14.09.2026 12:31
Wie das Fernsehen über den 25. Jahrestag von 9/11 berichtete
epd 2.977 Drohnen formten am Vorabend der Gedenkfeiern über New York die Silhouetten der beiden Türme des World Trade Center. Jede Drohne stand für einen Toten bei den Anschlägen, die die Türme am 11. September 2001 zum Einsturz brachten. Eine spektakuläre Light-Show, die durch Präzision beeindruckte. Die aber auch - ob beabsichtigt oder nicht - Assoziationen an eine andere Form von Drohnen-Einsätzen in vielen Teilen der Welt weckte. Auch der von den USA in Afghanistan und Pakistan geführte Drohnenkrieg hat zahlreiche zivile Opfer gekostet.
Über den "Krieg gegen den Terror", den hybriden Krieg der Zukunft und die Folgen für die internationale Rechtsordnung sprach auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler im live gesendeten "Weltspiegel Extra" der ARD am Freitagabend. Das von Moderatorin Ellen Ehni geführte Interview war der lobenswerte Versuch einer intellektuellen Zumutung, der noch lobenswerter gewesen wäre, wenn Ehni das Gespräch mit Münkler nicht zweimal hätte hastig unterbrechen beziehungsweise beenden müssen. Münklers letzter Satz, den er auch noch mit dem lateinischen Fach-Ausdruck "tertium non datur" schmückte, verlor sich im Unvollendeten. Jedenfalls kann man dem für die Sendung verantwortlichen WDR nicht vorwerfen, er habe das Publikum unterfordert.
Auch das ZDF sendete aus Anlass der offiziellen Gedenkfeiern in den USA am Freitag live. Die Sendung bestand wie der "Weltspiegel" im Ersten teilweise aus vorbereiteten Beiträgen, allerdings moderierte Shakuntala Banerjee, die Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen, vor Ort in New York und wirkte überdies etwas souveräner und sortierter als WDR-Fernseh-Chefredakteurin Ehni im Studio in Köln. Außerdem sah man Banerjee auch als Reporterin, das verstärkte den Eindruck, dass das ZDF näher dran war. Sie traf in New York zwei Frauen, die sich in den USA für die Anerkennung der gesundheitlichen Spätfolgen der Anschläge in New York einsetzen.
Dieser Aspekt wurde auch im Ersten aus naheliegenden Gründen thematisiert. Denn vor einem halben Jahr starb der Kameramann Joe McCarthy, der viele Jahre für die ARD gearbeitet hatte, an Krebs. Er war am 11. September 2001 in New York wie so viele nach dem Einsturz der Türme einer giftigen Wolke ausgesetzt gewesen. Zum ersten Mal waren in diesem Jahr auch Menschen zu der Gedenkfeier eingeladen, die an Spätfolgen erkrankt sind oder deren Angehörige an Spätfolgen starben.
Kurioserweise war die Gedenkfeier in New York bereits vorbei, als das ZDF auf Sendung ging. Die ARD war früher dran, aber im Grunde noch weiter weg. Denn bei der Feier am Ground Zero, die ganz den Angehörigen vorbehalten war und bei der auch keine politischen Reden gehalten wurden, waren die Medien ausgeschlossen. So simulierten die Live-Schalten zu Korrespondentinnen und Korrespondenten eher ein Gefühl des Dabeiseins. Die ARD schickte Reporterin Giselle Ucar zu Orten, die bei den Rettungsarbeiten am 11. September 2001 einige Bedeutung hatten. Doch von der Feuerwache in der Nähe von Ground Zero und der ältesten Kirche New Yorks, die wundersamerweise fast unbeschädigt geblieben war, sah man kaum Bilder, weil Ucar offenbar nur mit Sicherheitsabstand drehen durfte.
Das Bemühen um eine differenzierte Berichterstattung kann man beiden Sendern nicht absprechen. So sprach Isabel Schayani im Ersten mit zwei muslimischen Ärztinnen und einem Theologen in Deutschland darüber, was sich für sie nach den Anschlägen änderte. Muslime seien unter Generalverdacht geraten, kommentierte Schayani und brachte in ihrem Beitrag auch einen medienkritischen Hinweis unter: "Wissenschaftler haben mehrmals aufgezeigt, dass deutsche Medien nach 9/11 vor allem stereotyp und negativ über den Islam berichteten."
