10.09.2026 07:10
Das Finale von "Babylon Berlin" bei der ARD
epd Die finale Staffel von "Babylon Berlin" beginnt am 30. Januar 1933. Hitler wird von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Die neuen Episoden erzählen chronologisch weiter über den Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. Februar und seinen unmittelbaren Folgen, vom Ermächtigungsgesetz, dem Ende der ersten deutschen Demokratie, gegründet 1918 in Weimar. Der aufhaltsame Weg in die Diktatur ist vollendet, im März 1933 sind Neuwahlen, die diesen Namen nicht mehr verdienen. Vier Wochen Erzählzeit umfasst die fünfte und letzte Staffel. Vier Wochen, in denen sich ereignet, wofür in den Jahren zuvor die Weichen gestellt wurden, und wovon die Serie ab dem Jahr 1929 erzählte.
Eigentlich, so trägt es die Serie nun in kontrastierender Rahmenhandlung in Schwarzweiß nach, beginnt die Bedrohung der Republik unmittelbar im November 1918. Im Reservelazarett Pasewalk. In Dr. Forsters Obhut befinden sich hier die Simulanten und Nervengeschädigten des Ersten Weltkriegs. Traumatisierte und Kriegszitterer. Für den gebildeten Psychiater, Anhänger der Weltanschauungsphilosophie, Nietzsche-Apologet, sind diese die interessanten Menschen. Die Herausforderer seiner seelenärztlichen Kunst.
In jedem Menschen steckt ein Gott.
Zum Beispiel der erblindete Gefreite mit Namen Adolf Hitler. Nur der Wille zum Übermenschentum kann diesen als Hysteriker Diagnostizierten noch aus seinem stumpfen Elendsdasein befreien. Es ist der Wille, der in der entmythologisierten Welt allein Wunder möglich macht. Gott ist tot, der Mensch ist nun Gott. Dr. Forster (Ulrich Noethen) beschwört Hitler (Clemens Schick), das Gesicht des Patienten nahe an der Kerzenflamme. "In jedem Menschen steckt ein Gott. Das ist der Wille. Das ist die Energie. Ihnen ist alles möglich. Mehr und mehr." Nahaufnahme des blinden Auges. Plötzlich verengt sich die Pupille. Hitler sieht. Wir kennen die Folgen, die Menschheitsverbrechen mit Millionen Toten.
Ein alternativer Gründungsmythos wird hier präsentiert, als fiktive Korrektur der später verbreiteten Nazi-Lügen. Hätte Dr. Forster bloß den Mund gehalten, sich professionell auf anderen Feldern getummelt, im Lazarett Amputierte laufen gelehrt, hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben, es wäre anders ausgegangen. Oder vielleicht nicht. Hätte, wäre, würde.
In der fünften Staffel des als Mammutprojekt geplanten, zum Fernseh-Ereignis gewordenen "Babylon Berlin" lauern die historischen Alternativen immer noch an jeder szenischen Ecke, gleichzeitig aber scheint längst alles zu spät. Wenn nicht, so Gereon Raths (Volker Bruch) Conclusio, ein Tyrannenmord den Umschwung bringt. Das geplante Attentat, das zum Zerwürfnis mit seiner Verlobten Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) führt, ist hier nicht der einzige verzweifelte und letztlich vergebliche Versuch, die Weimarer Demokratie zu retten.
Der Zimmerwirtin Elisabeth Behnke (Fritzi Haberlandt) kommt dieses Mal eine besondere Rolle zu. Mit falscher Identität als Schwester Rosa Luxemburgs ausgestattet, will sie die Frauen unter den zerstrittenen linken Parlamentsabgeordneten an einen Tisch bringen und an weibliche Vernunft appellieren. Mit Lebensgefährte Katelbach (Karl Markovics) und Anwalt Litten (Trystan Pütter) schmiedet Behnke einen Plan. Ihre bürgerliche Unauffälligkeit ist ihre Lebensversicherung, und es gelingt ihr tatsächlich, Kommunistin Völcker (Jördis Triebel) und SPD-Frau Rosa Helfers (Jenny Schily) ins Gespräch zu bringen. Der Streit beginnt, als die männlichen Parteispitzen hinzukommen.
Brisante Informationen stecken in der verschwundenen Krankenakte Hitlers, nach der Charlotte sucht. Währenddessen bringt Gereon Dr. Forster über den Umweg über den Kölner Karneval nach Paris und wird auf dem Rückweg verhaftet und in ein geheimes Foltergefängnis der SA gebracht, wo er auf einige zentrale Figuren der Serie trifft, malträtiert, kurz vor dem Transport in Lager.
Während ein junger Niederländer namens Marinus van der Lubbe (Tobias Kersloot), von angeblichen Kommunisten unterstützt, plant, den Reichstag anzuzünden, sind der entkommene Rath und der Armenier Edgar Kasabian (Misel Maticevic) mit der Vorbereitung einer Sprengstofffalle im Schloss von Alfred Nyssen (Lars Eidinger) beschäftigt, wo Großindustrielle am Abend Hitler, den sie immer noch als ihre Marionette betrachten, und Feldmarschall Göring (Devid Sriesow) zum Appell erwarten. Wir wissen, dass der Anschlag schiefgehen muss.
