrantischen Erfahrungen sprechen.
Die Reise der beiden durch Deutschland (laut Durgun das Land "mit 84 Millionen Menschen auf der Suche nach etwas, worüber sie sich beklagen können") führt in der ersten Folge in den Norden, dann nach Westen, Süden, Osten - in der fünften Folge gibt es einen Abstecher in das "17. Bundesland", also Mallorca, hauptsächlich zum "Ballermann", die sechste Folge führt in die Hauptstadt Berlin. Kurze, rasant geschnittene und satirisch zugespitzte Intros stellen am Anfang jeder Folge die Regionen vor und spielen mit den jeweils zugeordneten Klischees, gespickt mit politischen Seitenhieben.
Durgun und seine Tante Zeynep erleben Abenteuer wie den Besuch eines Hobbyhorsing-Trainings, bei dem Menschen sehr ernsthaft auf Steckenpferden herumreiten, probieren Schwarzlicht-Minigolf mit Klaas Heuer-Umlauf, der einen deutschen Bilderbuch-Klugscheißer mimt, suchen im Phantasialand auf Kinderkarusellpferden nach Kurdistan, absolvieren ein Jodeltraining mit dem japanischen Meisterjodler Takeo Ischi, überleben eine Fahrt mit der Deutschen Bahn nach Weimar ("schlecht klimatisierte Zugfahrt mit warmer Cola, kaltem Kaffee und einer Verspätung von zwei bis vier Werktagen") oder durchstreifen mit dem selbsternannten "Kleingartensheriff" Michael Baumann samt seiner Hecken-Messlatte Leipziger Kleingärten.
Wichtiger als diese mehr oder minder komisch absurden Unternehmungen sind allerdings die Begegnungen, mit denen dieser Roadtrip reich gespickt ist. Darunter sind Prominente wie die ostdeutsche Podcasterin Laura Larsson, Niklas & David oder der "Pilzfluencer" Tristan, die Rapperin Ikkimel, in deren Küche Tante Zeynep kurdisch kocht, Cheyenne Ochsenknecht, "die deutsche Kim Kardashian, nur eben in Österreich", die Durgun auf ihrem Bauernhof trifft, und der Schauspieler Edin Hasanović.
Interessant, dass man bei dieser Gelegenheit erfährt, wie viele Kreative in diesem Land kurdischer Herkunft sind. So wie Tante Zeynep, die über die kurdische Diaspora sagt: "Wir sind die Welt. Die ganze Welt ist unsere Heimat."
Wir haben Deutschland mit aufgebaut.
Eher beiläufig kommen die zahllosen Demütigungen zur Sprache, denen Migrantinnen und Migranten, bei ihrer Einwanderung ausgesetzt waren (etwa, dass die Zugewanderten früher ihren neugeborenen Kindern keine kurdischen Namen geben durften) und die auch die Kinder in der Schule erfuhren. Auch Zeynep kann nun ihre Geschichte erzählen: dass sie damals nach Deutschland kam, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, und sich alles selbst beibrachte; dass sie ihr Leben lang gearbeitet hat, aber ihren Traum zu studieren und Lehrerin zu werden, nie verwirklichen konnte, und dass den Migrantinnen und Migranten bis heute abgesprochen wird, sie hätten Deutschland damals mit aufgebaut: "Aber wir haben Deutschland mit aufgebaut."
Tahsim Durgun ist selbstbewusst und schlagfertig. Er amüsiert er sich über die vielen Deutschen, die Mallorca bevölkern, ohne auch nur ein Wort Spanisch zu lernen - "aber wenn Geflüchtete nach Deutschland kommen, rennen alle mit Fackeln durch die Gegend und wählen AfD." Er unterhält sich mit Pilzkenner Tristan darüber, was Deutschland als Pilz wäre ("die umberbraune Borstenscheibe") oder identifiziert es musikalisch ("B-Moll als Land, aber mit Schni-Schna-Schnappi ist alles gesagt - Gänsehaut!").
Und je weiter Durgun mit Tante Zeynep fährt, desto tiefer geht auch die Reise in die Auseinandersetzung mit dem Land, das für die beiden Heimat ist, aber auch in das Selbstverständnis von Kurdinnen und Kurden. Am tiefsten berührt die sechste Folge, in der die beiden den schnoddrigen Urberliner Kurt Krömer treffen, natürlich in einem Späti, wo Krömer Durgun die Späti-Verkaufskultur erklärt, derzufolge die Kunden erst mal eisern ignoriert werden müssen. In einer Eisdiele treffen sie später auf Herbert Grönemeyer. Beide Gespräche gehören zu den besten und eindrücklichsten dieses Roadtrips.
Schade, dass die ARD nach dem Motto "Mediathek First" die analoge Ausstrahlung dieser Reportage im Fernsehen weitgehend ins Nachtprogramm verbannt. Dabei bräuchte dieses Land gerade jetzt dringend solche erhellenden Einblicke. Von den weit geöffneten Herzen der einst Zugewanderten könnte dieses Land viel lernen.
infobox: "Deutschland, ich küss dein Herz", sechsteilige Comedy-Reportage mit Tahsim Durgun, Regie: Loraine Blumenthal, Buch und Stoffentwicklung: Béla Can Leon, Produktion: BTF (ARD-Mediathek/WDR, seit 3.9.26, ARD, 3.9. und 10.9.26, jeweils 23.50-0.50 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 03.09.2026 09:50
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, Comedy, Reportage, Durgun, Blumenthal, Leon, Steglich
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