Intellektueller Anspruch - epd medien

17.09.2026 07:30

Jörg Pilawa moderiert das aus Frankreich importierte Quizformat "Wer ist Deutschlands Superhirn?" bei Sat.1 und Joyn. Sat.1 preist das Format als "härteste Denksportarena" an. Das ist nicht übertrieben.

Quizshow "Wer ist Deutschlands Superhirn?"

Jörg Pilawa präsentiert "Wer ist Deutschlands Superhirn?"

epd Streng genommen führt der Singular im Titel dieser neuen Quizshow in die Irre, denn Sat.1 sucht sechs Superhirne: Jede Ausgabe des netto rund zwei Stunden langen Formats ist in sich abgeschlossen. Die angekündigten 50.000 Euro gibt es aber nur theoretisch. Und der Applaus kommt vom Band. Das sind aber die einzigen Einwände gegen das überraschend kurzweilige Konzept.

Das Publikum kann per App teilnehmen oder einfach auf dem Sofa mitspielen. Das kann allerdings frustrierend sein, denn bei den Fragen geht es nicht wie sonst um Allgemeinwissen. Die Aufgaben haben das Niveau eines anspruchsvollen Intelligenztests und als Zuschauer fühlt man sich oft wie der Ochs vorm Berg.

Bis in den letzten Kreis

"Wer ist Deutschlands Superhirn?" ist ein Import aus Frankreich. Der Originaltitel "Le Dernier Cercle" bezieht sich auf den Höhepunkt des Spiels: Der Studioboden besteht aus konzentrischen Kreisen rund ums Moderationspult. Von Runde zu Runde reduziert sich die Zahl der Teilnehmenden: von 50 auf 40, auf 20 und so weiter. Wer nicht ausscheidet, darf einen Kreis weiter Richtung Zentrum vorrücken, bis schließlich erst fünf und im Finale nur noch zwei im letzten Kreis übrig bleiben.

Die ersten Fragerunden sind nach Fachgebieten geordnet, es geht unter anderem um räumliches Denken, Logik, Sprache, Mathematik und Gedächtnisleistungen. Neben den korrekten Antworten spielt auch die Zeit eine Rolle: Bei Gleichstand kommt weiter, wer schneller war. Alle tragen ein Gerät in der Größe eines Smartphones am Handgelenk, in das sie ihre Angaben eintippen.

Fragenniveau bis zur "IQ-Elite"

Musik und Lichteffekte setzen die üblichen Ausrufezeichen, optisch wirkt das Format nicht zuletzt dank der Studiotechnik und diverser Farbenspiele ziemlich aufwendig. Seine Alleinstellung verdankt es jedoch dem intellektuellen Anspruch. Der erste Kreis ist für "Einsteiger", der zweite für "Fortgeschrittene" und so weiter bis hin zur "IQ-Elite". Anders als etwa bei "Wer wird Millionär?" geht es hier von Beginn an zur Sache. Sat.1 preist die Show als "Deutschlands härteste Denksportarena", und das ist nicht übertrieben. Weil die ersten Hürden vermeintlich leicht sind, läuft die Zeit bereits nach 15 Sekunden ab. Das erweist sich spätestens beim Rechnen schon jetzt als echte Herausforderung.

In den nächsten Runden werden die Anforderungen immer höher und kniffliger, zumal man nicht selten um die Ecke denken muss. Anfangs gibt es noch Hilfestellungen ("Achten Sie auf die schwarze Katze!"), später sind die Männer und Frauen auf sich allein gestellt. Mittlerweile haben sie zwar gelernt, dass es meist nicht um das Offensichtliche geht, aber das hilft im Zweifelsfall nicht weiter, wenn man von vornherein auf der falschen Fährte war: Ein Zeichentrickfilm zeigt einen Mann am Laptop, hin und wieder nimmt er einen Schluck aus seinem Becher, im Hintergrund rasen Uhrzeiger im Zeitraffer über ein Zifferblatt, und dann kommt die Frage: "Um wie viel Uhr trinkt er seinen vierten Schluck Kaffee?"

Bei manchen Fragen kann sogar die "IQ-Elite" nur noch raten. Manchmal genügt es, die Teile zu zählen, um ein Puzzle korrekt zusammenzusetzen, ein anderes Mal wirkt ein Rätsel wie ein Buchstabensalat. Oft besteht die Schwierigkeit darin, die Gemeinsamkeiten von Begriffen zu entdecken, um in den Antwortmöglichkeiten die richtige Lösung zu wählen: weil zum Beispiel alle vorgegebenen Wörter sämtliche Vokale enthalten.

Keine Berufsmüdigkeit beim "Quiz-Onkel" spürbar

Gegen Ende gibt es keine Kategorien mehr. Das erweist sich als besonders tückisch, wenn unter anderem eine Kombination aus Gedächtnisleistung und logischem Denken gefragt ist: Ein Bild zeigt eine aus fünf Personen bestehende Familie inklusive Angaben zu Alter und Vornamen. Die Aufgabe klingt wie eine absurde Scherzfrage: Wie lautet der Nachname?

Den Erfolg von "Wer wird Millionär?" hat Günther Jauch einst mit dem Konzept begründet: Das sei so gut, "da könnte man auch einen Besenstiel als Moderator hinsetzen". Die Bescheidenheit ehrt ihn zwar, ist aber natürlich Unfug: Viele Menschen verfolgen den RTL-Dauerbrenner vor allem seinetwegen. Jörg Pilawa ist nicht Günther Jauch, und "Deutschlands Superhirn" wird vermutlich kein moderner Klassiker, aber der Unterhaltungsfaktor hat auch in diesem Fall viel mit dem Moderator zu tun. Sollte Pilawa nach gut 30 Jahren als "Quiz-Onkel" eine gewisse Berufsmüdigkeit verspüren, so ist davon hier jedenfalls nichts zu spüren.

infobox: "Wer ist Deutschlands Superhirn?", sechsteilige Quizshow mit Jörg Pilawa, Produktion: Tresor TV (Sat.1, seit 4.9.26, jeweils donnerstags, 20.15-23.00 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 17.09.2026 09:30

Tilmann Gangloff

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSat.1, Quizshow, Pilawa, Gangloff

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