Und doch hätte, was die Spannung angeht, die Komposition der Szenen und die weitere Figurenzeichnung, "Babylon Berlin" keinen besseren Abschluss finden können. Man merkt die Routine im positiven Sinn, die Wertschätzung für alle Gewerke und Details und das Bemühen, neben der politischen Ereignisgeschichte die individuellen Motivationen zum plausiblen Schluss zu bringen. Der legendäre Kriminalbeamte Ernst Gennat (Udo Samel) etwa lässt angesichts des Tumults draußen die Bürojalousien herunter und legt sich auf dem Bürosofa schlafen.
Charlottes früherer Chef Wilhelm Böhm (Godehard Giese) erkennt als Erster den Zusammenhang einer Mordserie, die ins Reservelazarett Pasewalk zurückführt. Wirkungsvoller noch als in früheren Staffeln wird hier die Gleichzeitigkeit von Wirklichkeit und Möglichkeit der Geschichte voll ausgespielt - eine Spannung, die in der historischen, zeitbezogenen Fiktion nur selten gelingt. Die Geschichtserzählung wird genutzt, um Kritik an der Aktualität zu üben.
Die letzten acht Folgen sind wieder locker nach Motiven von Volker Kutschers Romanen, dieses Mal nach dem Buch "Märzgefallene" gestaltet. "Märzgefallene", das sind einerseits die Opfer der gescheiterten Revolution von 1848/49, das ist aber auch der Nazi-Spottname für alle jene NSDAP-Opportunisten, die nach den Wahlen im März 1933 plötzlich den Hitler-Fan in sich entdecken.
Wie in den vorherigen Staffeln nehmen sich Achim von Borries, Tom Tykwer und Henk Handloegten kreative Freiheiten, ihre eigene szenisch-filmische Sicht auf die Machtkumulation der Nationalsozialisten, die Zerstörung der stützenden Strukturen der Demokratie, der freien Presse, die Gleichschaltung des Rundfunks und den Anteil der deutschen Großindustriellen und Adligen mit Kutschers historischer Detailkenntnis und den Polizeifilmhandlungen zu verbinden.
Zu spät, Hindenburg von der Idee abzubringen, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Zu spät, die Sozis und die Kommunisten dazu zu bringen, an einem Strang zu ziehen. Zu spät, dem Volk Wertschätzung für die Weimarer Demokratie nahezubringen, das süße Gift der Propaganda zu kontern, die Unterwanderung der Berliner Polizei durch die Nazis zu stoppen.
Oder doch nicht zu spät? "Babylon Berlin" wird sich bis zum Schluss immer wieder Momente und Begebenheiten schaffen, in denen die Verhinderung der nationalsozialistischen Verbrechensherrschaft möglich gewesen wäre. Weil die sogenannte Geschichte kein zwangsläufig ablaufendes Geschehen ist, sondern eine Vernetzung von Zufall, Möglichkeiten und persönlicher Verantwortung.
Filmischer Höhepunkt, fast zu deutlich symbolisch, ist die Inszenierung des Reichstagsbrands selbst als flammendes Inferno live aus dem Plenarsaal, mit der allerletzten existentialistischen Konfrontation Gereon Raths mit seinem Bruder Anno/Dr. Schmidt (Jens Harzer) ebendort. Emphase trifft auf Untergang, nur einer der beiden wird den Schauplatz aus eigener Kraft verlassen. Es ist eine Szene, die mit dem Schmonzettenhaften zumindest spielt und dazu auf Hochglanz-Überwältigung setzt.
Das glänzend-glitzernde, international konkurrenzfähige Niveau hat "Babylon Berlin" von Anfang an ausgezeichnet. Die Macher haben dabei auch den Kitsch nicht gescheut, nicht den Thrillereffekt, nicht die gelegentliche Denkabkürzung durch grandiose Schauwerte, insbesondere in den Massenszenen. Als die erste Staffel im Oktober 2017 als von manchen kritisierte Kooperation eines öffentlich-rechtlichen Senderverbunds mit dem Bezahlsender Sky herauskam, konnte man lesen, dass der internationale Verkaufserfolg der Produktion einer gewissen Oberflächlichkeit geschuldet sei.
Die Oberfläche hat eine große Zukunft.
Solche Arroganz ist nun selbst Geschichte und wird schon durch das dialektische Brecht-Zitat "Die Oberfläche hat eine große Zukunft" passend widerlegt. Nach dem Rückzug von Sky aus dem Geschäft mit Eigenproduktionen war lange nicht klar, ob "Babylon Berlin" zu Ende gebracht werden würde, Schauwerte hin oder her. Jetzt ist nicht nur das Werk vollendet und ein in zahlreiche Länder verkaufter Erfolg, sondern ein TV-Meilenstein, über den in der Hollywood-Presse anerkennend geschrieben wird.