Der Tag, der die Welt veränderte.
Im ZDF analysierte Elmar Theveßen die Anti-Terror-Strategie von US-Präsident Donald Trump, der Personal vom Nationalen Anti-Terror-Zentrum abzog, um die Einwanderungsbehörde ICE zu verstärken. Die neue Strategie ist nun auf den Kampf gegen islamistische Organisationen, Drogenkartelle und Linksextremisten ausgerichtet. Rechtsextremismus oder von Staaten ausgeübter Terror bleiben ausgeklammert, auf internationale Zusammenarbeit wird weniger Wert gelegt. Theveßen interviewte den US-Terrorismus-Experten Bruce Hoffman, der vor neuen Bedrohungen warnte, etwa davor, dass Terroristen amerikanische Städte mit Schwärmen frei verkäuflicher Drohnen angreifen könnten. Ein dystopischer Ausblick, der die Gedenkinstallation noch einmal in einem anderen Licht erscheinen ließ.
Dass der 11. September 2001 in vielfacher Hinsicht bis heute nachwirkt, davon berichteten in den vergangenen Tagen die zahlreichen Dokumentationen aus Anlass des 25. Jahrestags. "Der Tag, der die Welt veränderte", wie ARD und ZDF ihre Live-Sendungen einhellig betitelten, wirkt allerdings in der Gesamtbetrachtung aller Produktionen nicht wie ein Datum in einem historischen Kontinuum, sondern eher wie eine von Terroristen ausgelöste Stunde Null. Die Vorgeschichte der Anschläge blieb in den aktuellen Produktionen ein weitgehend blinder Fleck, auch fehlte ein gründlicher Blick auf die historischen Entwicklungen in der islamischen Welt. Ob es sich wirklich um Anschläge wie "aus heiterem Himmel" (Münkler) handelte, ist fraglich.
Es liegt womöglich auch an der makabren Faszination, den die ins kollektive Gedächtnis eingebrannten Bilder vor 25 Jahren und die damit verbundenen menschlichen Schicksale bieten, dass die Dramatik der Ereignisse rund um den 11. September immer noch so deutlich im Mittelpunkt stehen. Deren buchstäblicher Bildgewalt kann man sich kaum entziehen. Indem sich der live vom Fernsehen gesendete Terror in einer makabren Dramaturgie über Stunden bis zum nicht für möglich gehaltenen Einsturz des World Trade Center steigerte, war den Selbstmordattentätern und ihren Hintermännern eine nahezu perfekte Inszenierung im Stile des Hollywood-Kinos "gelungen".
Originalbilder, die aus naheliegenden Gründen fehlen, können mittels visueller Effekte simuliert werden. So blickt man zu Beginn von "9/11 - 102 Minuten im World Trade Center" mit dem Kamera-Auge aus den Fenstern des 85. Stockwerks des Nordturms und sieht das erste Flugzeug direkt auf das Gebäude zurasen und nur wenig oberhalb des eigenen Standorts einschlagen. Es wäre ausgesprochen zynisch, sich am gewaltsamen Tod Tausender zu weiden, aber die Produktion der britischen Firma Arrow Media, die im History Channel ausgestrahlt wurde und bei Sky abrufbar ist, erzählt vom Wunder des Überlebens. So berichten in Interviews nicht nur zwei Männer, die im 85. Stock das Flugzeug kommen sahen, sondern weitere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus der Innenperspektive der Zwillingstürme. Die manchmal unglaublichen Geschichten der Überlebenden und die Echtzeit-Dramaturgie sorgen für enorme Spannung.
Der Dokumentarfilm "September" von Johan von Mirbach, den Spiegel TV im Auftrag von WDR, NDR und BR für das Erste und die ARD-Mediathek produzierte, setzt dagegen nicht auf spektakuläre Effekte und rückt eher die Langzeitfolgen für Betroffene in den Blickpunkt. Etwas klischeehaft, aber unterhaltsam (auch dank Alicia Keys und Donna Summer) wird anfangs das Lebensgefühl eines unbeschwerten New Yorkers Sommers beschworen. Wie die Anschläge auf die Zwillingstürme ihr Leben verändert haben, schildern einige traumatisierte Zeitzeuginnen: eine junge, frisch verliebte deutsche IT-Beraterin, die gerade mit ihrem Freund in eine Wohnung in der Nähe des World Trade Centers gezogen war; eine ebenfalls aus Deutschland stammende Kranführerin, die bei den Aufräumarbeiten half; sowie die damals elfjährige Tochter eines Feuerwehrmannes, der später an Krebs starb.
