04.09.2026 13:23
Ein Einwurf von Ellen Nebel
epd Die am Sonntag anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt hat die "logo!"-Redaktion zum Anlass genommen, um den amtierenden Ministerpräsidenten des Bundeslandes, CDU-Politiker Sven Schulze, und seinen AfD-Herausforderer Siegmund getrennt voneinander zu interviewen. "Was planen die Parteien eigentlich für Schülerinnen und Schüler und was wollen sie an Schulen in Sachsen-Anhalt verändern?", fasste "logo!"-Moderator Sherif Rizkallah den Beitrag zu Beginn zusammen.
Lucienne Balke, bis Ende August Landesschülersprecherin in Sachsen-Anhalt, stellte beiden Politikern je eine, meist gleichlautende Frage zu sieben verschiedenen Themen. Den Ein- und Ausstieg erleichterte sie ihrem jungen Publikum wie auch ihren Interview-Partnern mit menschelnden Fragen, etwa über das schulische Lieblingsfach der Befragten und deren Meinung zu Jugendwörtern. Balke - für das "logo!"-Publikum schon ziemlich erwachsen, für eine Erwachsene aber freilich noch sehr jung - verzichtete auf Nachfragen und beschränkte sich auf die Rolle der Stichwortgeberin. Und so war es mit einer Einordnung nicht weit her.
Siegmund etwa führte zum Thema Lehrermangel aus: "Deswegen sagen wir als AfD: Wir müssen Lehrern wieder die Freude am Beruf zurückgeben. Und dass wir dadurch diese Krankenstände und diese Fehlzeiten minimieren. Und dazu wollen wir alles aus der Schule rausnehmen, was Lehrer aktuell belastet." Lehrermangel gibt es, weil Lehrer sich krankmelden, da sie keine Freude mehr an ihrem Beruf haben? Ein erwachsener Zuschauer mag dies als krude politische Aussage einordnen können. Für ein Kind im Grundschulalter, das auch öfter mal keinen Bock auf Schule hat, klingt die Argumentation jedoch schnell plausibel - "logo!" lässt das so stehen.
Da eine Selbstentlarvung selbst bei ausführlichen Interviews, in denen kritisch nachgefragt wird, bekanntermaßen nicht funktioniert, hatte die Redaktion möglicherweise darauf gehofft, dass sich die beiden Politiker durch ihre Antworten gegenseitig kontextualisieren und so ein einordnendes Gesamtbild für die Zuschauerinnen und Zuschauer entsteht. Doch auch hier musste es bei einer Hoffnung bleiben.
Total falsch.
So fragte Balke Siegmund, warum im Wahlprogramm seiner Partei stehe, dass geflüchtete Kinder dauerhaft in Extra-Klassen unterrichtet werden sollen. Der AfD-Politiker antwortete, dass es durch Sprachprobleme für Lehrer schwierig sei, gleichmäßig zu unterrichten. Und weil die Kinder geflüchtet seien und "danach wieder nach Hause" müssten, könne man sie ja gleich separat in Flüchtlingsklassen unterrichten. Ministerpräsident Schulze folgte darauf mit der erschreckend blassen Aussage, es sei "traurig", was diesen Kindern alles passiert sei - und eine gesonderte Unterrichtung sei "total falsch".
Auch die kurzen, zwischen den Interview-Teilen eingeschobenen Erklärblöcke, etwa zur Forderung der AfD nach einer Änderung der Schulpflicht oder der Zahl der schulpflichtigen Kinder, die im vergangenen Jahr aus der Ukraine nach Sachsen-Anhalt kamen, trugen nur wenig zur Einordnung bei.
Dass Vertreter der AfD die Gelegenheit zur Äußerung bekommen, gehört im Erwachsenen-Fernsehen inzwischen seit Jahren zur gelebten, wenn auch immer wieder diskutierten Praxis. Und auch das "logo!"-Interview mit Siegmund löste prompt Kritik in sozialen Netzwerken aus.
Constanze Knöchel, Leiterin der "logo!"-Nachrichten und der Non-Fiction Hauptredaktion Kinder und Jugend beim ZDF, rechtfertigte die Entscheidung am Tag der Ausstrahlung in einem ausführlichen Post auf LinkedIn. "Am Ende orientieren wir uns nicht an der Frage, welcher Shitstorm droht, sondern an unserem Auftrag: Kinder brauchen verlässliche Informationen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Auch dann, wenn es unbequem wird."
Mit dieser guten Absicht sind die "logo!"-Kindernachrichten im konkreten Fall gescheitert. Nicht nur hat eine Einordnung kaum stattgefunden. Sie wäre in dem gewählten Format auch gar nicht hinreichend möglich gewesen für eine so junge Zielgruppe. Da halfen auch der in der Abmoderation und damit reichlich spät platzierte Verweis von Sherif Rizkallah auf die Einstufung der AfD in Sachsen-Anhalt als "gesichert rechtsextrem" durch den Verfassungsschutz sowie weitere Informationen im "logo!"-Online-Angebot nichts.
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Die "logo!"-Kindernachrichten werden dieser Erkenntnis täglich mit einem hervorragenden, mehrfach preisgekrönten Angebot gerecht. In diesem Fall jedoch leider nicht.
Copyright: Foto: epd-bild/Heike Lyding
Darstellung: Autorenbox
Text: Ellen Nebel ist Redakteurin bei epd medien.
Zuerst veröffentlicht 04.09.2026 15:23 Letzte Änderung: 04.09.2026 21:48 (In der ersten Version des Kommentars konnte der Eindruck entstehen, dass Knöchels LinkedIn-Post eine Reaktion auf die Kritik in Sozialen Medien gewesen sei. Das ZDF hat darauf hingewiesen, dass Knöchel ihren Post bereits vor der Ausstrahlung veröffentlicht hat. Wir haben den Kommentar entsprechend angepasst. )
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Wahlkampf, Parteien, nbl, NEU
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