Man kann sich in der ARD in einer sehenswerten Begleitdokumentation informieren, es gibt ein Game mit dem Titel "Eine Nacht im Moka Efti - Eine Babylon Berlin Story", sowie insgesamt vier Hörspielserien, Bearbeitungen der Romane von Volker Kutscher, abzurufen bei ARD Sounds und auch im Radio zu hören, die näher an den Büchern sind. Es besteht also die Möglichkeit, mit "Babylon Berlin" ganz in die Welt der späten Zwanziger und Dreißiger Jahre in Berlin einzutauchen.
Von der künstlerischen Auseinandersetzung jener Zeit im Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, von der Sprachskepsis und der Sprachkritik eines Hugo von Hofmannsthal oder eines Karl Kraus hat sich die Produktion wenig abgeschaut. Wer expressionistische Filme wie "Der Golem, wie er in die Welt kam" (1920) von Paul Wegener und Carl Boese oder die Filme von Fritz Lang kennt, wer "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" (1927) von Walther Ruttmann oder auch die andere große Berlin-Serie, Rainer Werner Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" (1980) nach Alfred Döblins epochemachendem, 1929 erschienenen Roman gesehen hat, wird bemerken, dass hier eine eigene Handschrift Zeit-, Gruppen- und Individualporträts Berlins zweitrangig sind.
Es gab aber auch in "Babylon Berlin" Figuren, die wie eine Hommage an die Filmgeschichte aussahen, beispielsweise Peter Kurths leitender Kommissar der Sittenpolizei Bruno Wolter, der aussah, als käme er direkt aus "M - Eine Stadt sucht einen Mörder".
Das Groteske, Zerrissene, Deformierte der damaligen Zeitstimmung fand in der ästhetischen Bildsprache der Serie nicht viel Platz, sehr wohl aber der Geschwindigkeitsrausch, das Faible für Präzision und Timing. Queeres wurde gezeigt, das Amüsement, die Lichtreklame, die Lust an der Selbsterfindung, Tanz, Musik und Spottlied.
In der letzten Staffel wird einige Aufmerksamkeit dem sexualwissenschaftlichen Institut von Magnus Hirschfeld und dem Schicksal des Polizeifotografen Reinhold Gräf (Christian Friedel) gewidmet. In einer beklemmenden Szene wird das satirische Couplet "An allem sind die Juden schuld" von Friedrich Hollaender, gesungen auf die bekannte Melodie aus George Bizets "Carmen", im Nachtclub aufgeführt. SA-Angehörige übernehmen den Gesang, im Marschrhythmus stampfend. Was die Absurdität des Antisemitismus ironisch auf die Spitze trieb, nutzen nun die SA-Schläger als Gewaltrechtfertigung. In "Babylon Berlin" flieht die Sängerin schließlich.
Und wir sind dabei gewesen. Dass wir nicht ohnmächtig sind, sondern verantwortlich für unsere Demokratie, dürfte am Ende auch denen klar sein, die die Serie nur wegen der guten Unterhaltung, des Zeitkolorits, der historischen True-Crime-Anmutung oder wegen des emanzipatorischen Werdegangs von Charlotte Ritter als Kriminalpolizeianwärterin geschaut haben.
Am Ende erinnert "Babylon Berlin" an die echten Vorbilder einiger Figuren, zeigt Fotos und dokumentiert ihr Schicksal, meist ihre Ermordung. Eine Würdigung der wirklichen Helden jener Zeit.
infobox: "Babylon Berlin", achtteilige fünfte Staffel, Regie und Buch: Achim von Borries, Tom Tykwer, Henk Handloegten, Kamera: Christian Almesberger, Bernd Fischer, Philipp Haberlandt, Produktion: X Filme Creative Pool, Beta Film (ARD-Mediathek/Degeto/WDR/SWR/HR/Radio Bremen/RBB, seit 10.9.26, ARD, 19.9.,26, 20.15-23.15 Uhr und 25.9.26, 22.20-1.05 Uhr); "Babylon, Berlin, die Doku", Dokumentation, Regie und Buch: Christian Jakob (ARD-Mediathek/SWR, seit 10.9.26, ARD, 21.9.26, 22.50-23.35 Uhr); "Babylon Berlin, Making Of", Regie und Buch: Claus Wehlisch (ARD, 25.9.26, 1.05-2.03 Uhr), "Haus Vaterland", achtteilige Hörspielserie nach den Büchern von Volker Kutscher, Regie: Benjamin Quabeck, Bearbeitung: Thomas Böhm, Benjamin Quabeck (ARD Sounds/WDR, seit 3.9.26)
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Heike Hupertz ist freie Journalistin und TV-Kritikerin.
Zuerst veröffentlicht 10.09.2026 09:10 Letzte Änderung: 10.09.2026 09:17
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Programm, ARD, Babylon Berlin, Hupertz, NEU
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