Von Mirbach konzentriert sich auf die Tage vor und nach dem 11. September, mischt Archivbilder mit ungesehenen privaten Aufnahmen, skizziert auch die weiteren Ereignisse und bietet einige prominente Zeitzeugen wie Ex-Gouverneur George Pataki, Ex-Außenminister Joschka Fischer, den SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil und den damaligen ARD-Korrespondenten Claus Kleber auf. Ohne eigene Kommentare aus dem Off gelingt eine dichte, packende Montage über die folgenschweren Tage im September 2001.
Am ausführlichsten setzt sich die dreiteilige ZDF-Dokuserie "9/11 - Der lange Schatten des Terrors" (ZDFinfo) mit den Folgen der Anschläge auseinander. Ein Thema ist auch hier der sprunghafte Anstieg von Hassverbrechen in den USA, erzählt am Beispiel von Rais Bhuiyan, eines Einwanderers aus Bangladesch, dem der Rechtsextremist Mark Stroman in Dallas zehn Tage nach den Terroranschlägen mit einer Schrotflinte aus nächster Nähe ins Gesicht schoss. Bhuiyan überlebte, begab sich 2009 auf eine Pilgerreise nach Mekka und setzte sich anschließend dafür ein, dass der wegen mehrerer Mordanschläge nach 9/11 zu Tode verurteilte Stroman nicht hingerichtet wird - was im Juli 2011 dennoch geschah.
Bhuiyan kämpft seither in den USA mit seiner Organisation "World without Hate" für ein gewaltloses Miteinander. Im ersten Teil der Dokuserie sagt er: "Unsere verpassten Chancen auf Frieden bedeuten nicht, dass wir es künftig nicht besser machen können." So viel Optimismus ist selten.
Jahrhundert der Macht der Bilder
Neben Bhuiyan kommen in dem sehenswerten Dreiteiler von Lisa-Marie Schnell und Niklas Kreusch verschiedene, gut ausgewählte Zeitzeugen zu Wort. Im zweiten Teil etwa der ehemalige CIA-Agent John Kiriakou, der als Erster das Folterprogramm der USA öffentlich zur Sprache brachte und dafür zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Und im dritten Teil beeindrucken unter anderem die Fotos der in Afghanistan getöteten Anja Niedringhaus, an die ihr Kollege Kai Pfaffenbach im Interview erinnert.
"Das 21. Jahrhundert ist mehr als jedes Jahrhundert zuvor ein Jahrhundert der Macht der Bilder, und die Bilder haben eine ganz neue, eigene politische Qualität und Relevanz gewonnen", wird der Historiker Andreas Rödder zitiert. Das passt ans Ende eines Dreiteilers, der auch von Youtube-Verschwörungsvideos, islamistischen Propagandafilmen und ebenfalls von den modernen Drohnenkriegen handelt. Und nebenbei lässt sich bei dieser Produktion beobachten, dass mit Bedacht eingesetzte KI-generierte Spielszenen das häufig unbefriedigende Reenactment mit Schauspielerinnen und Schauspielern ersetzen können.
Doch auch das kann gelingen, wie das zweiteilige ZDF-Dokudrama "9/11 - Die Geiseln des Terrors" zeigte, in dem sich Spielszenen mit der dokumentarischen Aufarbeitung von weitgehend in Vergessenheit geratenen dramatischen Ereignissen im Herbst 2001 in Afghanistan abwechselten: Am 5. August 2001 wurden in Kabul 24 Menschen verhaftet, acht Entwicklungshelfer des christlichen Hilfswerks "Shelter now" und 16 Ortskräfte. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten Muslime dazu gebracht, Christen zu werden. Der Verdacht liegt allerdings nahe, dass die herrschenden Taliban zu diesem Zeitpunkt bereits von den Al-Kaida-Anschlagsplänen wussten und sich mit den Geiseln ein Faustpfand für den bevorstehenden Konflikt mit den USA sichern wollten. Tatsächlich boten sie Anfang Oktober deren Freilassung an, wenn die US-Regierung die massiven Drohungen gegen die Regierung in Kabul beenden würde.
