05.09.2026 07:55
Hörspiel "Reich des Todes" zu 9/11
epd Was ist eigentlich das "Reich des Todes", in das Christus "hinabgestiegen" sein soll, laut Glaubensbekenntnis der westlichen Christenheit? Seit dem Konfirmandenunterricht routiniert und unhinterfragt mitgemurmelt in Gottesdiensten, scheint es etwas zu sein, das überwunden ist. Beruhigend. Die Menschheit, so dachten Viele in optimistischeren Zeiten, bewegt sich ja auch immer weiter nach oben, gen Licht, gen Aufklärung und Frieden.
Dass das Nachdenken über diesen Irrtum mit dem Befragen benutzter Worte und installierter Sprechweisen anfängt, daran erinnert Rainald Goetz' Hörspiel "Reich des Todes" auf oratorische Weise. Eigentlich ein Theaterstück, von Karin Beier 2020 am Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt, erging sich die vierstündige Inszenierung damals in einer überbordenden Clownerie bis hin zur Karikatur: eine laute, von stillen Momenten kaum je unterbrochene Revue.
Wie macht man aus dieser Goetzschen "Textwalze" ein packendes Hörspiel, das sich 25 Jahre nach 9/11 nicht mit bloßer Sensationsgier begnügt und der kriegsgebeutelten Gegenwart noch etwas Brauchbares zu sagen weiß? Goetz' eigentliche Stärke, das wurde immer wieder geschrieben, liegt weniger im szenischen Bild als in der Organisation von Sprache, Stimmen und historischen Diskursen. Es ist ein Glück, dass er seinen Text nun in die Hände des erfahrenen Theater- und Hörspielregisseurs Henri Hüster legte. Mit ihm bearbeitete er "Reich des Todes" zu einer rasend spannenden Hörspiel-Verdichtung von knapp zwei Stunden, in der die Musikalität der Goetzschen Sprache ohne theatrale Illustration ihre eigene bildnerische Macht entfalten darf.
Dramaturgischer Ausgangspunkt ist der Anschlag: ein Schuss-Gegenschuss-Prolog zwischen World Trade Center und dem Cockpit eines der in die Türme gelenkten Flugzeuge. Man hört ein letztes inneres Gebet vom stockend atmenden, suizidalen Terrorpiloten (Cino Djavid), drüben im Wolkenkratzer sieht man einen verzweifelten Sprung von einem, der das Ungeheuerliche nahen sieht. Um allen Anschein des Dokumentarischen zu verneinen, belehren der "Autor", gesprochen von Goetz selbst, und die "Geschichte" (erotisch säuselnd: Edith Saldanha) halb synchron, der Schauplatz sei "der Kopf, das Innere der Gedanken, da spielt sich alles ab: welcome to the final show!"
In diesen nur vorgestellten, durch keine Karikaturen eingehegten und darum umso beklemmenderen "Hades", wie Goetz den Kosmos seines Stücks nennt, steigt er mit der gewohnt rücksichtslosen Klarsicht eines Gegenwarts-Diagnostikers hinab; hin zu den politischen Dynamiken, die aus dem Terroranschlag erwuchsen. Sind sie nicht ihrerseits Variationen oder gar Wiederholungen älterer, auch staatlich angeordneter Terrorismen?
Sein Personal, amerikanische und Nazi-Offiziere, Politiker, Juristen und Folterer, benennt Goetz nach realen Figuren wie dem preußischen Kriegsminister Roon oder Dr. Schill, dem einstigen "Richter Gnadenlos" in Hamburg. Eine Überblendung Abu Ghraibs mit Nazi-Deutschland und mit dem Deutschland der Gegenwart, als würde die Historie selbst an ihren Tagesresten albträumen: Ist das nicht geschmacklos, relativiert das nicht die Geschichte?
