04.09.2026 08:10
ZDF-Sitcom "Spyon" mit Götz Otto
epd Diese neue Comedy-Serie des ZDF hat eine Besonderheit. Nicht, dass sie besonders gut gelungen wäre, auch wenn die Besetzungsliste mit prominenten Namen wie Götz Otto und Sophie von Kessel glänzt und die Regie lustvoll mit Zitaten aus Hollywood spielt, von "James Bond" über "Club der toten Dichter" bis "Basic Instinct" - soweit es das schmale Budget zulässt. An "Spyon" ist besonders, dass der Sender die Serie vorab über seine Publikumsplattform ZDFmitreden testen ließ.
Dort bindet das ZDF seit 2023 sein Publikum in kleine und große Programmentscheidungen ein, um Sendungen in der Entwicklungsphase zu optimieren oder während der laufenden Produktion zu "reparieren", auch um Sendungstitel und Bilder auszuwählen und Social-Media-Auftritte anzupassen. Diese Methode wird inzwischen auf fiktionale Programme ausgeweitet, und so bekamen im Januar 2026 rund 11.000 Menschen ab 16 Jahren die ersten fünf Minuten aus "Spyon" zu sehen. Anschließend gaben sie ihr Feedback ab, wie gut ihnen Charaktere und Stil der Serie gefallen haben.
Das Ergebnis fiel durchwachsen aus: Bei der Hälfte der Testgucker konnte das kurze Video nicht punkten. Die für "Spyon" zuständige Redakteurin Silvia Hubrich zog dennoch ein positives Fazit: Der Einstieg in eine Serie sei ganz entscheidend (das gilt auch für Texte), und die Umfrage habe ergeben, dass die Redaktion "bereits auf einem guten Weg" sei, sie werde für die weitere Arbeit "einiges mitnehmen". Was genau, bleibt in Hubrichs Statement offen. Woraus ihre Redaktion offenbar am meisten Optimismus schöpfte: Unter den 16- bis 34-jährigen Befragten gab die Mehrheit an, dass sie die Serie "eher" oder "sicher" weiterschauen würde. Genau für diese Zielgruppe ist "Spyon" konzipiert.
Interessant für das junge Publikum dürfte in erster Linie die Besetzung der Comedy-Serie sein: Gleichaltrige Darstellerinnen und Darsteller schaffen Identifikationspotenzial. Von ihnen lässt man sich gerne in andere Lebenswelten entführen, seien sie noch so irre und weit entfernt vom eigenen Erleben.
Sogol Faghani, Klaus Steinbacher, Lea Zoë Voss, Lukas Zumbrock und Nhung Hong - allesamt zwischen 1994 und 2002 geboren - spielen fünf Nachwuchs-Spione, die das perfekte Spionieren beim Bundesnachrichtendienst in Pullach erlernen wollen. Weil die Story als Comedy angelegt ist und nicht als ernsthafte Werbung für die deutsche Spionage-Behörde, haben die Figuren sonderbare Begabungen. "Spyon" verschwendet keine Zeit mit langer Exposition, denn die Bombe tickt - im wahrsten Sinne des Wortes: Die gefesselten Azubis müssen sich befreien, bevor es zur Explosion kommt.
Dass es sich nur um eine Übung handelt, wird schnell klar. Keine fünf (Serien-)Minuten vergehen, und die Figuren sind in Rekordtempo konturiert und die Geschichte in Gang gesetzt über den Kniff einer Rückblende. Die Neugier weiterzuschauen, ist also da - sofern man sich mit der überaus schrägen, im Detail aber liebevollen Figurenzeichnung arrangieren kann.
Die Vorstellung der Möchtegernagenten, die sonderbare Kleidung tragen, als wären sie einer englischen Internationsserie entsprungen, übernimmt die Ausbildungsleiterin Haberland, gespielt von Sophie von Kessel, die sich maßlos über die Performance in der Abschlussprüfung aufregt: Ein Provinzpolizist mit dem IQ eines Borkenkäfers, der sich für den niederbayerischen James Bond hält; ein Mathematiker mit fotografischem Gedächtnis, aber ohne sozialen Filter; eine Diplomatentochter, die fünf Sprachen spricht, aber in pathologischer Panik durch jede Prüfung rasselt; dieses "Dings" mit Ausbildung zur Mikrosystemingenieurin, das von anderen Menschen ständig übersehen wird. Am schlimmsten aber ist diese Lehrerin mit der Persönlichkeit eines Monchichis und einem hochproblematischen Vaterkomplex. Diese "Gurkentruppe" will für den BND arbeiten?
Ebenso verhaltensoriginell wie die Auszubildenden sind deren Ausbilder und weitere Mitarbeiter der Behörde. Die Inszenierung setzt auf maximale Überzeichnung - mitunter so stark, dass die Figuren ins Chargenhafte kippen. Sophie von Kessel etwa, gefeiert am Theater, nutzt die Gelegenheit, um als Ausbildungsleiterin auch abseits der Bretter hemmungslos drüber zu sein. Das bereitet ihr große Spielfreude, strengt beim Zusehen aber auf Dauer an. Götz Otto, der als humpelnder Ausbilder Voss die "Gurkentruppe" zusammengestellt hat - nach der Devise "auch der internationale Terrorismus ist diverser geworden" -, parodiert in "Spyon" gewissermaßen seine eigene Bond-Vergangenheit: 1997, als viele in der Zielgruppe noch gar nicht geboren waren, gab er in "Der Morgen stirbt nie" den Bösewicht.
Eher blass bleibt der von Alexander Beyer gespielte Ausbilder Kocabay, während Matthias Matschke in einer Nebenrolle als Hausmeister mit KGB-Vergangenheit aufdreht.
"Spyon" findet im Sitcom-Setting immer wieder hübsche Bilder für die Kollision von Geheimdienst-Mythos und deutscher Behördenwirklichkeit, trotz des offensichtlich sehr schmalen Budgets, das kaum mehr als ein Motiv zuließ. Die meisten Szenen spielen in Behörden-Tristesse. Immerhin reichte es, um das Labor von Q aus den Bond-Filmen zu imitieren und den Showdown in der (angeblichen) aserbaidschanischen Botschaft zu inszenieren.
Die Serie ist also gewissermaßen eine deutsche Workplace-Comedy für eine jüngere Generation - nur dass der Arbeitsplatz eben der BND ist. Dort wird noch im Akkord fotokopiert und Münztelefone gehören offenbar zur technischen Ausstattung. Fachberater Bodo Hechelhammer sollte darauf, "dass der humoristische Anspruch den Realitätsbezug nicht außer Kraft setzt", wie er selbst sagt. Operative Ausbildung, tote Briefkästen, Observationen und Operationen hätten ebenso ihren realen Kern wie die Kantine mit ihrer Essens-Themenwoche. Na bitte: Das Qualitätssiegel eines BND-Insiders!
Schade nur, dass die Serie ihrer eigenen besten Idee nicht immer vertraut: Der eigentliche Witz liegt nämlich nicht in den vielen Knallchargen und der irrwitzigen Story, sondern in der Vorstellung, dass James Bond in einer deutschen Behörde aufschlägt und erst einmal ein Formular ausfüllen muss.
infobox: "Spyon", achtteilige Sitcom, Regie: Christof Pilsl, Nadine Keil, Buch: Hannah Schopf, Christof Pilsl, Produktion: Smac Media (ZDF-Mediathek, seit 4.9.26, ZDFneo, ab 29.9.26 jeweils dienstags, 21.45-22.35 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 04.09.2026 10:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Streaming, KZDF, Sitcom, Pilsl, Schopf, Keil, Krasser
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