Kurz danach griffen das US-Militär und die mit ihr verbündete afghanische Nordallianz an: Die Geiseln wurden aus Kabul nach Ghazni verschleppt, gerieten dort nach der Flucht der Taliban in die Hände eines Warlords und wurden schließlich Mitte November von einer US-Einheit befreit - das glückliche Ende von mehr als 100 Tagen Willkür und Todesangst. Autor Ingo Helm führte Interviews mit ehemaligen Geiseln, darunter mehreren Frauen, und sprach auch mit ehemaligen Diplomaten und Ex-Außenminister Fischer über die Bemühungen zur Freilassung der Geiseln.
Das frauenfeindlichste Land der Welt.
Sabine Bernardi führte die Regie bei den Spielszenen, die mehr sind als diffuse Illustrationen und erahnen lassen, unter welchem Druck die Geiseln in konkreten Situationen standen. In ihrem Gefängnis mussten die deutschen Entwicklungshelfer mit anhören, wie die afghanischen Ortskräfte von den Taliban immer wieder misshandelt wurden. Zur hier angewandten Sorgfalt gehört auch, dass die Dialoge nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch, Dari und Paschtu gesprochen werden - sicher eine besondere Herausforderung für Moritz Führmann, der Georg Taubmann spielt, den Manager von "Shelter now" und Wortführer der Geiseln.
Das Dokudrama erinnert an die Schreckensherrschaft der Taliban jener Tage, gleichzeitig wird in den Interviews mit Taubmann und den anderen Geiseln eine tiefe Verbundenheit zu Afghanistan deutlich. Trotz der erlittenen Geiselhaft kehrten einige später mit "Shelter now" ins Land zurück. Auch damit bietet der ZDF-Zweiteiler eine etwas andere Perspektive an. Heute ist Afghanistan nach der Rückkehr der Taliban wieder "das frauenfeindlichste Land der Welt", sagt ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf. Als wäre nichts geschehen.
infobox: "9/11 - Der lange Schatten des Terrors", dreiteilige Dokureihe, Regie und Buch: Niklas Kreusch, Lisa-Marie Schnell, Produktion: Eco Doc (ZDFinfo, 4.9.2026, 21.45-0.00 Uhr und in der ZDF-Mediathek); "September", Dokumentation, Regie und Buch: Johan von Mirbach, Produktion: Spiegel TV (ARD/WDR/NDR/BR, 11.9.26, 20.15-21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek); "9/11 - Die Geiseln des Terrors", zweiteiliges Dokudrama, Regie und Buch: Ingo Helm, Sabine Bernardi (Spielszenen), Produktion: Eikon Media (ZDF, 8.9.26, 20.15-21.00 Uhr und 9.9.26, 1.00-2.30 Uhr sowie in der ZDF-Mediathek); "Weltspiegel extra: Der Tag, der die Welt veränderte - 25 Jahre nach 9/11", Live-Sendung mit Ellen Ehni, Regie: Oliver Dauer (ARD/WDR, 11.9.26, 18.50-19.58 Uhr und in der ARD-Mediathek); "ZDF spezial: 11. September - Der Tag, der die Welt veränderte", Live-Sendung mit Shakuntala Banerjee, Regie: Stefan Kampmann (ZDF, 11.9.2026, 19.25-20.12 Uhr und in der ZDF-Mediathek); "9/11 - 102 Minuten im World Trade Center", Dokumentation, Produktion: Arrow Media (The History Channel, 11.9.26, 20.15-22.00 Uhr, sowie bei Sky und Sky X auf Abruf)
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Thomas Gehringer ist freier Journalist und Autor von epd medien.
Zuerst veröffentlicht 14.09.2026 14:31 Letzte Änderung: 14.09.2026 14:37
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Terrorismus, Jahrestage, 9/11, ARD, ZDF, Gehringer, NEU
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