08.09.2026 09:50
Deutschlandfunk-Hörspiel "Gerechte Strafen ..." von Hofmann&Lindholm
epd Erwachsene halten Rückschau. Um das Jahr 1967 in einer westdeutschen Kleinstadt geboren, erinnern sie sich an die Familie, die Nachbarschaft und Spiele mit Freunden. Gleichzeitig bricht die kleine und große Geschichte in ihr Leben ein. Kinder verschwinden im Wald, die NS-Vergangenheit ist gar nicht vergangen, und die Terroranschläge der RAF befeuern die Vorstellungskraft. Hannah Hofmann und Sven Lindholm vermessen in "Gerechte Strafen. Coming of Age einer Republik oder: Ein Märchen" das 20. Jahrhundert bis zum Fall der Mauer. Ein vielschichtiges Hörspiel Noir, das auch nach der Brüchigkeit von Erinnerung fragt.
Von der ersten Sekunde an erzeugt das Hörspiel eine beklemmende Atmosphäre, die einen packt. Leise Streicherklänge, eine aufheulende Sirene, und dazu eine sachliche Stimme, die ein Zimmer mit Stuhl, Tisch, Buch beschreibt. Oder sind es nicht eher mehrere Zimmer, die der Sprecher David Vormweg aufruft, wenn er anschließend von einem Konferenzraum spricht, aus dem die RAF 1975 in Stockholm gedroht hatte, die westdeutsche Botschaft in die Luft zu jagen, oder wenn er das Flugkontrollzentrum in Ramstein im Jahr 1988 vor der Flugschau-Katastrophe erwähnt?
Das erste Kapitel heißt "Das Durchgangszimmer", es werden noch drei mit dem gleichen Titel folgen. In ihnen reiht Vormweg weitere Daten, Orte und Ereignisse aneinander, die Schlaglichter auf die deutsche Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts werfen. Die Garderobe einer Münchner Turnhalle beispielsweise, in der sich ein israelischer Sportler 1972, einen Tag vor den Attentaten, auf seinen Wettkampf vorbereitet; das Badezimmer in einem Hotel in Genf, in dem man Uwe Barschel 1987 tot aufgefunden hat, und der Zeichensaal der Wiener Kunstakademie, in dem im Jahr 1907 ein gewisser Adolf Hitler die Aufnahmeprüfung nicht bestanden hat.
Die beschriebenen Räume werden zugleich ins Vage gerückt, wenn es heißt, man würde einen Raum nur erahnen oder jener würde diesem oder jenem Zimmer ähneln.
Die mehr als ein Dutzend Kapitel des düsteren Hörspiels, in dem es immer wieder regnet, teilen sich auf vier Überschriften auf. Neben "Das Durchgangszimmer" sind das "Die Nachbarschaft", "Die Ohrfeige" und "Die Geschwister". Sie korrespondieren auf subtile Weise miteinander, bespiegeln sich gegenseitig wie in einem Kaleidoskop.
"Das Durchgangszimmer" erweckt mit seiner Fülle an lediglich angedeuteten Ereignissen das gesamte 20. Jahrhundert zum Leben. Die Kapitel mit der Überschrift "Die Ohrfeige" wiederum halten am Beispiel des Skandals um Beate Klarsfeld eines dieser Ereignisse unter das Vergrößerungsglas. Zur Erinnerung: Die 29-Jährige ohrfeigte 1968 Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger öffentlich, um auf dessen NS-Vergangenheit aufmerksam zu machen.
Die Kapitel mit der Überschrift "Die Nachbarschaft" erzählen die Historie aus der privaten Sicht eines Mannes und einer Frau, die um 1967 geboren wurden. Darin wird beschrieben, wie es war, im Westdeutschland der 70er und 80er Jahre in einer Kleinstadt aufzuwachsen. Sie fungieren als Zeitzeugen und haben vermutlich das eine oder andere mit dem preisgekrönten Regie- und Autorenteam Hofmann&Lindholm, Jahrgang 1971 und 1968, gemein. Gesprochen werden sie von Michael Kamp und Cathlen Gawlich in einem Tonfall erwachsener Abgeklärtheit.
Die Männer waren einst im Krieg, es gab noch Tante-Emma-Läden, in den Nachrichten war häufig von der RAF die Rede und dazwischen Kinder, die beim Spielen von einem verlassenen Haus am Waldrand magisch angezogen werden. Bis sie eines Tages einsteigen und dabei etwas sehen, das sie panisch wegrennen lässt. Das Hörspiel verrät nicht, was es ist, stachelt aber die Neugier an mit dem Satz "Das wird uns ewig nachhängen".
Man kann nur mutmaßen, ob es nicht etwas mit den traurigen Kapiteln "Die Geschwister" zu tun hat. Diese kommen im "Es-war-einmal"-Stil eines Märchens daher und werden von Manuela Alphons schön hexenhaft vorgetragen. Erzählt wird von zwei Kindern, die von ihren Eltern zur Strafe an einem Rastplatz ausgesetzt wurden und schließlich im Wald verloren gehen. Die Geschichte erklärt den Hörspieltitel "Gerechte Strafen. Coming of Age einer Republik oder: Ein Märchen".
Das Duo Hofmann&Lindholm verzahnt auf kluge und komplexe Weise die große mit der kleinen Geschichte. Beeindruckendes Ergebnis ist das, was Philipp Felsch und Frank Witzel als BRD Noir bezeichnet haben. In ihrem gleichnamigen Gesprächsband von 2016 schreiben die Autoren: "Heute, wo wir um unsere Sicherheit und unseren Wohlstand fürchten, wäre es naheliegend, auf die alte Bundesrepublik als Idyll zu rekurrieren. Dass das Gegenteil der Fall ist, dass wir sie nicht als heiles, sondern als versehrtes Land imaginieren, bedeutet, dass wir ihren Mythen misstrauen."
Wer ungefähr im gleichen Alter wie Hofmann&Lindholm ist, wird vieles von dem, was ihr Hörspiel in Szene setzt, bestätigen können. Gleichzeitig hinterfragen sie die Zuverlässigkeit von Erinnerungen, die hier von alten Fotografien und Fundstücken wie die Haarspange eines Mädchens geweckt werden, wie vormals bei Proust durch die Madeleine.
infobox: "Gerechte Strafen. Coming of Age einer Republik oder: Ein Märchen." Hörspiel, Regie und Buch: Hannah Hofmann, Sven Lindholm (Deutschlandfunk, 8.9.26, 20.05-21.00 Uhr und bei ARD Sounds)
Zuerst veröffentlicht 08.09.2026 11:50
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KDLF, Hörspiel, Hofmann, Lindholm, Welle
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