Rainald Goetz geht es nicht um historische Rekonstruktion, Einordnung oder Bewertung. Praktischerweise beantwortet er die Frage "Was will der Autor?" im Stück selbst: Er wolle, so spricht er in der Rolle des "Autors", an die "Weltverdüsterung" erinnern, die stattgefunden hat, noch immer stattfindet und in furchtbarer Synchronizität auf ältere, auch staatlich angeordnete Gewaltexzesse verweist. "Über Empörung hinaus" wolle er das Geschehene "auch in seinen Gründen" erfassen, deshalb müsse der Text "vom Täter ausgehen, das Nein ihm gegenüber das Nachdenken ermöglichen, die verstehende Betrachtung der Geschichte". "Verstehen" nicht als Rechtfertigung, sondern als Instrument, um Muster auch jetzt und in Zukunft zu erkennen.
Goetz, bekanntlich Anhänger von Niklas Luhmanns Systemtheorie, rekonstruiert Geschichte als Gleichzeitigkeit von Systemen wie Justiz, Politik, Medien, Popkultur. Solche abstrakt klingende Rekonstruktion gelingt im Hörspiel, das ja keine Bilder vorgibt und die Zuhörer mit allen Ambivalenzen alleine lässt, weitaus wirkungsvoller als auf der Bühne.
Alles, was Verantwortliche und Opfer nach, vor und während immer neuer Gräueltaten an Rechtfertigungen von sich geben - die (inszenierten) Schreie der Gefolterten sind schwer erträglich, ebenso die realen O-Töne etwa Rumsfelds zu den "unknown unknowns" - löst sich aus dem historischen Datum, dem "Gegebenen". Es fügt sich zu neuen zerstörerischen Konstellationen. Ob die 80er-Hits "Life is Life" oder "We are the Champions" wirklich die amerikanischen Folterer bei Laune hielten, ist egal; denkbar zumindest ist es. Popmusik, schiefe Walzertakte eines Leierkastens und ein Chor aus einer Art Zwischenwelt verweben sich mit den Sprachmustern einer immer wieder neu gesampelten Macht.
Anders als auf der Bühne werden unter Hüsters Regie die vielen Sprecherinnen und Sprecher dennoch sehr wohl zu unterscheidbaren Figuren und handelnden Subjekten. Das liegt natürlich auch am herausragenden, teils schon von der Bühnenarbeit mit dem Text vertrauten Ensemble: etwa Fabian Hinrichs als Präsident Grotten, Burghart Klaußner als Vizepräsident Selch, Maria Schrader als Sicherheitsberaterin Frau von Ade oder Jens Harzer als Oberjustizrat Dr. Kelsen. Sie alle eignen sich das Rhythmische und Lyrische, notizhaft Abgerissene, verletzlich Tastende oder absichtlich Verquaste der Sätze und Satzfragmente an, statten es aber dennoch sehr individuell mit psychologischer Genauigkeit aus.
Wenn ein Oberst ans Mikrofon tritt und eine Rede hält, klingt das so: "Die Toten, der Staat, die Trauer, das Opfer, wir mussten, sie haben, wir werden, mit Gott." Dieses bloße Extrakt eines Verantwortungssermons wirkt umso absurder und zeitloser, als es hier nicht mechanisch gesprochen wird, sondern wie von einem Menschen, der wirklich um die richtigen Worte ringt.
Rainald Goetz, studierter Althistoriker und Nervenarzt, interessiert sich nicht für die theologische oder historische Interpretierbarkeit des "Reichs des Todes". Er überprüft dessen Tauglichkeit als Metapher für einen real existierenden, sich sprachlich manifestierenden Zustand moralischer "Kaputtheit". Von dort kommt es und dorthin führt es, das Kaputte, machtvoll und zerstörerisch. Tröstlich ist das nicht, aber es trägt dazu bei, sich "das Böse" nicht durch beruhigende Konstrukte des "Anderen" vom Leib zu halten, sondern etwas besser zu begreifen.
infobox: "Reich des Todes", Hörspiel, Regie und Bearbeitung: Henri Hüster, Buch: Rainald Goetz nach seinem gleichnamigen Bühnenstück (ARD Sounds, seit 4.9.26, NDRkultur, 5.9.26, 18.00-20.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 05.09.2026 09:55
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KNDR, Hörspiel, Goetz, Hüster, Lutz
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